Dieser Text wimmelt von Zahlen. Daher die wichtigste vorweg: 262 Millionen Tonnen. Diese Zahl ist die aktuelle Differenz zwischen Haben und Soll beim bundesweiten CO2-Ausstoß. 2019 pustete die Bundesrepublik 805 Millionen Tonnen CO2 in die Luft. Das erklärte Ziel der Regierung lautet jedoch, die Emissionen bis 2030 auf 543 Millionen Tonnen gesenkt zu haben. 

Die Untersuchung seines Verbandes sei “die wichtigste in diesem Jahr”, meinte Bitkom-Chef Achim Berg bei der Präsentation in dieser Woche. Richtig fertig ist die Studie noch nicht: Vier von sieben Wirtschaftsbereichen haben die Forscher bisher ausgewertet. Pünktlich vor dem Digitalisierungsgipfel der Bundesregierung, der kommende Woche unter dem Thema “Digital nachhaltiger leben” stattfindet, wollte der Digitalverband zumindest Teilergebnisse vorlegen. 

Man habe wirklich genau wissen wollen, welches Potenzial die digitale Technologie hat, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren, ordnete Berg die Studie ein.  Dabei errechneten die Forscher die CO2-Ersparnis für zwei Szenarien: Einerseits im Falle einer moderaten Weiter-wie-gehabt-Digitalisierung sowie andererseits für eine beschleunigte “Schippe-drauf”-Digitalisierung.

Stimmen die Zahlen der Studie, ließen sich bis 2030 zwischen 78 Millionen Tonnen bei moderatem Digitalisierungstempo sowie 120 Millionen Tonnen CO2 bei beschleunigtem Digitalisierungs-Vollgas im Vergleich zu 2019 einsparen. Mengen, die laut dem Bitkom-Chef weiter ansteigen werden, sobald die Ergebnisse der drei noch fehlenden Teilbereiche - Agrar, Energie und Gesundheit - im kommenden Jahr nachgereicht werden. Zur Einordnung: Mit der Vollgas-Digitalisierung wäre es möglich, nach Abzug der durch die Maßnahmen entstehenden Emissionen, rund 46 Prozent, also fast die Hälfte der bis 2030 nötigen CO2-Einsparungen zu erzielen.

Erhebliche Netto-Einsparung

Davon abzuziehen sind allerdings die Emissionen, die der digitale Ausbau selbst verursacht: Bei moderater Digitalisierung entstünden pro Jahr 16 Millionen Tonnen CO2, bei beschleunigtem Vorgehen 22 Millionen zusätzlich. “Zieht man den eigenen Ausstoß von den Einsparungen ab, haben wir unter dem Strich immer noch einen großen Nettowert”, ist Berg sich sicher.

Allerdings verschieben sich die Größenordnungen doch: Netto gerechnet lassen sich mit der Vollgas-Digitalisierung nur noch etwas mehr als ein Drittel (38 Prozent) oder bei moderater Entwicklung ein Viertel (24 Prozent) der bis 2030 angestrebten Reduktion erzielen. Der Bitkom-Chef verwies in dem Zusammenhang darauf, dass sich der CO2-Fußabdruck der neuen Digitalinfrastruktur mit der Zeit halbieren könnte, wenn die Unternehmen auf grünen Strom setzten.

“Je schneller und konsequenter digitale Technologien eingesetzt werden, desto mehr CO2 können wir bis 2030 einsparen”, meinte Berg. Er fordert die Bundesregierung auf, digitale Anwendungen und Geschäftsmodelle in größerem Maße zu fördern. Auch die Wirtschaft sei in der Pflicht die neuen Technologien umzusetzen.

Auch digitale Zwillinge können helfen

Unter den Wirtschaftsbereichen könne dabei, so die Studie, in der industriellen Fertigung am meisten CO2 gespart werden. Mit einer automatisierten Produktion und sogenannten digitalen Zwillingen könnten hier bei moderater Digitalisierung 35 Millionen Tonnen sowie bei beschleunigter 61 Millionen Tonnen CO2 weniger ausgestoßen werden. Mit automatisierten Produktion sind vernetzte Anlagen, selbstständige Prozesse und eine optimierte Energieeffizienz gemeint, digitale Zwillinge sind hingegen "virtuelle Abbilder ganzer Produktionszyklen", erklärt der Bitkom-Chef. Eine Fabrik beispielsweise, deren Abläufe am PC optimiert werden können - lange vor der Grundsteinlegung.

Für die Mobilität errechnet die Studie je nach Digitalisierungstempo ein Einsparpotenzial von 17 bis 28 Millionen Tonnen. Intelligente Verkehrssteuerung, Logistik und Shared Mobility sind hier die Stichworte. Bei Gebäuden liegen moderate und beschleunigte Ausbreitung der Bit-Technologie nicht allzu weit auseinander - ein Minus von 16 Millionnen CO2, wenn es sich entwickelt wie gehabt, drei zusätzliche Millionen Tonnen weniger im beschleunigten Tempo. Smart homes und vernetzte Gebäude, die sich eigenverantwortlich beleuchten und temperieren, sollen es möglich machen. Vor allem bei smarten Büroflächen müsse die Bundesrepublik aufholen. Berg: “In Nordamerika verfügen drei Viertel der gewerblich genutzten Flächen über diese Technologie. In Deutschland liegen wir gerade bei 25 Prozent.”

Ja zu Erneuerbaren, Nein zur CO2-Steuer

Für den vierten Bereich, Arbeit und Soziales, sieht die Studie das geringste Einsparungspotenzial. Zwischen zehn und zwölf Millionen Tonnen CO2 weniger als 2019 seien bis 2030 möglich. Vor allem durch sogenannte E-Work, etwa Arbeit aus dem Homeoffice oder Videokonferenzen statt Geschäftsreisen. “Mehr Tage im Homeoffice leisten einen deutlichen Beitrag zum Klimaschutz, weil Autofahrten ins Büro wegfallen”, so Berg. Bitkom fordert, dass Menschen, die von zuhause aus arbeiten und so das Klima schonen, steuerlich mit Berufspendlern gleichgestellt werden.

In einer angeschlossenen Kurzstudie gaben 750 Unternehmen an, wie weit die Digitalisierung bei ihnen fortgeschritten ist und was sie sich von der Politik wünschen: 87 Prozent der befragten Firmen wollen, dass die erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Etwas weniger als die Hälfte gab an, die Politik solle für mehr Umweltschutz und eine effizientere Rechenzentrumnutzung sorgen. Für eine höhere CO2-Bepreisung sprachen sich nur 14 Prozent der Unternehmen aus.

Statt in qualmenden Schornsteinen sieht der Digitalisierungsverband Bitkom die Zukunft der Industrie in digitalen Codes - und will damit die Klimaziele retten. (Copyright: Markus Spiske Unsplash)