Dossier Netzausbau
26.06.2012

Die vierte Dimension

ABB
Peter Terwiesch: „Speicher sollte man da nicht isoliert betrachten.“

Interview mit ABB-Deutschland-Chef Peter Terwiesch über die Vorfahrt im Netz, Speicherkonzepte, die Rolle Norwegens und gesellschaftliche Akzeptanz.

BIZZ energy today: Herr Terwiesch, für die vielzitierte Energiewende werden dringend neue Speicher gebraucht. Inwieweit können Stromnetze diese Rolle übernehmen?

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Terwiesch: Ein größeres Stromübertragungsnetz kann die Volatilität der erneuerbaren Energien ausgleichen - und ähnelt dabei einem Speicher. Eine Analogie gibt es in der Informatik. Das kalifornische Unternehmen Sun Microsystems wählte einst den Slogan „The network is the computer“. Zwar wurde die Firma inzwischen vom Konkurrenten Oracle übernommen, aber das Motto lebt weiter, wie die Entwicklung beim Cloud-Computing zeigt: Netzwerk und Verarbeitungskapazität sind bis zu einem gewissen Grad austauschbar.

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Ganz ähnlich gilt das für Stromnetze und Stromspeicher: Wir können sie ein Stück weit gegeneinander austauschen. So hat zum Beispiel ABB vor drei Jahren eine Stromverbindung zwischen Norwegen und den Niederlanden fertig gestellt: das Projekt NorNed. Norwegen liefert über die Leitung tagsüber 700 Megawatt nach Kontinentaleuropa und nachts fließt etwa dieselbe Menge aus dem niederländischen Netz zurück – die Lastflüsse heben sich in Summe auf. Norwegen agiert also im Prinzip als Speicher für das europäische Festland.

BIZZ energy today: Sowohl die EU-Kommission als auch die Bundesregierung setzen Hoffnung in Norwegen als „grüne Batterie Europas“. Ist das realistisch?

Terwiesch: Die grundsätzlichen – insbesondere geologischen – Voraussetzungen scheinen in Norwegen gegeben. Wir reden dort über eine sehr vielversprechende Lösung, mit ausgereifter Technologie, und einem Speicherpotential zwischen 10 und 30 Gigawatt. Zum Vergleich: Alle deutschen Kraftwerke bringen es zusammen auf rund 150 Gigawatt installierte Leistung.

BIZZ energy today: Sollten Politik und Wirtschaft diese Norwegen-Option also forcieren?

Terwiesch: Vorsicht. Zwar erfüllt diese Option die drei Kriterien des klassischen Dreiecks der Energiewirtschaft. Ein großes Infrastrukturvorhaben, das zuverlässig funktionieren kann, dabei umweltfreundlich und bezahlbar ist. Allerdings gibt es heute eine vierte Dimension: Die Akzeptanz in der norwegischen Bevölkerung, um in Küstennähe Kabelanbindungen zu realisieren. Hier liegt ein potentieller Knackpunkt.
Grundsätzlich gilt: Eine einzelne Speicher-Lösung kann nie das Allheilmittel sein, wir brauchen mehrere Ansätze nebeneinander – alles andere wäre leichtsinnig.

BIZZ energy today: Als die rot-grüne Bundesregierung Schröder 1998 erstmals die Energiewende ausrief, ignorierte sie die Notwendigkeit von Speichern weitgehend. Im Gegenteil: Kurz darauf sank die Anzahl der Lehrstühle für Elektrochemie und Batterieforschung sogar auf ein historisches Tief. Kann Deutschland diese Versäumnisse aufholen?

Terwiesch: Unser primäres Problem in Deutschland ist nicht, dass wir keine solide Grundlagenforschung hätten. Die haben wir. Es gibt aber Schwierigkeiten, dieses Wissen von der Forschung in die industrielle Anwendung zu übersetzen. Den Bereich der Economies of Scale, also sinkenden Herstellungskosten bei höheren Stückzahlen, haben andere Nationen in der Vergangenheit besser beherrscht – allen voran die USA.

BIZZ energy today: Bei der Elektromobilität hofft alle Welt auf sinkende Herstellungskosten, vor allem bei den Speicherbatterien. Bereits 1970, vor mehr als vier Jahrzehnten also, hat Ihr Konzern eine Hochtemperatur-Batterie auf Natrium-Schwefel-Basis auf den Markt gebracht. Warum hat sich diese Technik nicht durchgesetzt?

Terwiesch: Aus heutiger Perspektive war das eine spannende Technik – mit falschem Einsatzschwerpunkt. Es ist eben nicht einfach, eine Betriebstemperatur von über 300 Grad Celsius in einem parkenden Auto aufrecht zu halten. In stationären Anwendungen hat diese Technologie durchaus ihre Berechtigung.

BIZZ energy today: Wo denn konkret?

Terwiesch: Beispielsweise in der Nähe eines Windrades, um Schwankungen bei der Stromproduktion auszugleichen. Eine Ein-Megawatt-Batterie erlangt über sieben Stunden eine Speicherkapazität von sieben Megawattstunden. Falls man eine Megawattstunde innerhalb von 15 Minuten benötigen würde, kommt dagegen eine Lithium-Ionen-Batterie zum Einsatz. Problem und Lösung müssen zusammenpassen.

BIZZ energy today: Ein anderer Ansatz ist Power-to-Gas, also die Umwandlung von Ökostrom zu Methan, das dann im Gasnetz oder in großen Gascontainern gespeichert wird. Der frühere Umweltminister Klaus Töpfer sieht etwa beim Wüstenstromprojekt Desertec die Möglichkeit, Solarstrom als künstliches Erdgas über das Mittelmeer zu transportieren. Was halten Sie von diesen Konzepten?

Terwiesch: Persönlich bin ich bei dieser Technologie eher skeptisch. Seit kurzem wird das Thema zwar wieder stärker diskutiert. Es sind jedoch noch erhebliche technische Fortschritte nötig, um insbesondere den Wirkungsgrad der Elektrolyse zu erhöhen. Zudem sind derzeit höchstens konstante Elektrolyseure rentabel, künftig kommt es aber gerade darauf an, dass sich auch ein volatiler Einsatz der Elektrolyse bei erneuerbaren Energien rechnet.

BIZZ energy today: Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) sieht bis dato keine Förderung für Speicher vor. Sollte die Bundesregierung den regulatorischen Rahmen ändern, um Speicher voranzubringen?

Terwiesch: Beim EEG geht es insgesamt um die Vorfahrtregeln im Netz, Speicher sollte man da nicht isoliert betrachten. Die zunehmende Einspeisung von Ökostrom führt zu erhöhter Netz-Volatilität, daher muss jetzt mehr Reserveleistung bereitgestellt – und vergütet – werden. Wenn man im EEG auch die Speicherung vergüten wollte, dann wäre es fair, diese Mehrkosten den Verursachern in Rechnung zu stellen – insbesondere den Produzenten des volatilen Solar -und Windstroms. Deutlich kostengünstiger als der Zubau neuer Speicher ist auf absehbare Zeit die Flexibilisierung des Verbrauchs. Bisher bestimmte beim Strom die Nachfrage das Angebot. Künftig könnte es genau umgekehrt laufen: Das Stromangebot wird die Nachfrage bestimmen.

BIZZ energy today: Apropos Kosten: Wie sollte der Netzausbau und der Einsatz neuer Technologien wie Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung und Temperatur-Monitoring finanziert werden? Gibt es einen Königsweg?

Terwiesch: Ich plädiere für regulatorische Anreize, die nicht die Lösung vorwegnehmen, sondern planbare Rahmenbedingungen schaffen. So können sich die besten Konzepte im Wettbewerb durchsetzen.
Offensichtlich brauchen wir in Deutschland mehr Übertragungskapazität für den Windstrom, da der Strom nicht nur in Ostfriesland, sondern in München oder Stuttgart gebraucht wird. Die Engpässe bis 2015 wurden von der Deutschen Energieagentur in der Dena II Studie definiert. Für die Unternehmen muss der Rahmen so gesteckt werden, dass sich Investitionen in genau diese Trassen lohnen. Es wäre verkehrt, wenn der Regulator dabei die Technologie vorgeben würde. Auch hier gilt: Die Mischung macht es. Wo mehr Strom durch bestehende Leitungen geschickt werden kann, gut, wo bestehende Übertragungskorridore weiter ertüchtigt werden können, prima, und in einigen Gegenden muss eben neue Infrastruktur geschaffen werden.

BIZZ energy today: Die Bundesnetzagentur gewährt den Investoren beim Netzausbau derzeit eine Vorsteuer-Rendite von knapp über neun Prozent. Reicht das?

Terwiesch: Diese Frage wird am Ende der Kapitalmarkt beantworten. Wenn keiner zu den gegebenen Netzrenditen investiert, wäre die Rendite zu niedrig – ich bin gespannt.

Niels Hendrik Petersen
Joachim Müller-Soares
Keywords:
Akzeptanz | Netzausbau | Stromspeicher
Ressorts:
Technology

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