Plattes Land, so weit das Auge reicht. Die Straße schlängelt sich über den Binnendeich, der vor vielen Jahren der rauen Nordsee einige Meter Land abgerungen hat. Zwischen den einzelnen Bauernhöfen liegen meist Kilometer und endlos erscheinende Mais- und Rapsfelder. In Reußenköge bei Husum, zwischen dem alten Binnen- und neuen Außendeich, liegt eine Schaltzentrale der dezentralen Energiewende: Der Firmensitz des Projektierers GP Joule. Das moderne Bürogebäude mit Glasdach war einst ein Schweinestall. Die integrierten Träger- säulen aus altem Holz sind noch gut erkennbar. Einmal pro Woche kommt der Co-Gründer Heiner Gärtner, der sein G zum Firmennamen beisteuerte, vom bayrischen Standort in den Norden gefahren, um über neue Projekte und Strategien zu sprechen. „Eine Telefonkonferenz ist einfach nicht dasselbe“, sagt Ove Petersen, der zweite Gründer und Geschäftsführer von GP Joule. Vom Norden aus steuern und kontrollieren Techniker 400 Megawatt Ökostromkapazität, zusammen soviel wie ein halbes Großkraftwerk. „Im letzten Jahr haben wir 120 Megawatt neu installiert“, sagt Petersen stolz.

Das Geschäft von Projektentwicklern wie GP Joule ist es, geeignete Flächen zu akquirieren und mit den Landbesitzern zu verhandeln. Dann holen sie Angebote von Anlagenbauern ein und suchen Investoren. Banken, Versicherungen und andere Finanziers profitieren von den Vorleistungen der Projektentwickler. Viele dieser mittelständischen Unternehmen sind in den letzen Jahren aus dem Nährboden des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) geschossen. „Die Projektfinanzierung ist der Katalysator der erneuerbaren Energien gewesen“, erklärt Andreas Ufer von der KfW Ipex-Bank, einer Konzerntochter der Staatsbank. Fast die Hälfte des jährlichen Kreditvolumens von zwei Milliarden Euro fließt in Projekte. Ufer leitet die Abteilung für Energie und Umwelt mit 45 Mitarbeitern. Im Rückblick betrachtet, wäre die Energiewende ohne Firmen wie Juwi, WPD, PNE und WKN heute nicht so weit fortgeschritten. Allein WPD installierte rund 2,3 Gigawatt, fast ausschließlich Windenergie. „Als wir 2003 das Team zu erneuerbaren Energien aufgebaut haben, war das fast ein reines Spielfeld der Projektentwickler“, resümiert der Banker.

Einen Schwellenwert von 25 Millionen Euro

Die Projekte müssen allerdings eine gewisse Größe haben. „Denn die Transaktionskosten sind deutlich höher als bei einer Unternehmensfinanzierung – und diese muss das Projekt auch verdienen“, so Ufer. Ein Vorhaben müsse daher den Schwellenwert von mindestens 25 Millionen Euro haben, damit es finanzierbar sei. Immerhin werden externe Gutachten benötigt und Notare von der Bank und den Darlehensnehmern müssen bezahlt werden. Schnell kommen Kosten bis zu einer Million Euro zusammen. Bei einer längeren Projektpipeline könne das Investitionsvolumen auch mal geringer sein, weil dadurch Kreditprozesse standardisiert würden, erläutert Ufer.

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Sogar die Stromriesen Eon, RWE und EnBW engagieren sich seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima stärker bei Ökoanlagen-Projekten. Sie versuchen, sich immer mehr Flächen und regionale Projekte zu sichern. Allerdings erfolgt die Finanzierung eher aus dem Cashflow der Konzerne oder über die Ausgabe von Unternehmensanleihen. Die Projektfinanzierung bei Erneuerbaren-Projekten ist laut Ufer in den vergangenen zehn Jahren weltweit deutlich öfter eingesetzt worden als bei konventionellen Energieprojekten. Viele kleine Entwickler haben geringe Verwaltungskosten, verfügen aber meist nur über relativ wenig Eigenkapital. Eine Komplettfinanzierung ist damit für sie kaum machbar. Sie versuchen eher, Projekte mit Gewinn an Versor- ger oder andere Unternehmen abzustoßen. Größere Player betreiben auch selbst Windparks. Die Firma Juwi gehört dazu, sie existiert seit 16 Jahren. Namensgeber sind die Bauernsöhne Fred Jung und Matthias Willenbacher. Bisherige Bilanz: 1.800 Mitarbeiter und rund Neben den regionalen Spar- und Raiffeisenbanken steigen immer öfter Investoren wie die Corus-Gruppe, Aquila Capital oder Ecolutions ein. Wichtig sind auch Bürgerfonds: Sie sorgen für höhere Akzeptanz in der Bevölkerung.

„Die Laufzeit bei Windparkfinanzierungen könnte deutlich angehoben werden“

Auch Offshore-Wind wird von Entwicklern wie Windreich oder PNE forciert. PNE verkaufte kürzlich die Offshore-Parks Gode Wind 1 bis 3 für 157 Millionen Euro an den dänischen Energieversorger Dong. Dennoch läuft das Offshore- Geschäft insgesamt noch schleppend. Abgesehen von technischen Herausforderungen fehlen weiter sichere Rahmenbedingungen für die Geldgeber. eine Milliarde Euro Umsatz in 2011. Nachdem das Solargeschäft wegen der gesenkten EEG-Vergütung eingebrochen ist, setzt die Firma verstärkt auf Windkraft an Land. „Dieses Jahr haben wir in diesem Bereich 250 Megawatt installiert, im nächsten rechnen wir mit circa 100 Megawatt mehr“, so Jung. Mehr als die Hälfte der Projekte betreibt Juwi nach der Fertigstellung als Joint-Venture mit regionalen Energieanbietern. Den Rest mit Energiegenossenschaften, Bürgerfonds, institutionellen oder privaten Anlegern. „Die Laufzeit bei Windparkfinanzierungen könnte deutlich angehoben werden“, so Jung, der auch im Aufsichtsrat der KfW-Bank sitzt. Vor zehn Jahren wurde ein Park noch über zwölf Jahre finanziert, heute sind es schon 17 bis 18 Jahre. Ein Indiz für wachsendes Vertrauen in die Technologie. Künftig seien auch Zeiträume bis zu 30 Jahren vorstellbar. 

Aber nicht nur bei Projekten an Land oder auf hoher See, sondern auch bei innovativen Lösungen wie Eigenverbrauch oder neuen Speichern gehen Entwickler in Vorleistung. Juwi arbeitet daran, die Systemkosten für Solarstrom zu senken. „In Süddeutschland sind für Sonnenstrom ähnliche Preise wie bei Windanlagen möglich“, ist Jung überzeugt. GP-Joule-Chef Petersen möchte künftig die eigene Versorgung mit Strom erhöhen, beispielsweise mit Kleinstsolaranlagen. Bei einem weiter steigenden Strompreis lohne sich das, meint er. Die Tochterfirma H-tec in Lübeck arbeitet an der Speicherung von Ökostrom in Wasserstoff; so könnte Überschussstrom bald als Gas gespeichert werden. Denn künftig sieht Petersen die Anlagenbetreiber stärker in der Pflicht, Strom dann zu liefern, wenn er gebraucht wird: „Bisher konnten sie sich einfach zurücklehnen.“

 

GP-Joule-Projekt: Solarfeld Meuro (GP Joule)