Digitalisierung
07.12.2016

Durchbruch fürs Lastmanagement

Foto: istock.com / zhuzhu
Potenzial zur Lastverlagerung: Brauereien brauchen viel Energie zum Erhitzen, Kühlen und Pumpen.

Verschieben Industriebetriebe ihren Stromverbrauch, helfen sie Erneuerbare ins Netz zu integrieren. Bisher war das ein Nischengeschäft. Eine neue Branchenvereinbarung ebnet nun den Weg in den Massenmarkt.

 

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Bei einer ganzen Reihe kleinerer Energieunternehmen dürften Anfang der Woche die Sektkorken geknallt haben. Mit dem BDEW stimmte der letzte der großen Energieverbände einem Kompromiss zu, um den die Branche neun Monate lang gerungen hatte. Die Bundesnetzagentur hatte den Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE) beauftragt, eine Einigung auszuhandeln. Der Branchenleitfaden für sogenannte Drittpartei-Aggregatoren bedeutet einen Durchbruch für das von der Bundesregierung forcierte Lastmanagement. Hinter dem mühsam ausgehandelten Dokument, das bizz energy vorliegt, stehen auch der Stadtwerkeverbund VKU und der Erneuerbaren-Verband BEE.

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Mit dem Ausbau der Erneuerbaren werden in den nächsten Jahren neue Möglichkeiten gebraucht, um die Frequenz im Netz stabil zu halten – besonders wenn Wind- und Solaranlagen immer häufiger Kohle- und Gaskraftwerke aus dem Markt drängen. „Konventionelle Kraftwerke werden in 2030 zu bestimmten Stunden marktgetrieben nicht in ausreichendem Maße zur Bereitstellung von Regelleistung zur Verfügung stehen“, schreibt die Deutsche Energie-Agentur (Dena) in einer Studie. Der Bedarf an positiver Minutenreserveleistung beispielsweise wird sich ihren Prognosen zufolge bis 2033 in einzelnen Stunden nahezu verdoppeln.

 

Neue Dienstleisterrolle entsteht

Mit dem Strommarktgesetz vom Sommer hat sich die Bundesregierung deshalb das Ziel gesetzt, bestehende Flexibilitätsoptionen abseits fossiler Kraftwerke „kosteneffizienter und umweltverträglicher einzusetzen“. Ein neuer Paragraph verpflichtet Stromlieferanten seit Ende August ihre Kundenverhältnisse für Dienstleister zu öffnen, die Gewerbekunden helfen wollen Regelleistung bereitzustellen. Das können beispielsweise Betreiber von Schmelzöfen sein, die ihren Stromverbrauch um einige Minuten verschieben.

Bisher hatten Lieferanten derlei Eingriffe Dritter oft mit hohen Entgelten unattraktiv gemacht oder komplett abgelehnt. Übertragungsnetzbetreiber sowie die Interessenvertreter von Lieferanten, Verteilnetzbetreibern und den neuen Dienstleistern hatten sich deshalb seit dem Frühjahr um einen Kompromiss bemüht. Durch den Branchenleitfaden ist künftig beispielsweise geregelt, wie die Risiken zwischen den Beteiligten aufgeteilt werden, falls eine Anlage Regelleistung nicht wie erwartet liefert. In der heftig umstrittenen Kostenfrage einigte man sich auf eine Deckelung. Werden die nötigen Prozesse digitalisiert, sollen die Entgelte später sogar komplett entfallen.

"Mit dem neuen Modell kommt das Thema Lastmanagement im Massenmarkt an", sagt Axel Grimm von Neas Energy. Der Dienstleister schätzt, dass sich das Angebot von steuerbaren Lasten auf dem Regelleistungsmarkt in etwa verzehnfachen wird. Noch muss der Kompromiss allerdings von Bundeswirtschaftsministerium und Bundesnetzagentur bestätigt werden.

 

Neue Marktregeln ab 2018

Und es gibt weitere Hürden. Auf dem Markt für die kurzfristigere Sekundärregelleistung etwa gelten strengere Regeln als bei der Minutenreserve. Die Leistung muss zum Beispiel für eine Woche durchgehend vorgehalten werden. Damit kommen nur wenige energieintensive Betriebe in Frage, die ihre Anlagen rund um die Uhr und auch an Wochenenden durchlaufen lassen. Der Aggregator Enernoc rechnet damit, dass in der ersten Phase weiterhin nur Unternehmen aus Grundstoffindustrien wie Chemie und Papierherstellung am Markt für Sekundärregelleistung teilnehmen werden. Ab 2018 werde sich der Kreis aber voraussichtlich erweitern, sagt Jörg-Werner Haug, Leiter Energiewirtschaft bei Enernoc.

Für 2018 hat die Bundesnetzagentur neue Regeln für den Sekundärregelmarkt angekündigt. Unternehmen können dann auch kürzere Vier-Stunden-Pakete für Regelleistung anbieten. Die entsprechende Festlegung der Behörde wird für das erste Quartal 2017 erwartet.

Aus der Frage, welche Unternehmen die Aggregatoren für das Lastmanagement akquirieren wollen, machen sie ein Betriebsgeheimnis. In der Vergangenheit wurden außerhalb der Grundstoffindustrie aber beispielsweise Brauereien angesprochen und auch Kühlhäuser werden immer wieder genannt.

Manuel Berkel
Keywords:
DSM | Lastmanagement | Demand Side Management | BDEW | VKU | BEE | BNE | smart Grids | Neas | Enernoc
Ressorts:

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