Klimapolitik
13.02.2020

DIW-Studie: Kohleausstieg muss bis 2030 abgeschlossen sein

Foto: iStock
Das letzte Kohlekraftwerk muss 2030 stillgelegt sein, fordern Wissenschaftler – nicht erst 2038.

Das Kohleausstiegsgesetz gefährdet die Klimaziele, zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Für den Auftraggeber der Untersuchung ist es gar ein bewusster Plan, um Klimaschutz zu verhindern.

Die bisher schärfste Kritik am Kohleausstieg der Bundesregierung legte am Donnerstag das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vor: Nur bei einem Kohleausstieg bis zum Jahr 2030 und einer gleichzeitigen Verdreifachung des Ausbaus der erneuerbaren Energien kann Deutschland die Vorgaben des Pariser Klimaziel einhalten, ergab eine im Auftrag der Umweltorganisation BUND erstellte Studie.

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Bisher erschien der deutsche Kohleausstieg, auch wenn er bis 2038 dauern soll und das Votum der Kohlekommission teilweise ignoriert, als eine Art politischer Betriebsunfall, der sich mit diesen oder jenen Maßnahmen noch reparieren ließe. Mit der Idee räumt die am Donnerstag vorgestellte Studie „Klimaschutz statt Kohleschmutz“ auf.

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Mehremissionen von 134 Millionen Tonnen CO2

Verglichen mit dem ursprünglichen Kohlekompromiss würde der aktuelle Gesetzentwurf zum Kohleausstieg zu Mehremissionen von insgesamt 134 Millionen Tonnen CO2 führen, bezifferte DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert den Unterschied. „Der Kohleausstieg kommt zu spät und verschiebt die Reduzierung der Kapazitäten nach hinten“, sagt Kemfert. Ein Kohleausstieg, der kompatibel zu den Pariser Klimabeschlüssen ist, müsse bis 2030 abgeschlossen sein. „Alle anderen Lösungen führen dazu, dass wir die Klimaziele nicht werden erreichen können.“

In Zahlen heißt das: Bleibt es bei diesem Kohleausstieg, dann verbraucht der Energiesektor bis 2040 mit 4.400 Millionen Tonnen CO2 allein zwei Drittel des gesamten deutschen CO2-Budgets von noch 6.600 Millionen. Das Restbudget für die anderen Sektoren wäre entsprechend gering. Eine Kohleausstieg nach Pariser Maßstab würde dagegen nur rund 2.450 Millionen Tonnen des CO2-Budgets beanspruchen – Deutschland würde einen Spielraum von 2.000 Millionen Tonnen gewinnen.

Kritik an Inbetriebnahme von Datteln 4

Kemfert und die Mitautoren der Studie erklären die neuen Zahlen damit, dass sie dynamische Modelle eingesetzt haben, die auch „Sondereffekte“ wie unter anderem die Verdrängung von Kraftwerken berücksichtigen. Für das umstrittene Steinkohlekraftwerk Datteln 4 kommt die DIW-Studie so zu bisher nicht bezifferten zusätzlichen CO2-Emissionen von 40 Millionen Tonnen (bei einer angenommenen Laufzeit der Anlage bis 2033). Bisher hatten selbst Kritiker von Datteln 4 mit Mehremissionen von „nur“ zwei bis sechs Millionen Tonnen gerechnet.

Dirk Jansen vom BUND in Nordrhein-Westfalen wie auch die DIW-Autoren begründen die enormen Mehremissionen von Datteln 4 weiter damit, dass die Steinkohle-Kraftwerke, die der Betreiber Uniper dafür abschalten will, 2019 nur zu 20 Prozent ausgelastet waren und entsprechend wenig emittiert haben. Zudem würden mehr als 860 Megawatt von Datteln 4 durch feste Abnahmeverträge von RWE und der Deutschen Bahn stetig am Laufen gehalten – egal, ob die Sonne scheine oder der Wind wehe, wie Jansen sagte. Diese hohe Auslastung führe wiederum zu den angemerkten Verdrängungseffekten, vor allem gegenüber Gaskraftwerken, aber auch gegen die Erneuerbaren.

Verdreifachung des Erneuerbaren-Ausbaus

Ein weiterer Grund für die hohen Mehremissionen ist, dass die Studie den schleppenden Ausbau der Erneuerbaren angemessen berücksichtigt. Um das Pariser Klimaziel zu erreichen, hält Claudia Kemfert bis 2030 einen Anteil der Erneuerbaren von 75 Prozent am Strommarkt für erforderlich – und nicht von 65 Prozent, wie von der Koalition beschlossen. „Bleibt es beim heutigen Tempo, werden wir 2030 sogar nur einen Anteil von knapp 50 Prozent haben“, sagt sie.

Für die 75 Prozent halten die Autoren der Studie einen jährlichen Zubau von 9.800 Megawatt Photovoltaik und 5.900 Megawatt Windkraft für nötig – was sogar deutlich über den Forderungen der Branchenverbände liegt und eine Verdreifachung der derzeitigen Ausbaurate bedeutet.

Angesichts all dessen setzt BUND-Chef Olaf Bandt nicht mehr auf eine Reparatur des Kohleausstiegsgesetzes. „Dieser Kohleausstieg ist ein bewusster Plan, um Klimaschutz in Deutschland zu verhindern“, sagt er. Bandt appelliert an den Bundestag, den Gesetzentwurf so nicht zu beschließen. Bund und Länder sollten dagegen einen neuen Plan vorlegen, um den Kohleausstieg bis 2030 zu ermöglichen – oder wenigstens den Kohlekompromiss Eins zu Eins umsetzen.

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Jörg Staude
Keywords:
Kohleausstieg
Ressorts:
Governance
 

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