Japan bringt die besten Voraussetzungen mit, um einen dermaßen tiefgreifenden Wandel zu schaffen: Der Energiesektor steht unter staatlichem Einfluss, Japaner lassen sich leicht für neue Technik begeistern, und für die Erzeugung von Ökostrom ist das Land bestens geeignet. Auf der Inselkette scheint fast ganzjährig die Sonne, der Wind weht an den langen Küsten kräftig, und die Ufer eignen sich für Gezeitenkraftwerke.

Die japanische Regierung steht zudem unter besonderem Druck, das Energieproblem des Landes zu lösen. Seit dem Atom-Unglück von Fukushima im Jahr 2011 besteht eine Versorgungslücke, die teuer und schmutzig mit Ölkraftwerken gestopft wird.

Üppige Subventionen

Die Vorgaben sind ehrgeizig, aber machbar. Das erste Zwischenziel sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. Die Spiele von 1964 haben den Shinkansen--Hochgeschwindigkeitszug hinterlassen, diesmal soll ein Netz von Wasserstofftankstellen folgen. Japan will die Aufmerksamkeit der Welt nutzen, um seine industriellen Stärken zu zeigen – unter anderem durch die Allgegenwart der sauberen und leisen Brennstoffzellenantriebe.

Wenn die Spiele beginnen, sollen im Land 40.000 Wasserstoffautos fahren, die ihren Brennstoff an 160 Tankstellen aufnehmen können. Das wären doppelt so viele wie bisher. Der Toyota Mirai erhält dafür großzügige Subventionen: Die Regierung schießt zum Kauf umgerechnet 23.000 Euro zu, womit der Kaufpreis fast halbiert wird. Auch die Stadt Tokio will Wasserstoff nach vorne bringen. Deshalb bezuschusst sie unter anderem den Bau von Wasserstoff-Tankstellen aus einem Fördertopf, der mit 350 Millionen Euro gut gefüllt ist. Japans Hauptstadt plant zudem die Umstellung des Busverkehrs auf Wasserstoff.

In „Fujisawa Smart Town“ versorgen Brennstoffzellen von Panasonic Wohnhäuser. Sie sind an den Außenwänden angebracht. Foto: Finn Meyer-Kuckuk

 

Zugleich läuft die Ausstattung privater Haushalte mit Brennstoffzellen. In der Mustersiedlung „Fujisawa Smart Town“ in der Nähe des Hafens von Yokohama zeigt der Elektronikkonzern Panasonic, wie das aussieht: Jedes Haus ist mit einer Brennstoffzelleneinheit ausgestattet. Sie ist etwa so groß wie ein Kühlschrank. Außen am Haus angebracht, erzeugt sie Wärme und Strom direkt aus Gas – ohne konventionelle Verbrennung.

Bisher zapfen die hellgrauen Kästen noch das Stadtgas an, das sich ebenfalls zur Reaktion in Brennstoffzellen eignet, bei der Wärme und Elektronen frei werden. Langfristig sollen die Geräte aber mit Wasserstoff betrieben werden. Für 450 Haushalte in der Siedlung ist die Brennstoffzelle bereits Alltag: Abends geht das Licht an, aus dem Wasserhahn fließt heißes Wasser, und im Winter wird die Heizung warm.

Hoher Energieverlust

Schon heute verfügen in Japan 220.000 Haushalte über Brennstoffzellen. Bis zu den Olympischen Spielen sollten es eigentlich 1,4 Millionen sein, doch dieses Ziel gilt nicht mehr als erreichbar. Die Planer rechnen derzeit eher mit 400.000 Haushalten. Langfristig aber ist eine flächendeckende Verbreitung geplant, die Regierung schießt zur Installation je nach Modell 450 bis 900 Euro zu.

Um den Kraftakt eines Umbaus der Energieversorgung für Fahren und Wohnen zu stemmen, hat Abe die Größen der Industrie an einen Tisch geholt. Neben  Autoherstellern wie Toyota und Honda spielen hier Panasonic, der Energiekonzern JX Nippon Oil & Energy sowie das Schwerindustriekonglomerat Kawasaki Heavy die Hauptrollen.

Globale Lobby „Wasserstoff-Rat“

Im vergangenen Jahr erweiterte Abe auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Runde zu einem internationalen „Wasserstoff-Rat“. Aus Deutschland waren der Gasspezialist Linde sowie Daimler und BMW sofort dabei, später kamen US-amerikanische und chinesische Konzerne dazu. Inzwischen sind 25 bekannte Unternehmen an Bord, die gemeinsam mehr als anderthalb Milliarden Euro im Jahr in den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft stecken. (Lesen Sie auch: Toyota-Allianz nimmt neuen Anlauf zu Wasserstoff-Mobilität)

Dennoch bleiben Zweifel, ob das Geld gut investiert ist. Der Traum vom umweltneutralen, emissionsfreien Antriebsstoff, der in Unmengen vorhanden ist, klingt verlockend. Je näher die Verwirklichung rückt, desto klarer wird allerdings, wo es hakt: Die Erzeugung grünen Wasserstoffs aus Strom per Elektrolyse mit dem Power-to-Gas-Verfahren kostet viel Energie. Außerdem ist der gesamte Prozess von der Erzeugung bis zur Nutzung des Wasserstoffs relativ kompliziert. Rund 70 Prozent der Energie, die für die Wasserstofferzeugung eingesetzt wird, gehen verloren, bis das Auto rollt oder die Heizung warm wird.

„Bekloppte Idee“

Mit Luft gemischt, explodiert das farb- und geruchlose Wasserstoffgas zudem leicht. Es steht in den Tanks unter hohem Druck und entweicht durch die schmalsten Ritzen. Elon Musk, Gründer des E-Auto-Pioniers Tesla und Verfechter der reinen Batterietechnik, hält die Brennstoffzelle für eine „bekloppte Idee“. Er sagt dem japanischen Ansatz ein Scheitern auf ganzer Linie voraus.