„Warum sollte jemand keinen Mieterstrom wollen?“, fragt Harald Wenzel. Der 64-Jährige steht im Innenhof des Berliner Möckernkiezes. Der 7.000-Quadratmeter- Komplex in Kreuzberg ist das größte genossenschaftliche Wohnprojekt Deutschlands. Wenzel ist einer von rund 400 Mietern, die im vergangenen Jahr das neue Quartier bezogen haben. Für den Deutsch- und Musiklehrer war sofort klar, dass er Strom aus dem Blockheizkraftwerk (BHKW) und den Photovoltaik-Anlagen (PV) des Möckernkiezes nutzen will – zum günstigen Mieterstromtarif.

Gleiches wollen die meisten Mitglieder der Genossenschaft. „Wir haben hier eine Teilnahmequote von 80 Prozent“, sagt Maximilian Seget vom Ökostromanbieter Naturstrom, zuständig für das Energiemanagement der Anlage. „Das ist richtig gut.“ Bei Mieterstrom-Projekten, die in bestehenden Gebäuden realisiert werden, liege die Quote oft deutlich darunter. Anders als Erstbezieher haben Bestandsmieter meistens schon Stromverträge – und müssen sich daher nicht mit der Wahl eines Stromtarifs befassen. 

Mehr Mieter wünschen sich lokal erzeugten Strom
  
Als Mieterstrom wird Strom bezeichnet, der in zum Gebäude gehörenden Anlagen erzeugt und direkt an die Mieter geliefert wird. Nicht verbrauchte Energie wird ins Stromnetz eingespeist und vergütet. 40 Prozent der Mitglieder des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) wollen laut einer Umfrage in Zukunft Mieterstrom anbieten, immer mehr Mieter wünschen sich lokal erzeugten Strom. Mieterstrom gilt als ideales Werkzeug, die Energiewende in den Städten voranzutreiben. Denn die Ökoenergie wird dort erzeugt, wo sie auch verbraucht wird – Stichwort dezentrale Energieversorgung. Außerdem könnten Mieterstrommodelle ein Bestandteil von Quartierskonzepten sein und den Weg in die Smart City ebnen.

Möckernkiez-Mieter Harald Wenzel
Möckernkiez-Mieter Harald Wenzel: „Warum sollte jemand keinen Mieterstrom wollen?“ Foto: Heinrich Holtgreve
Im Idealfall haben alle Beteiligten etwas davon: Die Mieter, die sich demokratisch und direkt an der Energiewende beteiligen können, ganz ohne Eigenheim. Die Wohnungsbau- gesellschaften, die damit ihr Image pflegen und kleine Erlöse aus der Verpachtung der Dachflächen erwirtschaften können. Und die Stromversorger, die sich neue Geschäftsfelder erschließen und den Mieterstrom-Kunden gleichzeitig auch Netzstrom, Wärme, E-Ladesäulen und Sharing-Konzepte verkaufen können. 

Ernüchternde Bilanz

Dennoch sind Projekte wie der Möckernkiez noch selten in Deutschland. Der vorherigen Großen Koalition gelang es nach monatelangem Ringen erst Mitte 2017, das Mieterstromgesetz zu verabschieden. Es sollte solchen Projekten zum Durchbruch verhelfen. Doch auch die Bilanz von 2018 ist ernüchternd: Von Januar bis Dezember wurden 306 Projekte mit insgesamt nur 6,4 Megawatt-Peak (MWp) Spitzenleistung gefördert – es ist also noch sehr viel Luft nach oben bis zur jährlichen Obergrenze von 500 MWp.

Energie-, Wohnungswirtschafts- und Umweltverbände kritisieren, dass der Mieterstrom – obwohl sozialpolitisch erwünscht – nach wie vor nicht zum Abheben kommt. Zwar dürfte die Gesamtzahl der realisierten Projekte deutlich höher sein, weil viele schon vor der Verabschiedung des Regelwerks realisiert wurden. Trotzdem ist Mieterstrom noch lange kein Selbstläufer.

Energiesammelgesetz verunsicherte die Branche

Zuletzt sorgte das Ende 2018 beschlossene Energiesammelgesetz für Verunsicherung. Demnach werden die Vergütungssätze für große Solaranlagen von 40 bis 750 Kilowattpeak (kWp) Leistung im Zeitraum von Februar bis April dieses Jahres schrittweise auf elf Prozent gekürzt. Die Einnahmen in Mieterstromprojekten sinken also, wobei die Auswirkungen umso geringer sind, je kleiner die Anlage ist.

Auf der anderen Seite soll es Erleichterungen für Mieterstrom geben: Der Bundestag erhöhte den Freibetrag für „sonstige Einnahmen“ für Genossenschaften von 10 auf 20 Prozent, wenn die zusätzlichen Einnahmen aus Mieterstromprojekten kommen. Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW), geht davon aus, dass es für Wohnungsgenossenschaften einfacher wird, Mieterstrom anzubieten: „Eine höhere Freigrenze erleichtert es Wohnungsunternehmen, Mietern preiswerten Solarstrom anzubieten – weitere Marktbarrieren für Mieterstromprojekte sollten jetzt abgebaut werden, um die Energiewende in die Innenstädte zu holen.“

Viele Hürden bleiben

Trotz allem bestehen aus Sicht der Kritiker immer noch zu viele Hürden und Unwägbarkeiten.  „Den Mieterstromzuschlag nehmen zahlreiche Unternehmen erst gar nicht in Anspruch, weil die Hürden, um ihn zu bekommen, unserer Meinung nach viel zu hoch sind“, sagt etwa Michael Ebling, Präsident des Verbands der kommunalen Unternehmen (VKU). Und Naturstrom-Energiemanager Seget bilanziert: „Mieterstrom bringt einigen Aufwand mit sich, da in den meisten Netzgebieten die nötigen Prozesse noch nicht etabliert sind. Da leisten wir Pionierarbeit, was zuweilen auch ziemlich anstrengend ist.“

Aus ökologischer Überzeugung sei Mieterstrom aber nur zu befürworten: „Wir bringen damit die Energiewende in die Innenstädte und schaffen eine viel direktere Beziehung zum Stromverbrauch. Die Mieter sehen: Das ist nicht der anonyme Strom aus der Steckdose, sondern der kommt bei Sonnenschein wirklich aus der Solaranlage.“  


Im Möckernkiez war keine Überzeugungsarbeit nötig: „Eine ökologisch nachhaltige Energieversorgung gehörte von Anfang an zur Vision“, sagt Frank Nitzsche, der Geschäftsführer der Genossenschaft. Vor zehn Jahren beschloss eine Gruppe von Berlinern, das Grundstück am Gleisdreieieck zu kaufen. Sie wollten dort selbst bauen und wohnen, anstatt es Spekulanten zu überlassen. Den Umweltschutz-Gedanken schrieben sie sich mit dem Namen „Möckernkiez Genossenschaft für selbstverwaltetes, soziales und ökologisches Wohnen“ quasi in ihre DNA.

Ursprünglich wollten die Genossen Strom und Wärme komplett in Eigenregie produzieren. Doch vor rund vier Jahren ging ihnen das Geld aus, das gesamte Projekt stand auf der Kippe. Sie steuerten um, erhöhten die Mieten und holten Naturstrom als Energie-Contractor an Bord. Der Stromanbieter pachtete fünf der 14 Dachflächen und installierte Photovoltaik-Anlagen mit einer Spitzenleistung von 135 Kilowatt Peak. Er baute BHKW, Heizkessel und Pufferspeicher ein und legte ein 600 Meter langes Nahwärmenetz.

Ladesäulen für E-Autos als Teil des Konzepts

Im vergangenen August stellte Naturstrom dann auch noch öffentlich zugängliche Ladesäulen für Elektroautos mit je 44 kW Leistung auf, die etwa die Kunden des neuen Bio-Supermarktes im Möckernkiez nutzen können. Außerdem legte Naturstrom in der Tiefgarage Anschlüsse, sodass nachträglich noch mehr E-Ladepunkte installierbar sind. 

Möckernkiez-Mieter Harald Wenzel: „Warum sollte jemand keinen Mieterstrom wollen?“ Foto: Heinrich Holtgreve
Aus Sicht von Tim Meyer, Naturstrom-Vorstand für Energieinfrastruktur und Dezentrale Energieversorgung, liegt eine große Herausforderung beim Mieterstrom in der Preisobergrenze, die der Gesetzgeber dem Mieterstromanbieter vorgibt: Nur, wenn der angebotene Strompreis mindestens zehn Prozent unter dem örtlichen Grundversorgertarif liegt, wird der gelieferte Solarstrom-Anteil – mit 2,2 bis 3,8 Cent pro kWh – bezuschusst. Der förderfähige Solarstrom macht aber im Schnitt nur rund 30 Prozent des Mieterstroms aus. Der Rest – durchschnittlich rund 70 Prozent – stammen aus dem öffentlichen Netz.

Zur Not ohne Förderung

Meyer erklärt, warum sich Mieterstrom für die Versorger besonders in Regionen mit niedrigem Grundversorgungstarif nicht rechnet: „Wenn ich wegen einer kleinen Dachfläche nur einen kleinen Anteil Solarstrom erzeuge, erhalte ich einen sehr geringen Förderbetrag, muss aber für die Gesamtmenge an Strom dem Endkunden einen Preis bieten, der fürs Unternehmen nicht mehr auskömmlich ist.“ Naturstrom entscheide häufig trotzdem, Mieterstrom anzubieten – zur Not auch ohne Förderung, wenn der geforderte Preisabstand zum örtlichen Grundversorgertarif nicht eingehalten wird.

Viel verdienen kann man mit solchen Projekten allerdings nicht. In der Energiecontracting-Ausschreibung der Möckernkiez-Genossen gelang es Naturstrom, sich gegen andere Bieter durchzusetzen – und gleichzeitig den Energiepreis so niedrig zu halten, dass der Mieterstrom förderfähig ist.

Mieterstrom-Tarif auch ohne Solarpanels

Eigentlich sind laut Mieterstrom-Gesetz nur PV-Anlagen bis 100 kWp Leistung förderbar. Die Gesamtleistung der fünf Anlagen des Möckernkiezes liegt höher, doch weil jede Anlage einzeln betrachtet wird, gibt es die Mieterstrom-Förderung trotzdem. Auch wer in einem Gebäude ohne Solarmodule auf dem Dach wohnt, bekommt den Mieterstromtarif von Naturstrom angeboten. „Aus Fairness-Gründen“, wie Seget sagt.

Wenn die PV-Anlagen mehr Strom liefern, als die Mieter verbrauchen, speist Naturstrom überschüssige Energie ins Netz ein – und wird dafür nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vergütet. Gleiches gilt für Strom aus dem BHKW, der nicht vor Ort verbraucht wird. Auf Stromspeicher wurde verzichtet: „Batteriespeicher lohnen sich leider oftmals noch nicht in Quartieren, sondern nur in Pilotprojekten, die noch auf andere Fördertöpfe zugreifen können”, sagt Seget.

Mainova: Auftragsbücher gut gefüllt

Dass Mieterstrom auch ganz ohne Förderung geht, zeigt Mainova. Der Frankfurter Energieversorger hat ein Viertel aller Mieterstromprojekte mit Photovoltaik in Deutschland umgesetzt. Auf rund 160 Gebäuden hat Mainova in den vergangenen zwei Jahren PV-Anlagen mit einer Leistung von 2,5 Megawatt (MW) errichtet, weitere Projekte mit insgesamt 1.500 kW befinden sich in der Realisierung. Zum Teil sind auch BHKWs integriert. „Die Auftragsbücher sind gut gefüllt“, sagt Vorstandsmitglied Norbert Breidenbach. Dennoch hat Mainova noch keinen Cent an Mieterstromförderung abgerufen.

„Wir haben uns schon mit Mieterstrommodellen auseinandergesetzt, bevor sie ein politisches Thema wurden“, so Breidenbach. Auslöser sei gewesen, dass die Stadt Frankfurt vor etwa drei Jahren ein Solarkataster erstellte. Sie wollten herausfinden, welche Dächer sich in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet besonders für PV eignen. Mit im Boot: Mainova. „In diesem Kontext entstand bei uns die Idee für ein Geschäftsmodell mit Mieterstrom“, so der Manager.

Vernetzt mit der Immobilienwirtschaft

Hilfreich bei der Umsetzung sei die Vernetzung mit der Immobilienwirtschaft. Mainova trifft sich regelmäßig mit Wohnungsbauunternehmen, um potenzielle Projekte auszuloten, sei es zur Effizienzsteigerung oder CO2-freien Energieerzeugung im Wohnungsbau. Die enge Partnerschaft habe dem Mieterstrom einen Schub gegeben. „Projekte dieser Art haben viel mit Vertrauen zu tun“, sagt Breidenbach. „Denn wir installieren die PV-Anlagen auf dem Eigentum der Wohnungsunternehmen und schließen Verträge über 20 Jahre ab.“

Nun prüft der Energieversorger, ob er in Zukunft auch Anlagen im Rahmen des Mieterstromgesetzes errichtet – mit Strompreisen von mindestens zehn Prozent unter Grundversorgertarif. „Aufgrund unseres Tarifmodells beim Mieterstrom haben wir dies in der Vergangenheit je nach individuellem Verbrauch teilweise sogar bereits übererfüllt“, sagt Breidenbach.

Strom aus der „Energiezentrale“

Der Manager stört sich ebenso wie der Naturstrom-Vorstand besonders an einem Aspekt des Mieterstrom-Fördermodells: den gestaffelten Vergütungssätzen je nach Größe der PV-Anlage. Wenn etwa vier Mehrfamilienhäuser mit mehreren Mieterstromanlagen ein gemeinsames Dach haben, betrachtet sie der Gesetzgeber als eine Gesamtanlage – für Breidenbach eine „künstliche Einheit“: „Bei einem großen Dach ist man da schnell in Größenordnungen, wo einem die Vergütungsdegression einen Strich durch die Rechnung macht“.

In Berlin will Möckernkiez-Genosse Wenzel unterdessen von Energie-Manager Seget wissen, woher die zum Mieterstrom „beigemischte“ Energie kommt, wenn Sonne und BHKW den Bedarf nicht decken. Seget erklärt, Naturstrom kaufe seine Energie vor allem von Wind- und Wasserkrafterzeugern in Deutschland ein, stelle aber auch eigene Ökostromanlagen auf. Dann lädt er Wenzel ein zu einer Tour durch die „Energiezentrale“.

Es geht nicht ohne Gasdoppelkessel

Das Herz der Möckernkiez-Energieversorgung ist ein großzügiger, schmuckloser und blitzsauberer Raum. Besonders ins Auge fällt das Biogas-BHKW. Es läuft rund um die Uhr und erzeugt nicht nur Wärme, sondern mit einer Leistung von 139 kW auch Strom als Nebenprodukt. Am hinteren Ende des Raumes sind vier gewaltige Pufferspeicher installiert. Sie fassen bis zu zwölf Kubikmeter Heizungswasser und speichern die erzeugte Wärme.

Neben dem BHKW ist ein konventioneller Gasdoppelkessel platziert. Naturstrom wirft ihn bei besonders niedrigen Temperaturen an. Immerhin wird er zu zehn Prozent mit Biomethan befeuert. „Das ist unser Mindestanspruch“, sagt Seget. Würde man den Anteil erhöhen, wäre das kostspieliger: „Biogas ist im Einkauf doppelt so teuer.”

Leitwarte prognostiziert den Bedarf

In der „zentralen Leitwarte“ laufen alle Daten zusammen. Auf einem Monitor kann Seget die Wärmemengen, die Temperatur, den Druck und die Abnahme der Gebäude beobachten – auch von seinem Büro aus. Die Daten helfen dabei, clevere Regelstrategien zu finden. Man kann prognostizieren, wie der Verbrauch bei bestimmtem Wetter sein wird oder an Feiertagen.

Erfahrungen vergangener Jahre werden mit einkalkuliert. „Dann können wir besser reagieren und die Anlagen schonen. Heizungen sind sehr träge“, sagt Seget. Außerdem sollen die Anwohner auf Schautafeln in Echtzeit sehen können, wieviel Energie erzeugt und verbraucht wird. „So bekommt man ein Gespür dafür, wann man die Waschmaschine am besten anstellt.“

Regelenergiemarkt noch nicht lukrativ

Ursprünglich wäre Seget gerne noch weiter gegangen und hätte auch die Abwasserwärme genutzt – in Kombination mit einer Wärmepumpe. Doch wegen der Entgelte, die die Stadt auf Abwasserwärmenutzung erhebt, sei die Idee nicht aufgegangen. „Letztlich hat es am Wärmepreis gehakt.“ Sollten Batteriespeicher für Quartiere eines Tages wirtschaftlich sein, könnten Stromversorger damit laut Seget zudem auf dem Regelenergiemarkt aktiv werden.

Er hält für denkbar, dass Netzbetreiber den Betreibern von Energieanlagen einen Bonus zahlen, wenn diese in Lastspitzenzeiten überschüssigen Strom aufnehmen und in ihre Batterien einspeisen. Dadurch würde das Stromnetz entlastet. Doch noch sei der Regelenergiemarkt nicht lukrativ.

Im Möckernkiez überlegen einzelne Genossen schon, ob die Versorgung ganz auf Erneuerbare umgestellt werden kann. Dazu müsste der Spitzenlastkessel zu 100 Prozent mit Biogas laufen. „Wir könnten von unseren Biogaslieferanten in Brandenburg und Mecklenburg problemlos mehr einkaufen“, sagt Seget. Doch Möckernkiez-Geschäftsführer Nitzsche wartet lieber die ersten beiden Winter ab. „Dann werden wir sehen, wieviel wir tatsächlich verbrauchen.“

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Im Berliner Möckernkiez haben sich 80 Prozent der Bewohner für den Mieterstromtarif entschieden – ein vergleichsweise hoher Wert. Den Strom produzieren PV-Anlagen und ein Blockheizkraftwerk. (Foto: Heinrich Holtgreve)