Stromnetz
29.09.2016

"Durch mehr Stromnetze sparen wir alle Geld"

Foto: ENTSO-E
Konstantin Staschus arbeitete vor seiner Zeit in Brüssel auch beim deutschen Energieverband BDEW.

Konstantin Staschus, Generalsekretär des europäischen Verbands der Stromnetzbetreiber Entso-E über die Kooperation Deutschlands mit seinen Nachbarstaaten und eine Strompreis-Reform.

bizz energy: Der Bau großer Übertragungsleitungen wie Südlink und Südostlink kommt nur sehr schleppend voran. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

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Konstantin Staschus: Unsere größte Sorge ist die öffentliche Akzeptanz – gerade bei Freileitungen. Wir befürchten aber auch, dass die Zustimmung zu Kabelstrecken ein Problem werden könnte. Aber das wird man erst sehen, wenn es in die konkreten Genehmigungen hineingeht.

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Ein Argument von Trassengegnern ist: Große Übertragungsleitungen brauche man gar nicht für die dezentrale Energiewende, sondern für Profite im europäischen Stromhandel.

Wir sollten sehr stolz sein, dass wir dabei sind, ein richtig gutes Stromhandelssystem für 530 Millionen Menschen zu arrangieren – und dass zum Beispiel die Koordinierung im Day-ahead-Handel schon 85 Prozent des europäischen Stromverbrauchs abdeckt. Natürlich wird der Stromhandel von den großen Energieunternehmen und den Stromhändlern durchgeführt, aber er führt ja gerade dazu, dass der Wettbewerb funktioniert und die jeweils billigste Erzeugungsform zum Zuge kommt. Wenn also jemand sagt, mehr Netze führen zu mehr Stromhandel, dann würde ich sagen: Ja, klasse! Genau dadurch sparen wir alle Geld.

Smart Grids sollen die zweite Phase der Energiewende einläuten. Gibt es aus Ihrer Sicht noch Hindernisse für die Digitalisierung des Stromsystems?

Für Netzbetreiber ist die wichtigste Frage, ob die Netzentgeltregulierung Investitionen in Smart Meter und andere Betriebsmittel abdeckt. Das ist in den meisten Ländern ganz gut der Fall, bloß Ausgaben der Netzbetreiber für Forschung und Entwicklung werden oft einfach nicht honoriert. Bei einem zweiten Aspekt besteht aus unserer Sicht aber noch einiges an Handlungsbedarf. Der betrifft die genaue Struktur der Kosten pro Kilowattstunde, die Kunden für ihren Strom bezahlen...

... also das nicht unbedingt einfach zu durchschauende Verhältnis zwischen Steuern, Erneuerbaren-Umlage, Netzentgelten und den eigentlichen Kosten für den Stromeinkauf.

Als Verband der europäischen Netzbetreiber legen wir großen Wert darauf, dass diese Struktur so schnell wie möglich auf variable Entgelte und Preise umgestaltet wird. Eine Voraussetzung ist, dass so viele Kunden wie möglich die stündliche oder in Deutschland auch viertelstündliche Entwicklung der Strommarktpreise tatsächlich sehen können. Wenn das nicht der Fall ist, dann haben die Kunden ja gar keinen Anreiz, flexibel zu sein mit ihrer Nachfrage. Wenn der Zähler eines Kunden nur einmal im Jahr abgelesen wird, ist es ja völlig egal, ob er zur Spitzenlastzeit – wenn der Strom im Großhandelsmarkt sehr, sehr teuer sein kann – viel verbraucht oder wenig. Der zweite Aspekt betrifft die Höhe der Preisschwankungen: Wenn der Kunde bei der bisherigen Preisstruktur etwas spart, dann nur den minimalen Betrag für die Strombeschaffung.

In Deutschland machen Beschaffung und Vertrieb etwa 7 von 29 Cent durchschnittlichen Stromkosten aus.

Deshalb hätten Kunden bei variablen Tarifen nur einen sehr geringen Anreiz, ihren Verbrauch zu verlagern. Es gibt ja noch viele andere Bestandteile der Preise, die genauso wichtig sind.

Also sollten auch staatlich regulierte Bestandteile wie EEG-Umlage oder Netzentgelte nicht mehr nur einen festen Satz haben?

Das wäre ideal. Man müsste nur darauf achten, dass die technische Grundlage stimmt und keine falschen Anreize gesetzt werden, seinen Verbrauch zu verlagern.

Einige unserer Nachbarstaaten wie Polen und Tschechien sind gar nicht begeistert vom vielen deutschen Ökostrom, der ihre eigenen Netze belastet. Sollte die Bundesrepublik den Erneuerbaren-Ausbau bremsen?

Der Energiemix liegt in der Hoheit der einzelnen Mitgliedsstaaten. Uns als Entso-E ist es allerdings sehr wichtig, dass die Staaten bei der Festlegung ihres Erzeugungsmix intensiver miteinander sprechen. Was die Bundesregierung in den vergangenen Monaten immer wieder in Gesprächen mit den elektrischen Nachbarn Deutschlands versucht hat, halten wir für vielversprechend. Es sollte nur noch viel mehr werden.

In welcher Form?

Wir werben für eine europäische Gesetzesgrundlage und haben sogenannte Policy Regions vorgeschlagen. Wir hätten es gerne, wenn Regierungen, Regulierungsbehörden, Übertragungsnetzbetreiber und andere Anspruchsgruppen sich dort auf der Basis neutraler Analysen darüber austauschen, ob sie mit ihrer Förderung für erneuerbare Energien und ihren Kapazitätsmechanismen für Reservekraftwerke im Zusammenspiel der Länder das erreichen, was sie wollen. Wir sind sehr gespannt, ob die Europäische Kommission in ihrem Gesetzespaket zum Marktdesign in diesem Herbst dazu eine Lösung findet.

Interview: Manuel Berkel
Keywords:
Entso-E | Stromnetz | Stromhandel | Smart Grid | Smart Meter | EEG-Umlage | Netzentgelte | Variable Tarife | Strompreis
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