Verkehrswende
04.01.2018

E-Mobilität: Die eichrechtkonforme Ladesäule kommt

Foto: Mennekes
Viel Entwicklungsarbeit nötig: Mennekes-Ladesäule in Hamburg

Die Abrechnung mit geeichten Ladesäulen soll mehr Transparenz für Autofahrer schaffen. Viele in der Branche rechnen mit einem Schub für die Elektromobilität.

Die Übergangszeit ist seit dem Jahreswechsel vorbei: Ab sofort muss an allen E-Ladesäulen, die nach Kilowattstunden oder Nutzungszeit abrechnen, ein geeichtes Messgerät eingebaut sein. Andere Säulen sind nicht mehr zulässig. Die eichrechtkonforme Abrechnung des Energieflusses soll mehr Transparenz für die Verbraucher schaffen. Sie sollen künftig eine monatliche Abrechnung bekommen können. „Der Kunde möchte sicher sein, dass der abgerechnete Strom auch tatsächlich dem entspricht, den er geladen hat“, sagt Lars Baier, Marketing-Manager beim sauerländischen Ladesystem-Hersteller Mennekes. „Das schafft zusätzliches Vertrauen in die Elektromobilität.“

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2017 als Wendepunkt

Bei Mennekes ist der Aufschwung schon angekommen. „2017 war ein richtiger Wendepunkt“, sagt Baier. Er spricht von „sehr erfreulichen schwarzen Zahlen“. Wenn die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in den nächsten Wochen bescheinigt, dass die von Mennekes für den „Konformitätsbewertungsprozess“ eingereichten Lösungen eichrechtkonform sind, wird das Umsatzpotenzial weiter klettern – insbesondere bei projekten im öffentlichen Bereich, davon ist Baier überzeugt. Auch die Nachfrage seitens der Autohersteller, an die das Unternehmen Ladeinfrastruktur-Komponenten verkauft, habe angezogen.

EMH Metering aus Mecklenburg-Vorpommern ist ebenfalls optimistisch: „Wir rechnen mit einer spürbar steigenden Nachfrage“, sagt Geschäftsführer Peter Heuell. Die Firma aus hat bereits einen eichrechtkonformen Zähler am Markt, der für AC-Ladesäulen geeignet ist. Ein Gleichstromzähler (DC) wird derzeit innerhalb einer Gesamtlösung zertifiziert.

Hersteller arbeiten am Limit

Nur Säulen, an denen der Strom per Flatrate abgerechnet oder verschenkt wird, bilden weiterhin eine Ausnahme vom Eichrecht. Will man weiterhin einen Zeittarif anbieten, muss in der Ladesäule ein geeichter Zeitmesser verbaut sein. Transparenter und gerechter als Zeittarife sei jedoch die Stromabrechnung, sagt Katharina Boesche, Leiterin der Fachgruppe Rechtsrahmen IKT für Elektromobilität an der FU Berlin. Denn Elektrofahrzeuge laden in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Lediglich für attraktive Innenstadtbereiche könne sich für Betreiber eine Kombination aus Strom- und Zeittarif anbieten. So lasse sich verhindern, dass E-Fahrzeuge stundenlang Parkplätze und damit die Ladesäule blockieren – für relativ geringe, allein Kilowattstunden-basierte Gebühren.

Die Regeln entstammen der Mess- und Eichverordnung, mit der Deutschland europäisches Recht umsetzt. Boesche zufolge lassen derzeit mehrere Unternehmen ihre neuen Lösungen in einem „Konformitätsbewertungsverfahren“ prüfen. Die Juristin koordiniert einen Arbeitskreis, in dem die großen Hersteller und Ladesäulenbetreiber Anforderungen für die künftigen Ladesysteme definieren. Sie geht davon aus, dass die Behörden die Freigabe noch im ersten Quartal des neuen Jahres erteilen werden. Boesche beobachtet momentan einen Boom, der vor allem durch das Ladesäulen-Förderprogramm der Bundesregierung angeheizt wurde: „Die Hersteller arbeiten schon am Limit und stellen neue Mitarbeiter ein, um den Bedarf bewältigen zu können.“

Auch Tesla macht mit

Die anfängliche Ablehnung in der Branche gegen die neuen Vorgaben scheint mittlerweile verflogen zu sein. Alle Hersteller seien gewillt, künftig nur noch geeichte Messgeräte zu verbauen, sagt Boesche. Auch Betreiber fragten nun stets nach solchen Systemen. „Sie wollen kein Risiko mehr eingehen.“ Selbst US-Autobauer Tesla mache mit und werde Ladesäulen umrüsten. Bei den meisten Ladesystemen, die derzeit in der Prüfung sind, handelt es sich um AC-Geräte. „Künftig wird aber viel stärker das Gleichstrom-Laden kommen, weil man damit viel höhere Energieströme in den Wagen kriegt“, prophezeit Heuell, Chef von EMH Metering. An den künftigen 350 kW-Säulen lasse sich ein E-Auto in etwa fünf Minuten laden. Es gibt bisher keine Möglichkeit, eine eichrechtliche Zulassung für Gleichstromzähler zu erlangen. Deshalb gilt gilt eine Übergangslösung bis Ende April 2019. Danach können in DC-Ladesäulen AC-Messgeräte verbaut werden. Erst danach muss umgerüstet werden.

Die große Herausforderung ist nun allerdings, was mit den Ladesäulen im Bestand passiert. Die Behörden prüfen derzeit, wo von wem welche Punkte betrieben werden. Hersteller wie Mennekes und EBG Compleo bieten Umrüst-Kits an. „Der größte Teil der Ladesäulen wird sich umrüsten lassen, einige jedoch nicht“, prophezeit Boesche. So sei dies etwa bei Ladesäulen der ersten Generation teils technisch nicht machbar. Für solche Fälle würden nun Lösungen gesucht. Beispielsweise könnten sich die Betreiber mit einer Flatrate behelfen – etwa Arbeitgeber, die einen ganzen Fuhrpark betreiben. In einigen Fällen könnten die Eichrechtdirektoren womöglich auch ein Auge zudrücken.

Innogy will Lizenzgebühren erheben

Für etwas Unruhe im Markt sorgt derzeit Innogy – das einzige Unternehmen, das bereits seit 2014 eine Zulassung für eichrechtskonforme Ladesäulen hat, damals noch als RWE. Schon zuvor hat der Energieversorger nämlich Patente für sein Verfahren eingereicht und diese zum Teil auch genehmigt bekommen. Das PTB hat den anderen Herstellern das Innogy-Verfahren empfohlen – sie müssten dafür jedoch Lizenzgebühren zahlen, was bei einigen für Unmut sorgt. Bei Innogy betont man jedoch, auf faire Lizenzgebühren achten zu wollen. Sie würden so gestaltet, dass kein anderer Wettbewerber davon abgehalten werde, das Verfahren ebenfalls anzuwenden, sagt eine Sprecherin auf Anfrage.

Fest steht: Der Ladesäulen-Dschungel wird sich im neuen Jahr merklich lichten. Dazu trägt nicht nur das übersichtlichere Eichrecht bei, sondern auch die kürzlich in Kraft getretene Ladesäulenverordnung: Demnach sollen E-Autofahrer künftig an jeder beliebigen Säule Strom ziehen können ("ad hoc-Laden"), ohne einen Dauer-Stromliefervertrag mitbringen zu müssen. Man kann sich direkt an der Ladesäule per QR-Code autorisieren oder mittels Kreditkarte (NFC) zahlen.

Erleichterung für Discounter und Baumärkte

Neben diesem „punktuellen Aufladen“ gibt es noch mehr Rückenwind für die E-Mobilität: Ladesäulenbetreiber gelten laut Energiewirtschaftsgesetz als Letztverbraucher. Sie müssen gegenüber dem Fahrzeugnutzer also weder die EEG-Umlage ausweisen noch den Strom-Mix, sondern werden so eingestuft wie ein normaler Hausanschlussnutzer. „Für Discounter, Baumärkte und Fastfood-Ketten, die Ladesäulen betreiben wollen, ist das eine enorme Erleichterung“, sagt Boesche. Das gleiche gelte auch für Arbeitgeber oder Unternehmen, die in Ladesäuleninfrastruktur investieren wollten. „Es war lange nicht klar, ob die Elektromobilität kommt“, sagt Boesche. „Jetzt ist so viel Dynamik drin – auch in Deutschland.“

Dieser Artikel wurde am 4.1. 2018 um 10.20 Uhr geändert

Lesen Sie auch: Energiedienstleister Mobility House macht E-Autos zu Speichern

 

Jutta Maier
Keywords:
Elektromobilität | Ladesäulen | Ladesäuleninfrastruktur | Verkehrswende
Ressorts:
Governance | Technology | Markets

Kommentare

Authorisierung über das Ladekabel an einer Ladesäule? Wie soll das denn gehen? Dazu hätte ich gerne mal eine Erläuterung, Frau Maier.

Danke für den Hinweis. Die betreffende Passage wurde bereits korrigiert.

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