Elektromobilität
28.05.2019

E-Auto-Boom: Netzbetreiber sehen sich gewappnet

Foto: Carsten Kloth
Ladesäule vor der Geschäftsstelle des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft in Berlin.

Bis 2030 sollen rund zehn Millionen E-Autos auf unseren Straßen rollen. Die Energiebranche setzt auf intelligentes Lademanagement und Förderung privater Ladeinfrastruktur.

Noch vor Kurzem war die „Zahnarztallee“ der Alptraum aller Netzmanager. So nennen diese Straßen mit hoher Tesla-Dichte und vielen Schnelladesäulen. Die Netze seien auf einen Boom der E-Autos nicht vorbereitet, hieß es. Doch Untersuchungen zeigen nun, dass die Stromnetze so schnell nicht zusammenbrechen, wenn zahlreiche E-Auto-Besitzer ihre Fahrzeuge aufladen.

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„Unsere Erfahrungen aus der ‚E-Mobility-Allee‘ in Ostfildern bei Stuttgart zeigen, dass es gut ist, sich rechtzeitig um das Thema zu kümmern“, sagt Martin Konermann. „Aber die Herausforderungen und Investitionen sind beherrschbar“, so der technische Geschäftsführer der EnBW-Tochter Netze BW. Sein Unternehmen testet seit gut 18 Monaten mit einer eigenen „Zahnarztallee“, was passiert, wenn alle nach Feierabend ihr Elektroauto laden. In dem Pilotprojekt bekamen zehn Eigenheim-Bewohner elf Elektrofahrzeuge und 10 Wallboxen, angeschlossen an einen Stromkreis. Vor allem intelligentes Lademanagement aber auch Speicher, die beispielsweise mittags aufgeladen würden, seien beim Netzmanagement hilfreich, so Konermann.

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Hürde Miet- und Wohnungseigentumsrecht

Die Verbrennungsmotoren würden perspektivisch bis zu 100 Prozent durch E-Motoren ersetzt, glaubt der Netze-BW-Geschäftsführer. Deshalb sei der Hochlauf der Elektromobilität inzwischen ein maßgeblicher Faktor für die strategische Planung: „Bei der sicheren Netzintegration der Elektromobilität verlassen wir uns nicht nur auf Prognoseinstrumente. Wo Menschen beteiligt sind, tut man gut daran, sich die Dinge auch im wirklichen Leben anzuschauen“, sagt Konermann. In den nächsten Monaten will die Netze BW drei weitere Vor-Ort-Projekte aufsetzen – unter anderem in einem großen Wohnobjekt mit Tiefgarage.

Denn während der Ausbau von Netzanschlüssen bei Einfamilienhäusern relativ unproblematisch ist, gibt es bei städtischen Mehrparteienhäusern Probleme – nicht nur technische, sondern auch rechtliche. Für den gewünschten Erfolg der Elektromobilität in Deutschland müsse daher sichergestellt werden, dass jeder Mieter und Wohnungseigentümer eine Ladesäule einbauen kann, wenn er die Finanzierung sicherstellt, fordert Stefan Kapferer, Chef des Branchenverbandes BDEW. Hierfür müsse zügig das Miet- und Wohnungseigentumsrecht angepasst werden.

Berlin setzt auf ÖPNV

Doch eine vollständige Elektrifizierung ohne Verhaltenswandel ist nur eines von mehreren möglichen Szenarien für die Entwicklung der E-Mobilität. Thomas Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stromnetz Berlin, rechnet für die Großstadt eher mit einem Rückgang des Individualverkehrs bei gleichzeitiger Förderung von öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), Rad- und Fußverkehr. In Berlin sei daher neben der steigenden Anzahl an Elektro-Pkw die zunehmende Elektrifizierung der Busflotte eine entscheidende Herausforderung. Er sieht somit Bedarf an zentraler Ladekapazität auf höherer Spannungsebene.

Aber auch bei den E-Autos sei man gerüstet: „Dank der guten Grundstruktur unseres Verteilungsnetzes können wir aktuell bereits rund 250.000 Elektrofahrzeuge integrieren, ohne dass es zu einer Instabilität des Netzes käme“, so Schäfer. Für den zu erwartenden Boom der Elektromobilität sei eine enge Zusammenarbeit von Infrastrukturbetreibern, Mobilitätsanbietern, Politik und öffentlicher Verwaltung notwendig, um die erforderlichen Leistungen und Infrastrukturen rechtzeitig bereitstellen zu können. Auch er sieht intelligentes Laden als technologischen Schlüssel zum Erfolg.

Eon will Netze fit machen

Die Zahl der E-Autos in Deutschland ist zwar derzeit noch überschaubar, in den kommenden Jahren kommen aber immer mehr Modelle auf den Markt. Bis zum Jahr 2030 sind Prognosen zufolge sieben bis zehn Millionen E-Autos nötig, um die Klimaziele im Verkehr erreichen zu können. Damit der Strom möglichst aus erneuerbaren Energien kommt, müssen diese massiv ausgebaut werden. Und auch die neuen Photovoltaik- und Windkraftanlagen wollen in die Netze integriert werden.

Vergangene Woche hatte der Energiekonzern Eon deshalb angekündigt, bis 2045 rund 2,5 Milliarden Euro in sein Netz zu investieren. „Klar ist, wir müssen unser Netz ausbauen“, sagte Eon-Vorstand Thomas König in Hinblick auf die E-Mobilität. Aber die Ausgaben von 2,5 Milliarden Euro zusätzlich seien „überraschend niedrig“. Auch er sieht kein Risiko eines Blackouts des Stromnetzes und setzt vor allem auf intelligentes Lademanagement, das einen Großteil der Stromnachfrage durch E-Auto-Besitzer automatisch in den Abend und die Nacht verschiebt.

„Die Netzbetreiber haben vielfältige Instrumente entwickelt, um sich auf einen sprunghaften Anstieg der E-Autos vorzubereiten“, sagt Kapferer. Jetzt müsse der Gesetzgeber zügig die Voraussetzungen schaffen, damit diese auch zum Einsatz kommen können. „Zuallererst muss dafür gesorgt werden, dass die privaten Ladeeinrichtungen die technische Fähigkeit für intelligentes Lademanagement aufweisen. Hier kann die angekündigte Förderung für private Ladeinfrastruktur ein starker Hebel sein“, so der BDEW-Geschäftsführer. Zudem sollten im Energiewirtschaftsgesetz stärkere Anreize geschaffen werden, damit Kunden sich am intelligenten Lademanagement auch wirklich beteiligten.

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Carsten Kloth
Keywords:
Elektromobilität | Netzbetreiber | E-Autos
Ressorts:
Technology | Markets

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