Stromerzeugung
29.11.2018

Klimaökonom Edenhofer warnt vor "Kohle-Renaissance"

Foto: iStock
Kohlekraftwerk im indischen Bundesstaat Pashchimbanga: In Indien sind neue Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von rund 125 Gigawatt im Bau oder in Planung.

Der Ökonom Ottmar Edenhofer drängt zur Eile in der globalen Klimapolitik. Bundesumweltministerin Svenja Schulze wirbt für Geduld mit der Kohlekommission und plädiert erneut für einen CO2-Preis.

Der weltweite Bau neuer Kohlekraftwerke könnte die internationalen Bemühungen zum Klimaschutz verpuffen lassen. Nach Angaben des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) sind derzeit Kohlekraftwerke mit einer Kapazität von mehr als 500 Gigagwatt im Bau oder in Planung. China, Indien und südostasiatische Länder investieren massiv in Kohle, teils unterstützt von westlichen Banken.

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„Wenn alle im Bau befindlichen und geplanten Kohlekraftwerke ans Netz gehen, schließen wir die Tür zu einer ambitionierten Klimapolitik“, warnt MCC-Direktor Ottmar Edenhofer auf einer Tagung seines Instituts in Berlin kurz vor dem UN-Klimagipfel COP 24 in Kattowitz. Die Welt befinde sich „mitten in einer Art Kohle-Renaissance“. Die entscheidende Frage lautet für den Klimaökonomen: „Können wir das Kohleproblem in der nächsten Dekade lösen?“

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Kohleverstromung ist aus Sicht vieler Regierungen nach wie vor reizvoll. Das beobachtet die Klima- und Entwicklungsexpertin Vera Scholz: „Sie scheint billig, ist leicht zu nutzen und sicher. Wir haben ein Kohle-Narrativ und eine Kohle-Renaissance“, sagt die Leiterin des Bereichs Klimawandel, Umwelt und Infrastruktur der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Keine soziale Absicherung

Hinzu komme, dass es –  anders als in Deutschland – an vielen Orten der Welt keine soziale Absicherung für Menschen gebe, die bei einem Auslaufen der Kohleverstromung ihren Lebensunterhalt verlören. Wegen häufig niedrigerer Qualifikation falle ihnen auch ein Wechsel in andere Wirtschaftszweige schwerer, so Scholz.

Angesichts der drastischen Zunahme des Ausstoßes von Klimagasen drängt die Zeit. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hält dennoch wenig davon, andere Länder mit politischem Druck zu einem Kohleausstieg zu drängen: „Wir sehen bereits im nahen Ausland, wie schwierig das ist“, sagt Schulze auf der MCC-Tagung „Politics of Coal“. Der bessere Weg sei, Anreize zum Aufbau erneuerbarer Energien zu geben. „Wir versuchen vor allem in Asien, Alternativen aufzuzeigen“, so Schulze.

Eskalation wie in Frankreich vermeiden

Mit Blick auf die deutsche Klimapolitik wirbt die Ministerin für Geduld mit der Kohlekommission. Diese wollte eigentlich noch im November ihren Fahrplan vorlegen, hat den Termin wegen Unstimmigkeiten aber verschoben. „Wenn wir die Zeit brauchen, müssen wir sie uns auch nehmen“, sagt Schulze. Es gehe jetzt darum, die Menschen in den vom Kohleausstieg betroffenen Regionen zu gewinnen. Sie fordert einen „gesellschaftlichen Dialog, wie wir ihn beim Atomausstieg hatten.“ Zu vermeiden sei eine Entwicklung wie in Frankreich, wo derzeit Menschen wegen steigender Kraftstoffpreise auf die Straßen gehen.

Schulze schließt sich der von MCC-Chef Edenhofer regelmäßig erhobenen Forderung nach einer wirksamen Bepreisung des Klimagases CO2 an. Diese müsse aber auf einem Modell basieren, das soziale Aspekte einbeziehe. „Dann wird es auch schwieriger, Gegenargumente zu finden“, sagt die Ministerin. In die Debatte über eine CO2-Bepreisung müssten insbesondere der Verkehrs- und der Wärmesektor einbezogen werden.

„Ungeordneter Verlust von Investitionen“

In der internationalen Diskussion auf der „Politics of Coal“-Tagung empfiehlt der britische Finanzwissenschaftler Nick Robins den Regierungen, sich „auf einen sehr ungeordneten Verlust von Kohleinvestitionen“ vorzubereiten. Dieser zeichne sich im Falle Indiens bereits ab – mit Folgen für andere Wirtschaftssektoren: „Indiens Bankenkrise ist in Wirklichkeit eine Energiekrise – diese Banken haben stark in fossile Energiegewinnung investiert“, sagt der Professor für nachhaltige Finanzen an der London School of Economics.

Wie Schulze und Scholz schlägt Robins einen Bogen zu den sozialen Auswirkungen eines Kohleausstiegs. Er verlangt eine „neue Rahmensetzung“, bei der der Kohleausstieg nicht mehr allein im Klimakontext, sondern im Gesamtkontext nachhaltiger Entwicklung gesehen wird.

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Christian Schaudwet
Keywords:
Kohlekraftwerk | Kohleausstieg | Klimawandel
Ressorts:
Governance

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