Aus Sicht der Wasserstoff-Planer in Tokio löst die neue Technik jedoch gleich mehrere große Probleme auf einmal. Toyota-Chefingenieur Tanaka ärgert sich über Musk und verteidigt vehement sein Kind, den Mirai. „Sauber fahrende Autos erhalten mit der Brennstoffzelle die gleiche Reichweite wie bisher Benziner“, sagt Tanaka. „Das Tanken dauert dabei wie gewohnt nur wenige Minuten.“ Außerdem eigne sich Wasserstoff bestens, um Busse und Lastwagen zu betreiben. Hier zeige der Batterie-Elektroantrieb seine größten Schwächen.

Ein Entweder-oder sieht man bei Toyota übrigens nicht. Auch rein batteriebetriebene Fahrzeuge haben in der Zukunftsvision des Konzerns ihren Platz. „Sie sind mit Sicherheit für viele Anwendungen effizienter und sinnvoller“, gibt Tanaka zu. Für Kurzstrecken- und Leichtfahrzeuge will deshalb auch Toyota Batterie-Flitzer verkaufen.

Grünes Traum-Szenario

Oberhalb der mittleren Fahrzeug-Gewichtsklasse soll jedoch die Brennstoffzelle dominieren. Sie liefert genug Energie auch für schwere Lkw, die große Lasten über lange Strecken transportieren. Auch in Landmaschinen oder Kühltransportern wären Batterien zu schnell leer, und mit Wasserstoff lassen sich sogar Züge oder Flugzeuge antreiben. Die Energiedichte eines Tanks voll Wasserstoff ist 100- bis 200-mal größer als die einer Lithium-Ionen-Batterie.

Japanische Experten blicken nach Aufzählung dieser Vorteile für das Transportwesen gerne über Mobilität hinaus: „Es geht um das Gesamtbild der Energieversorgung“, sagt Toshiki Shimizu, der Leiter der Abteilung für intelligente Energiesysteme bei Panasonic.

Für die Japaner ist Mobilität zwar ein wichtiger, aber nicht der entscheidende Teil der Wasserstoffinitiative. Trotz seiner Nachteile billigen sie Wasserstoff  als Zwischenspeicher für erneuerbare Energie einen theoretisch unschätzbaren Wert zu. Auf einige Prozent mehr oder weniger Wirkungsgrad kommt es japanischen Energiestrategen nicht an, wenn sich mit Wasserstoff die Energie besonders heller und windiger Stunden einfangen und sichern lässt.

Solarpanele vor dem Berg Fuji: Japan will seinen Wasserstoff künftig komplett mithilfe erneuerbarer Energien herstellen. Foto: iStock

 

Verständlich, denn in Deutschland gingen allein im Jahr 2016 rund 3,5 Terawattstunden Strom verloren, weil Windkraftanlagen wegen Strom-Überangebots auf Durchzug stellen mussten. Dies entspricht ungefähr der Stromproduktion eines kleineren Kohlekraftwerks. Probleme und Chancen der Energiespeicherung werden mit dem zunehmenden Ausbau der Erneuerbaren immer größer. „Erst im Kontext der Verbreitung neuer Energiequellen ist die Verwendung von Wasserstoff effektiv“, sagt Shimizu.

Den Panasonic-Berechnungen zufolge wird „grüner“ Wasserstoff fast sofort ein konkurrenzfähiger Energieträger sein, wenn er in Japan ab ungefähr 2032 in großtechnische Produktion geht. Bis dahin erwartet Shimizu auch ein Netzwerk von Pipelines und Röhren, das den Energieträger an die Brennpunkte seiner Nutzung bringt. All das erfordert Milliardeninvestitionen.

Vorsprung vor China halten

Wie immer bei der Umstellung eines veralteten, aber funktionierenden Systems auf ein völlig anderes Wirkprinzip treten Schwierigkeiten und hohe Kosten auf. Japan will seinen Bürgern nun zunächst die nötige Infrastruktur bieten. „Die Verbraucher werden mitziehen, wenn die entsprechenden Produkte dank höherer Stückzahlen günstiger zu bekommen sind“, glaubt Shimizu.

Daran arbeitet Yoshikazu Tanaka mit Hochdruck. Der Mirai soll deutlich billiger werden. Dazu müssen die Kosten der aufwändigen Technik sinken, etwa durch geringeren Einsatz des teuren Metalls Platin in den Brennstoffzellen. In einem Punkt haben Wasserstoff-Gegner nämlich recht: Der Mirai mit seinen Drucktanks, der sensiblen Brennstoffzelle und vielen neuen Techniken ist ein ziemlich aufwändiges Gebilde.

Batterieautos sind zu simpel

Wer Tanaka genau zuhört, versteht, dass dies zum Teil erwünscht ist, denn Komplexität beherrschen japanische Autokonzerne. Reine Elektroautos sind für ihren Geschmack zu simpel und lassen sich zu leicht auch  in China herstellen. Aufwändige, schwer zu kopierende Wunderwerke sind dagegen „China-fest“, wie ein Branchenkenner es ausdrückt.

Deutschland scheint unterdessen nicht recht zu wissen, wie es sich die ferne Zukunft der Erneuerbaren vorstellen soll, und die Wasserstoff-Fans werkeln mit trüben Erfolgsaussichten vor sich hin. „Hier fehlt die Durchbruchskultur“, kritisiert Mobilitätsforscher Knie. Er vermisst eine schlüssige, sektorenübergreifende Politik – eine, wie die Japaner sie machen.

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