EXKLUSIV-INTERVIEW
03.11.2016

"Dieselgate ist eine Katastrophe für die deutsche Wirtschaft"

Foto: Ingenweyen/IASS
Der CDU-Politiker Klaus Töpfer wurde 1987 der zweite Umweltminister in der Geschichte der Bundesrepublik.

Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister und Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms, über Schadenersatz für deutsche VW-Kunden, Klimaschutz und Gemeinsamkeiten von Donald Trump und der AfD.

bizz energy: Was lehrt uns der VW-Dieselskandal?

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Klaus Töpfer: Dieselgate ist eine Katastrophe – für das Unternehmen aber auch für die deutsche Volkswirtschaft. Das geht an die moralische Substanz der Beteiligten und offenbart eine unternehmerisch überhaupt nicht verantwortbare Mentalität. Jetzt muss zwischen Kontrollbehörden und Autokonzernen eine wirklich neue Atmosphäre geschaffen werden. Wir brauchen Unabhängigkeit und Transparenz – und eine neue Unternehmenskultur, in der Abgasschummeleien nicht als Kavaliersdelikte abgetan werden.

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In Deutschland werden Verbraucher nicht so entschädigt wie in den USA. Sind wir Verbraucher zweiter Klasse?

Darüber werden auch in Deutschland gerichtliche Auseinandersetzungen geführt werden – und das ist auch gut so. Deutsche Verbraucher müssen  genauso geschützt werden wie Verbraucher in anderen Rechtsstaaten. Von den Schadstoffen sind ja nicht nur Autobesitzer betroffen, sondern sehr viele Menschen vor allem in den Innenstädten.

Ist denn der Verzicht auf Benziner und Diesel realistisch, wie ihn der Bundesrat für die Zeit ab 2030 fordert?

Erforderlich ist eine umfassende Verkehrswende. Ein wesentlicher Baustein dafür ist die Elektromobilität. Dazu gehören aber auch das Fahrrad und der ÖPNV. Die nächsten „Diesel“ werden E-Autos sein, mit Strom aus erneuerbaren Energien betankt. Herkömmliche Verbrennungsmotoren werden nach und nach zum Auslaufmodell.

Sollte man schon jetzt ältere Diesel verbieten, zum Beispiel in der typischen Kesselstadt Stuttgart?

Die Entwicklung wird weitreichende Einschränkungen und Verbote in den Städten sicherlich früher als mancher denkt erforderlich machen – auch wenn die von der Bundesumweltministerin angestrebte blaue Plakette für schadstoffarme Diesel vorerst vom Tisch ist.

Was macht Sie da so sicher?

Wir sehen, dass die globale Mobilität Elektroautos braucht. Die Chinesen werden bald dazu übergehen, in ihren großen Städten nur noch E-Mobile fahren zu lassen, weil sie nur so ihre Luftverpestung in den Griff bekommen können.  Und auch wir Europäer werden bald einsehen, dass wir nicht mit Verbrennungsmotoren, sondern nur mit E-Fahrzeugen gesundheitlich ungefährliche Emissionswerte erreichen – und gleichzeitig das Klima schonen. Elektromobilität mit Ökostrom ist ein Muss für den Klimaschutz.

Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump sieht das ganz anders...

Politik muss die Wissenschaft ohne Einschränkung der Freiheit von Forschung fördern. Sie sollte ihre Ergebnisse ernst nehmen. Leider macht sich weltweit gerade die Unkultur einer Art Anti-Aufklärung breit. Dass Donald Trump Präsidentschaftskandidat der USA werden konnte, ist kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck dieser neuen Unkultur. Trump leugnet den Klimawandel, aber auch in Europa ignorieren einige Parteien den wissenschaftlichen Konsens zur Erderwärmung – zum Beispiel die AfD in Deutschland und der Front National in Frankreich.

Von Ihnen stammt der Satz: „Die nächste industrielle Revolution muss eine ökologische sein“. Stehen Sie heute noch zu dieser Proklamation von einst?

Den Satz habe ich aus Überzeugung gesagt. Nicht aus Eitelkeit und nicht aus Rechthaberei, glaube ich, dass er immer noch richtig ist. Heute würde ich allerdings ergänzend hinzufügen: Die nächste industrielle Revolution muss nicht nur ökologisch im Sinne von grün sein. Es ist die Revolution im Anthropozän, dem Menschenzeitalter. Wir werden einen Umbruch erleben, die Transformation in eine ökologische Gesellschaft insgesamt, die mehr denn je geprägt sein muss durch die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft in der globalen Welt.

Interview: Joachim Müller-Soares
und Hans Peter Schütz
Keywords:
Klaus Töpfer | Diesel | Elektromobilität | VW | Klimaschutz | Anthropozän
Ressorts:

Kommentare

So sehr ich ihn schätze, er lamentiert mit dem mainStream. Wo bitte sol die Elektrizitäet herkommen, die Heizenergie Öl-und Gas, sowie Fahrzeugbrennstoff ersetzt? Woher kommen die seltenen Erden, die erforderlich sin, PV und WKA zu bauen ? Die NWO arbeiten daran, die Weltbevölkerung auf 500 Mio zu reduzieren; was ich für Sinnvoll halte. Nur geht das mit harten Methoden der Deindustrialisierung. Alles ist auf LKW-Verkehr auserichtet; was ist, wenn Diesel nichtmehr erlaubt ist ? Dann bricht gewollt alles zusammen . Töpfer, ich hätte mehr Er
hrlichkeit von Ihnen erwartet. Sie sind doch kein Sozi.

derBürger zählt scheinbarwiedermal nix.
dessen gesundheit wird massiv angegriffen! aber das interessiert ja nicht. Die Krankenkassen schieben die Kosten dafür hin und her...

 

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