Elektromobilität
17.05.2018

E-Roller-Sharing: Experiment in der Provinz

Foto: Share2move
Hat das Geschäftsmodell Roller-Sharing auf Mittelstädte und den ländlichen Raum übertragen: das niedersächsische Start-up Share2Move (hier einer seiner Roller in der Stadt Lingen)

Elektrische Leihroller haben sich in europäischen Metropolen etabliert. Das niedersächsische Start-up Share2move überträgt das Geschäftsmodell jetzt auf den ländlichen Raum.

Das markante Surren der Elektroroller von Coup gehört längst zum Sound Berlins. Die Bosch-Tochter ist einer der beiden großen Roller-Verleiher in der Hauptstadt. In den stauverstopften Innenstädten von Paris und Barcelona behauptet sich das Scooter-Sharing ebenfalls. Aber taugt das Geschäftsmodell auch für eine von Gewerbegebieten, Dörfern und Äckern umgebene 35.000-Einwohner-Stadt an der Peripherie Deutschlands?

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Mirko Lühn hat daran keinen Zweifel. Er verleiht seit diesem Monat unter der Marke Meli-Sharing Elektroroller im Emsland. „Meli“ steht für die niedersächsischen Mittelstädte Meppen und Lingen, in denen die ersten seiner Roller fahren. Lühns Konzept unterscheidet sich vom urbanen Modell durch ein wesentliches Merkmal: Während Anbieter normalerweise große Flotten über die Innenstädte verteilen und mit ihrem Marketing auf junge Gelegenheitsfahrer zielen, nutzt Lühn in der Fläche regionale Unternehmen als Multiplikatoren.

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Kontingente für Unternehmen

„Einfach 20 Roller auf die Straße stellen, das würde hier nie funktionieren“, sagt der Gründer des Lingener Start-ups Share2move. Stattdessen verkauft er Unternehmen wie der regionalen Sparkasse kontingentweise Registrierungen und Fahrminuten für deren Mitarbeiter und Kunden. Auch die Stadtverwaltungen gehören zu seinen Abnehmern. Die Roller kämen bei Auszubildenden gut an, sagt Lühn. „Wir haben im Emsland eine Arbeitslosenquote von 2,7 Prozent und großen Fachkräftemangel – mit so einem Angebot steigern Arbeitgeber ihre Attraktivität.“

In den ersten 15 Tagen haben sich nach Angaben des Unternehmens fast 400 Nutzer registriert, pro Tag kämen 30 bis 50 neue hinzu. „Die Leute rennen uns die Bude ein“, sagt Lühn. Share2move komme mit dem Austauschen der Akkus kaum hinterher. Die Anlaufkosten für das Projekt liegen nach einem Bericht der „Meppener Tagespost“ bei 475.000 Euro. Der Landkreis Emsland steuerte demnach 100.000 Euro bei.

Rollerbauer Emco mit 20 Prozent beteiligt

Die bisher 40 Roller zählende Flotte will der 34-jährige Gründer bald vergrößern. Auch die regionale Reichweite seines Business-to-Business-Modells soll steigen. Dazu führt Lühn Gespräche mit potenziellen-Partnerunternehmen in Oldenburg, Münster und mit der Hochschule Osnabrück.

Lühn hat das E-Roller-Sharing-Geschäft in den vergangenen Jahren von der Warte des Zulieferers aus analysiert. Bis vor Kurzem arbeitete er für den Lingener E-Roller-Hersteller Emco, der nun bei Share2move an 20 Prozent beteiligt ist und die Fahrzeuge liefert. „Ich kenne die Sharing-Projekte, weil ich sie auf der Herstellerseite begleitet habe“, sagt Lühn. Emco hat mit seinen in China gefertigten Zweirädern die Anbieter Emmy in Berlin, Stella in Stuttgart und Yugo in Barcelona ausgerüstet.

Fuhrpark-Manager im Blick

Rund 120 Kilometer schaffen die Meli-Roller mit einer Batterieladung. Ist der Akku leer, fahren Mitarbeiter mit einem Smart zum Roller und tauschen ihn aus. Mittelfristig setzt Lühn auch darauf, dass Fuhrpark-Manager von teilnehmenden Unternehmen Tausch-Akkus vorhalten.

Der Markt der E-Roller-Verleiher, die sich bisher vor allem auf Europa konzentrieren, ist in Bewegung: Der deutsche Sharing-Anbieter Coup weitet sein Geschäft gerade auf Madrid aus, nachdem er in Berlin 1000 und in Paris 1700 Fahrzeuge auf die Straße gebracht hat. In Paris kämpft er mit dem Wettbewerber Cityscoot um Marktanteile. Emmy – wie Coup aus Berlin stammend – vermietet unter eigener Marke inzwischen auch in München und Hamburg sowie in Kooperationen mit Stadtwerken in Stuttgart und Düsseldorf. (Lesen Sie auch: Traditionsfirmen drängen in den E-Zweiradmarkt)

Wettbewerb in den Metropolen

Ecooltra aus Spanien expandiert nach Rom, Mailand und Lissabon, Yugo nach Bordeaux. In Warschau hat sich Scoosh etabliert, Scooty verleiht E-Roller in Brüssel und Antwerpen. Einer Studie des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin zufolge hat sich die weltweite Sharing-Rollerflotte im Jahr 2017 auf rund 8000 Stück vervierfacht. Die Zahl der Nutzer schätzte InnoZ im vergangenen Jahr auf rund 350.000.

Solche Größenordnungen sind Mirko Lühns Sache nicht. Ihn zieht es erst einmal in die nähere Umgebung. Die 30-Kilometer-Strecke zwischen Lingen und der westlich davon gelegenen Ortschaft Lohne etwa sei mit dem E-Roller gut zu bewältigen, sagt er. Lühn will Gemeinden für die Idee gewinnen, die Roller für ihre Bürger selbst anzuschaffen und dann von Share2move betreiben zu lassen.

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Christian Schaudwet
Keywords:
Elektroroller | Sharing | Elektromobilität
Ressorts:
Markets

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