Energiewende
18.12.2019

Der Netzausbau hängt in der Luft

Foto: TenneT
Eine Höchstspannungsleitung soll die Netzknotenpunkte Wahle in Niedersachsen und Mecklar in der Gemeinde Ludwigsau in Nordhessen verbinden.

Tausende Kilometer neuer Überlandleitungen zur Elektrizitätsversorgung werden geplant, allerdings viel weniger gebaut. Selbst das Angebot Erdkabel zu verlegen, statt Hochspannungsmasten zu errichten, löst nicht jeden Konflikt. Eine Bestandsaufnahme.

Vor über zehn Jahren ging die Planung los. Die neue Höchstspannungsleitung zwischen Wahle östlich von Hannover und dem hessischen Ort Mecklar sollte Strom von Nord nach Süd leiten. Fertig ist sie immer noch nicht. Die Karte des Stromnetzbetreibers Tennet verzeichnet drei Abschnitte in gelber Farbe – die sind genehmigt oder im Bau. Ein weiteres Stück ist in braun dargestellt. Da läuft das Planungsverfahren noch.

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Neue Stromtrassen in Deutschland zu bauen ist eine langwierige Sache. Stehen die Masten oder liegen die Kabel erst, halten sie für Generationen. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es allerdings, das komplizierte Planungsverfahren zu durchlaufen. Dabei sind neue Leitungen eine Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende. Der Strom der Windkraftwerke in Norddeutschland muss in die Industriegebiete des Südens. Dass die Zeit drängt, weiß man seit mehr als zehn Jahren. Wie ist heute der Stand?

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Viel Protest in betroffenen Orten

Wie an zahlreichen anderen Orten auch gab es zwischen Wahle und Mecklar viel Protest. Anwohner gründeten Bürgerinitiativen. Teilweise forderten sie, die Leitung unter die Erde zu legen, damit das Landschaftsbild nicht verschandelt werde. An zwei Abschnitten kamen Planer und Politik diesem Wunsch nach – bei Salzgitter und Göttingen. Nun soll das ganze Projekt mit gut 220 Kilometer Länge 2024 in Betrieb gehen, sagt Tennet, etwa 15 Jahre nach dem Start. Wenn nichts mehr dazwischenkommt.

Insgesamt wurden 2009 im Gesetz zum Ausbau von Energieleitungen rund 1.800 Kilometer neue Stromtrassen in ganz Deutschland geplant. Einem Bericht der Bundesnetzagentur zufolge waren davon bis zum ersten Quartal diesen Jahres 800 Kilometer in Betrieb – weniger als die Hälfte. Das kann man für einen Erfolg oder für einen Misserfolg halten. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), zuständig für diesen Teil der Energiewende, hat sich offiziell für die erste Version entschieden: „Im Jahr 2019 hat es beim Ausbau der Stromnetze wichtige Fortschritte gegeben“, sagte der Minister kürzlich. So fließe seit Ende Oktober Strom durch eine neue Leitung an der Elbe zwischen Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Gewisse Behäbigkeit beim Ausbau

Trotzdem erkennt auch die Bundesregierung eine gewisse Behäbigkeit beim Ausbau, mit der es nicht weitergehen kann. Zumal die Zahl der Windparks insbesondere in Norddeutschland und in Nord- und Ostsee steigen soll. Viele Rotoren müssen aber immer mal wieder abgeschaltet werden, weil die Energie nicht abtransportiert werden kann – mangels ausreichender Leitungen. So wurden unter anderem im Bundesbedarfsplangesetz zusätzliche Vorhaben festgelegt und beschleunigte Planungsverfahren beschlossen.

Neben rund 40 weiteren Projekten gehören dazu die sogenannten Stromautobahnen. Das sind vier neue Höchstspannungsleitungen, die mehr oder weniger von der Nordseeküste bis nach Bayern und Baden-Württemberg reichen sollen. Insgesamt geht es um 5.900 Kilometer Trassenaus- oder Neubau. „Davon wurden bisher knapp 300 Kilometer realisiert“, heißt es bei der Bundesnetzagentur mit dem Stand des ersten Quartals 2019. Nach der aktuellen Planung der Regierung soll alles bis spätestens 2031 fertig sein.

Bürgerdialog für mehr Akzeptanz

Die Frage, ob das realistisch erscheint, ist schwer zu beantworten. Proteste von Anwohnern und Klagen von Umweltorganisationen können immer wieder zu schwer kalkulierbaren Verzögerungen führen. In dieser Hinsicht geholfen habe in den vergangenen Jahren der Bürgerdialog Stromnetz, sagt Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer des Ökoverbandes Deutsche Umwelthilfe: „Bei der Akzeptanz gab es Fortschritte.“

Die Umwelthilfe hatte vom Bundeswirtschaftsministerium den Auftrag erhalten, mit zahlreichen Informations- und Beteiligungsveranstaltungen die Energiewende zu erklären. Kritische Argumente sollte sie aufnehmen, in die Planung einspeisen und die Stromleitungsprojekte auf diese Art einigermaßen zügig voranbringen. In manchen Fällen hat das funktioniert. Ob es so weitergeht, muss sich jedoch zeigen. In den kommenden Jahren wird nicht mehr die Umwelthilfe, sondern die Firma Wibera, eine Tochter der Unternehmensberatung PWC, das Dialog-Verfahren betreuen.

Auch Erdkabel nicht immer die Lösung

Zur Beschleunigung beitragen könnte die eine oder andere Vereinfachung im Planungsverfahren. So liegen wichtige überregionale Verbindungen mittlerweile nicht mehr in der Hand einzelner Bundesländer, sondern in der Gesamtverantwortung der Bundesnetzagentur. Und „wenn bestehende Leitungen minimal um- oder ausgebaut werden sollen“, sei mitunter „kein komplett neues Planfeststellungsverfahren mehr nötig“, erklärt Nadine Bethge von der Umwelthilfe. Geht es nur darum, zusätzliche Kabel an vorhandene Masten zu hängen, fallen bestimmte Verfahrensschritte weg.

Trotzdem bleibt es kompliziert. Selbst das Angebot Erdkabel zu verlegen, statt Hochspannungsmasten zu bauen, entschärft nicht jeden Konflikt. Beim Projekt Südostlink beispielsweise, das von Wolmirstedt in Sachsen-Anhalt bis Landshut in Bayern reichen soll, sprechen sich manche Landwirte explizit gegen die Drähte unter der Erde aus und fordern den Ausbau von Überlandleitungen. Eines der Argumente: Die oberirdischen Zugänge zu den Kabeltunneln würden die Arbeit mit Landmaschinen auf den Äckern erschweren.

Abschnitt Suedostlink in Bayern festgezurrt

Für die Starkstromleitung Südostlink hat die Bundesnetzagentur nun den Trassenkorridor in Teilen Bayerns festgelegt: Der Korridor verläuft ab Hof östlich von Marktredwitz und Weiden bis nach Schwandorf. Betroffene Landkreise und Kommunen kündigten sogleich an, gegen die Entscheidung klagen zu wollen. Eine solche Trasse sei nicht notwendig und ein schlimmer Eingriff in die Natur, argumentieren die Gegner.

Doch je näher das Jahr 2030 rückt, desto mehr dürfte der Druck beim Trassenbau steigen. Denn in zehn Jahren soll Deutschland zu 65 Prozent mit Ökostrom versorgt werden – so lautet ein aktueller Beschluss der Bundesregierung. Ohne die geplanten Kabel, von denen bisher nur ein kleiner Teil in Betrieb ist, wird das nicht funktionieren.

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Hannes Koch
Keywords:
Stromtrassen | Netzausbau
Ressorts:
Governance | Technology
 

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