Kolumne Gerard Reid
26.03.2013

Digitale Revolution

Illustration: Valentin Kaden

BIZZ energy today-Kolumnist Gerard Reid erklärt, warum die gestiegenen Börsenkurse der Windturbinenhersteller trügen – und Softwareschmieden derzeit so begehrt sind.

 

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Zwei Messen habe ich in diesem Jahr schon besucht: Die kalifornische Netzmesse Distributech in San Diego und die europäische Windmesse EWEA in Wien. Der Kontrast hätte nicht größer sein können. Während die Distributech aus allen Nähten platzte, gab es bei der EWEA teilweise gähnend leere Hallen. Dabei war diese Windmesse bei meinem letzten Besuch vor fünf Jahren überfüllt, alle redeten über Expansion und neue Märkte. Bei den derzeitigen Aktienkursen von Vestas oder Gamesa, die in den letzten Monaten um 40 Prozent stiegen, fühlte man sich an diese Zeit erinnert. Aber der Schein trügt: Nur weil die Regierung Obama nun doch die steuerliche Förderung für Windanlagen um ein Jahr verlängert hat, wird der wichtige US-Markt nicht wie befürchtet um 90 Prozent einbrechen; vielleicht werden dort fünf Gigawatt neu installiert. Doch die Windbranche leidet unter enormen Überkapazitäten und ihre große Hoffnung heißt: Offshore. Aber auf hoher See hakt der Ausbau wegen technischer Probleme und fehlender Rahmenbedingungen für Investoren. 

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Das sind alles ‚Bad News‘. Positiv ist, wenn man so will, dass Wind auch künftig fester Bestandteil im Strommix bleiben wird. Schaut man nach Irland oder Schottland, sind nicht etwa Kohle oder Gas die günstigsten Stromerzeuger – sondern Wind. Aber aus Sicht der Investoren haben Windfirmen keine Wachstumsperspektive mehr. Vestas, Suzlon, Gamesa oder Nordex stecken alle mitten in der Umstrukturierung. Investoren in Wachstumsmärkten ticken anders als Anleger mit hoher Dividendenerwartung. Erstere wollen ihren Einsatz vervielfachen, während letztere auf Sicherheit und eine höhere Ausschüttung setzen. Beide Typen fühlen sich bei Windfirmen nicht gut aufgehoben. 

Nur noch 5 statt 20 Windturbinenhersteller

Was bedeutet das? Möglicherweise sehen wir in zwei Jahren nur noch fünf statt zwanzig Hersteller in der Branche. Die überlebenden Firmen werden kaum effizienter arbeiten als heute, allerdings werden sie keine Subventionen mehr benötigen. Die Gewinner von morgen findet man heute im Offshore-Sektor. Industriekonzerne wie Siemens, Alstom und Areva gewinnen derzeit alle Ausschreibungen auf hoher See. Sie sind entsprechend groß und haben eine starke Bilanz, das erleichtert ihnen die Finanzierung enorm. Auch in der Welt der Stromverteilung dominieren Großkonzerne wie Siemens und General Electric (GE) einen Markt, der lange sehr unbeweglich war. Nun kommt Bewegung ins Spiel. Es gibt immer mehr smarte Endgeräte und immer mehr dezentrale Energieerzeugung durch Ökostrom. Energie muss künftig nicht nur zum Verbraucher, sondern in beide Richtungen fließen können. Der Stress für das Stromnetz und die Netzstabilität nimmt zu.

Während Europa noch über das Pro und Kontra von Smart Metern diskutiert, investieren die Versorger in den USA massiv in die Verteilnetze. Aus gutem Grund: Alabama Power verkündete vor kurzem, dass die Investitionen in neue Sensoren im Netz sich bereits nach einem Jahr rentieren. Nun werden Störungen schneller erfasst und behoben, zudem können die Stromverluste durch Monitoring reduziert werden. Die europäischen Netzbetreiber aber konzentrieren sich lieber auf den Ausbau des Übertragungsnetzes, und mit ihnen die Lieferanten Siemens, ABB und GE.

Die Konkurrenz schläft nicht

Diese Elektroriesen ändern jedoch gerade ihre Strategie, wie die jüngsten Zukäufe zeigen. Sie wissen, was ihre Kunden, die Energieversorger, künftig benötigen: Software, Sensoren sowie Kontroll- und Kommunikationstechnik. Besonders Siemens rüstet auf. Der Münchner Konzern kaufte zum Beispiel die Software-Schmieden E-Meter und Ruggedcom. Auch auf die Berliner Firma PSI ist Siemens scharf. Deren Software steckt in den Kontrollstationen von drei der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber und vielen Verteilnetzbetreibern. Allein aus Prestige müsste Siemens diese Firma übernehmen. Aber weil PSI derzeit nicht käuflich ist, muss Siemens nach Alternativen suchen. Die Konkurrenz schläft nicht: Oracle, Cisco Systems, SAP und IBM präsentierten auf der Distributech ihre Beiträge für die digitale Revolution im Stromnetz.

 

Gerard Reid zählt weltweit zu den Top-Finanzanalysten für erneuerbare Ener-gien. Für die Wall-Street-Investmentbank Jefferies baute er den Bereich Renewables auf. Anschließend gründete er mit Alexa Capital seine eigene Beratungsgesellschaft. 2011 erschien sein Buch „Asiens Energiehunger – Rohstoffe am Limit“. Reid hat am Imperial College in London eine Finance-Professur inne. Last but not least: Gerard Reid ist Chefökonom bei BIZZ energy today.

 

Top-Teaser-Bild: Depositphotos

Gerard Reid
Keywords:
Gerard Reid | Offshore Windenergie | Smart Meter | Siemens
Ressorts:
Finance

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