Erneuerbare Energien
02.10.2018

DLR-Forscher wollen Kohlekraftwerke dekarbonisieren

Foto: istock/rclassenlayouts
Kohlekraftwerke mit Solar- und Windkraftanlagen in der Nähe eignen sich Forschern zufolge am besten für die Umwandlung in einen Wärmespeicher.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Energiekonzern RWE wollen klären, wie man Kohlekraftwerke in Wärmespeicher umbauen kann. Die Idee findet sich sogar im Koalitionsvertrag.

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Sie werden zwar seltener als zuvor, aber immer noch unablässig neu gebaut: Kohlekraftwerke. Weltweit waren Anfang des Jahres rund 210.000 Megawatt im Bau. Etwa 140.000 Megawatt Kapazität davon befinden sich in China und Indien, so das Forschernetzwerk Coalswarm. Allein in diesen beiden Ländern wird demnächst also das Dreifache der gesamten deutschen Stromkapazität bei Stein- und Braunkohle neu ans Netz gehen.

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Es ist ein Dilemma: Viele Anlagen, die jetzt neu ans Netz gehen, werden 2050 noch in Betrieb sein. „Bis 2050 soll die Menschheit weg von der Kohleverstromung – in etwa 30 Jahren also“, sagt André Thess, Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Es ist jedoch völlig illusorisch zu glauben, dass sich weltweit tausende von Kohlekraftwerken in der Zeit durch eine komplett neue Infrastruktur ersetzen lassen.“

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Energie aus „grünem“ Gas

Deswegen soll nun erforscht werden, wie sich die global noch auf Jahrzehnte existierende Kohlekraft dekarbonisieren lässt. Als besonders vielversprechend gilt die Idee, Kohlekraftwerke in Wärmespeicheranlagen umzuwandeln. Diese könne ihre Energie zum Beispiel aus Solarthermie oder aus „grünem“ Gas beziehen, das per Windkraft hergestellt wird.

Es wäre zwar möglich, alle Kohleanlagen einfach außer Betrieb setzen – das könne sich aber nur eine reiche Nation wie Deutschland leisten, sagt Thess im Gespräch mit bizz energy. „Länder wie Indien oder China, wo die Wirtschaftsleistung pro Kopf nur ein kleiner Teil der deutschen beträgt, können das nicht vollziehen, ohne ihre sozialen Errungenschaften der letzten Jahre in Frage zu stellen.“

„Intensive“ Gespräche

Bleibt die Umwandlung zum Wärmespeicher. Um herauszufinden, wie groß und aus welchem Material dieser sein müsste und in welchem Gebäudeteil eines konventionellen Kraftwerks er einmal stehen könnte, plant das DLR derzeit mit dem Energiekonzern RWE eine Machbarkeitsstudie.

Ein RWE-Sprecher sagte auf Anfrage, man führe mit dem DLR „intensive“ Gespräche.  Einen Starttermin für die Studie konnte er jedoch nicht nennen. Es gehe aber darum, ein bestehendes Kohlekraftwerk um eine Wärmespeicheranlage zu erweitern. Das Kraftwerk könne dann wahlweise als Kohle- oder Wärmespeicherkraftwerk oder als Kombination der beiden betrieben werden. Der Wärmespeicher solle dabei mit überschüssigem Ökostrom aus dem Netz oder mit dem Strom aus dem Kraftwerksblock selbst geladen werden.

Solarthermie-Kraftwerk als Vorbild?

Die letztere Variante hätte mit einer Dekarbonisierung wenig zu tun. Dennoch ist die Strombranche zunehmend elektrisiert von der Idee, per „grüner“ Feuerung dem Kohle-Ausstieg ein technologisches Schnippchen zu schlagen. Die Idee fand sogar Eingang in den Koalitionsvertrag von Union und SPD. Man wolle prüfen, heißt es dort, „inwieweit zukünftig nicht mehr benötigte Kraftwerkstandorte für große thermische Speicher-Kraftwerke genutzt werden können“.

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Kommentare

Das zugrundeliegende Konzept ist schon lange bekannt (i-tess), praktisch erprobt (Andasol) und könnte von RWE in Zusammenarbeit mit dem Solarinstitut Jülich innerhalb kürzester Zeit am Standort Frimmersorf als "Leuchtturmprojekt" umgesetzt werden. Nach vorliegenden Informationen will aber RWE genau das nicht, denn mit dem Erfolg des Projektes wäre der Beweis erbracht, auf die weitere Kohleverstromumg ab Mitte des nächsten Jahrzehnts komplett verzichten zu können. Und damit würde die Argumentation von RWE zur Rodung des Hambacher Waldes in sich zusammenbrechen.

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