Erneuerbare Energien
21.01.2014

EEG-Reform schockt Biogasbranche

Energieminister Gabriel will die Biogas-Förderung zusammenstreichen. Die Verbände toben, die Unternehmen sind irritiert. Doch sie orientieren sich schon länger ins Servicegeschäft oder gleich ins Ausland.

Die Erwartungen waren niedrig, nachdem sich die neue schwarz-rote Regierung schon im Koalitionsvertrag darauf geeinigt hatte, die Biomasseverstromung deutlich zusammenzustreichen. Die noch weitreichenderen Kürzungspläne des neuen Energieministers Sigmar Gabriel (SPD) haben die Branche dennoch kalt erwischt: In Zukunft sollen nur noch Anlagen mit einer Leistung von lediglich 100 Megawatt pro Jahr neu gebaut werden. Während die Branchenverbände nun Weltuntergangsstimmung verbreiten, sind die Unternehmen im Gespräch mit BIZZ energy today etwas zuversichtlicher.

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Zunächst zu den Details des Eckpunktepapiers für die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das am Mittwoch dem Kabinett vorgestellt wird: Der Ausbau um 100 Megawatt soll über eine schnelle Absenkung der Förderung erreicht werden, sobald die Zahlen höher liegen. Ab 1. August fallen für Neuanlagen zwei Bonuszahlungen weg, was die Rentabilität sofort deutlich verschlechtert. Das soll auch Anlagenerweiterungen betreffen. Zum Einsatz kommen sollen nur noch hauptsächlich Abfall und Reststoffe.

Branchenverbände empört

Die Branche reagiert entrüstet auf die Pläne. Helmut Lamp, Vorsitzender des Bundesverbands Bioenergie, sagte, 100 Megawatt „bieten keine ausreichende Überlebenschance für die Bioenergiebranche“. Mindestens 300 Megawatt und ein breiterer Mix aus Rohstoffen seien nötig. Der Präsident des Fachverbandes Biogas, Horst Seide, spricht von einem „klaren Zeichen gegen die Energiewende“. Schon die Vereinbarung im Koalitionsvertrag sei schwer zu verkraften gewesen. „Dieser Vorschlag zeigt uns aber, dass anscheinend ein ganzer Wirtschaftszweig mit deutschlandweit 40.000 Arbeitsplätzen abgewickelt werden soll.“ Die Vergütung für Biogas relativiere sich, wenn zum Beispiel mit einberechnet werde, dass angesichts der hohen Verfügbarkeit – anders als bei Wind- und Sonnenkraft – keine hohen Netz- und Speicherkosten entstünden.

Die Branche hat schon einen harten Schrumpfkurs hinter sich. Wurden 2011 laut Fachverband noch Biogasanlagen mit einer Leistung von 806 Megawatt gebaut, sank der Zuwachs 2012 auf nur noch 255 Megawatt. Voriges Jahr waren es 194 Megawatt. Dieses Jahr wurden vor Bekanntwerden der Pläne eine ähnliche Größenordnung erwartet.

Unternehmen orientieren sich neu

Doch ganz so schlecht wie von den Verbänden dargestellt ist die Stimmung in der Branche nicht. Weltec Biopower aus Vechta bedient mit besonders robusten und gut exportierbaren Edelstahlanlagen eine gut laufende Nische. Das Unternehmen hofft, dass die Reform nicht so umgesetzt wird wie von Gabriel derzeit geplant. Da es aber schon seit etwa zwei Jahren mit dem heimischen Absatz bergab gehe, habe sich Weltec noch stärker auf Auslandsmärkte konzentriert, sagt eine Sprecherin. „Dort erzielen wir inzwischen über die Hälfte unseres Umsatzes.“ Kürzlich sei beispielsweise eine Anlage nach Uruguay gegangen. Das Unternehmen mit derzeit 80 Mitarbeitern ist auch ohne größere Einschnitte durch die Absatzkrise der Branche gekommen.

Anders sieht das bei MT-Energie aus Zeeven aus, die bislang stärker am deutschen Markt hingen. Die Niedersachsen, die mit zu den Branchengrößen gehören, mussten voriges Jahr zwei Mal Personal abbauen. Statt in der Spitze 750 Beschäftigten sind es nun nur noch 500. Auch das Top-Management wurde weitgehend ausgetauscht, zeitweilig machten sogar Insolvenzgerüchte die Runde. Nun ist MT-Energie wohl über den Berg. Gabriels Kürzungsvorhaben sei laut Unternehmenssprecher dennoch „ein sehr negatives Signal, das unsere Erwartungen deutlich untertrifft“, auch wenn schon seit dem Vorjahr klar erkennbar sei, wohin die Reise gehe. Insbesondere die Diskussion um die Strompreisbremse, die Gabriels Vorgänger Peter Altmaier angezettelt hatte, verunsicherte die Branche.

Deutschland braucht funktionierenden Heimatmarkt

MT-Energie hat den Anlagenbau in Deutschland notgedrungen zurückgefahren und konzentriert sich stärker auf Erweiterungen, Service und Vermarktung für bestehende Anlagen. „Es gibt in Deutschland auch jenseits des Neubaus bei 7.500 bestehenden Anlagen schon noch etwas zu tun“, sagt der Sprecher. Das Nebengeschäft ist zum Hauptgeschäft in Deutschland geworden – und andersherum. Auch MT-Energie hat nun sehr viel stärker die Auslandsmärkte im Blick. „England läuft gut und in Frankreich tut sich einiges.“

Die Expertise der deutschen Biogasbranche ist weltweit einmalig hoch – die Auslandsexpansion funktioniert für die Unternehmen auch deshalb so gut, weil sie dort auf teils technisch schwache Konkurrenten treffen. Doch um seinen Vorsprung zu halten, brauche Deutschland auch einen funktionierenden Heimatmarkt. 100 Megawatt an jährlichem Zubau, sagt der MT-Energie-Sprecher, reichten aber nicht aus, um hierzulande Innovation zu unterstützen und ausreichend Anschauung für ausländische Kunden zu bieten. „Ein funktionierender Heimatmarkt auch beim Neubau wäre sehr wichtig.“

 

 

 

 

Jakob Schlandt
Keywords:
Biogas | Bioenergie | Biomasse | MT-Energie | Weltec Biopower
Ressorts:
Governance | Markets

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