Onshore-Windenergie
08.08.2019

Die Windkraft-Krise: Wut bei Bürgern, Alarm in der Branche

Foto: iStock
Die Energiewende ist gewollt. Wenn es aber um den konkreten Windpark vor Ort geht, mehren sich Proteste.

Deutschland will raus aus Atomenergie und Kohle. Wind und Sonne sollen stattdessen mehr Strom liefern. Doch die Energiewende stockt – der Ausbau von Windrädern an Land ist eingebrochen. Ein Lagebericht.

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Bei der Windkraftlobby herrscht Alarmstimmung. Es gebe zu wenig genehmigte Flächen, Genehmigungsverfahren dauerten oft Jahre, klagt der Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE), Hermann Albers. Nach einer Analyse der Fachagentur Wind an Land werden derzeit in Deutschland mehr als 300 Windenergieanlagen mit 1000 Megawatt Leistung beklagt. Hauptgrund: Natur- und Artenschutz.

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Die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien scheinen in Gefahr. Bis 2030 soll der Ökostrom-Anteil auf 65 Prozent steigen - im ersten Halbjahr lag der Beitrag zur Deckung des Stromverbrauchs nach Zahlen des Energieverbandes BDEW bei 44 Prozent des Stromverbrauchs. Der Anteil der Windräder an Land lag bei 19 Prozent. Aus Sicht des Bundesverbands Windenergie (BWE) ist ein jährlicher Ausbau von 4700 Megawatt nötig, um die Ziele zu erreichen. Dies wird in diesem Jahr bei weitem nicht gelingen. Die reine Zahl der Windräder werde nicht so stark steigen, heißt es. Denn alte würden durch neue Anlagen ersetzt, die viel leistungsfähiger seien.

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Branche weist Vorwürfe zurück

Auch bei Vestas ist man beunruhigt. Zwar bewertet der weltgrößte Windanlagenhersteller die Energiewende in Deutschland weiterhin als positiv, wie Vestas-Manager Alex Robertson sagt. Bei den unterzeichneten Ausschreibungen gebe es aber "akuten Handlungsbedarf". Robertson fordert konkrete Maßnahmen bei Planungsrecht, Genehmigungsverfahren und Artenschutz.

Die Vorwürfe der Windkraftgegner werden von der Branche zurückgewiesen. "Moderne hohe Windenergieanlagen erzeugen weit mehr und gleichmäßiger Strom auf weit weniger Fläche, sind leiser und auch artengerechter als kleinere Windenergieanlagen", sagt Robertson. Ein BWE-Sprecher sagt, Windenergie sei in diesem Jahr der größte Stromproduzent in Deutschland: "Allen Unkenrufen um die Systemstabilität und die fehlenden Netze oder die fehlende Grundlastfähigkeit der Erneuerbaren zum Trotz haben wir nicht jede Woche Blackouts, sondern eines der sichersten Stromnetze der Welt."

Krisentreffen bei Altmaier

Und für jede Windanlage würden Schallmessungen "gewissenhaft" durchgeführt und seien Grundlage für die Genehmigung einer Anlage. Der von Windenergieanlagen erzeugte Infraschall - Gegner warnen vor Gesundheitsgefahren - liege in der Umgebung deutlich unter den Wahrnehmungsgrenzen des Menschen: "Nach heutigem Stand der Wissenschaft sind schädliche Wirkungen nicht zu erwarten."

Ausbauziele, Genehmigungsstau, Gesundheitsfragen - all das sind Themen, die bei einem Krisentreffen zur Windkraft auf den Tisch kommen dürften. Ein solches hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angekündigt. Er will sich voraussichtlich im September mit Vertretern der Branche, von Ländern und Bürgerinitiativen zusammensetzen - um zu schauen, wie es weitergehen kann.

Kommunen haben wenig Mitspracherecht

Das fragt sich auch Frederik Bewer. Der 43-Jährige sitzt im schmucken Rathaus von Angermünde, seit drei Jahren ist der parteilose Jurist dort Bürgermeister. Die Proteste gegen Windräder sind auch für ihn ein großes Thema. Viel machen kann er nicht. Zwar gebe es den B-Plan, den Bebauungsplan, sagt Bewer. Aber: "Wir können Windräder nicht generell verhindern, wenn die Landesbehörden entschieden haben. Wenn Gebiete ausgewiesen sind und die Genehmigung vorliegt, dann kann gebaut werden. Das ist schon frustrierend. Die Kommunen sind schon ein wenig hilflos und haben zu wenig Mitspracherecht." Die Menschen seien eigentlich nicht grundsätzlich gegen Windkraft: "Aber sie stört die Art und Weise, wie das umgesetzt wird."

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke will das ändern. Der SPD-Politiker steht vor einer schwierigen Landtagswahl am 1. September. Natürlich seien die Anlagen eine Belastung für Bürger und Kommunen, sagt Woidke. "Deshalb müssen sie Nutzen daraus ziehen können, zum Beispiel durch Einnahmen. Es darf nicht sein, dass Kapitalinvestoren eine große Rendite zu Lasten der ländlichen Bevölkerung beziehen."

"Kopfschmerzen haben zugenommen"

Woidke sagt, er setze sich seit langem dafür ein, dass die Kommunen mehr Mitsprache durch eine Streichung des Windkraft-Privilegs im Baugesetzbuch bekämen. "Sie sollen mitentscheiden können und mit Genehmigungen Zahlungen des Betreibers an die Kommune erreichen", sagt Woidke. Und Öko-Strom sollte dort, wo er produziert werde, in viel stärkerem Maße genutzt werden. In Brandenburg gebe es sehr gute Ansätze, auch zur Speicherung der Windkraft.

Was beim geplanten Krisentreffen bei Altmaier herauskommt, ist offen. Die Bürgerinitiativen jedenfalls dürften weiterkämpfen gegen neue Windräder. Und Rainer Ebeling wird weiter seinen "Kopfschmerzkalender" füllen, den er seit Jahren führt: "Die Kopfschmerzen haben zugenommen. Wenn das so weitergeht mit den Windrädern, überlegen wir hier wegzuziehen."

Lesen Sie auch: Vier Argumente gegen die Energiewende – und was von ihnen zu halten ist

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Andreas Hoenig, dpa
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Keywords:
Windenergie | Windkraft Onshore
Ressorts:
Markets

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