BIZZ-Exklusiv
19.11.2014

Ein flüssiger Markt

PR
Update

Flexibilität ist Trumpf: Mit Liquefied Natural Gas (LNG) wird Amerika zum Joker-Produzenten für Europa. Auch Australien, Katar und sogar der Iran könnten den globalen Gasmarkt künftig kräftig aufmischen.

vorherige SeiteSeite 1Seite 2Seite 3nächste Seite

Katar, der mit Abstand größte LNG-Produzent der Welt, steuert fast die Hälfte aller europäischen Importe bei.

Anzeige

In Europa sind derzeit 22 LNG-Entladeterminals in Betrieb, die meisten in Spanien, Italien, Großbritannien, wie die große Übersichtskarte auf der nächsten Doppelseite dokumentiert. An den Terminals wird das Gas gelöscht, erwärmt und ins Gasnetz eingespeist.

Laut Thierry Deschuyteneer, dem Chef des europäischen Gasinfrastruktur-Verbandes GIE, liegt die LNG-Gesamtkapazität des Kontinents bei fast 200 Milliarden Kubikmeter pro Jahr.  Das ist fast ein Viertel mehr als aus Russland im gleichen Zeitraum in die EU importiert wird. 

Anzeige

Die Importkapazitäten steigen in Europa sogar noch, trotz der Importflaute. Sechs größere Terminals sind in Bau. Besonders die Osteuropäer sind erpicht auf Alternativen zum Russengas. Im polnischen Swinemünde, nahe der deutschen Grenze und ironischerweise nicht weit entfernt vom Endpunkt der Nordstream-Pipeline, die Polen bei Exporten von Russland nach Deutschland links liegen lässt, ist ein großes LNG-Entladeterminal kurz vor der Fertigstellung. Auch die Balten – abhängig von Lieferungen des ungeliebten Nachbarn Russland – wollen bis 2017 ein eigenes LNG-Terminal bauen. LNG spielt auch für Norwegen eine immer wichtigere Rolle, um das Gas aus dem Nordmeer in den Süden zu bekommen. Hinzu kommt, dass die Europäer auch beim Pipeline-Gas diversifizieren. Ab 2019 sollen die Leitungen der beiden Konsortien Tap und Tanap über den südlichen Korridor aus Aserbaidschan Gas nach Europa bringen.

In Europa macht indes der Binnenmarkt Fortschritte. Vom ursprünglich für dieses Jahr angestrebten Ziel eines barrierefreien Gasmarkts in Europa ist die EU zwar noch entfernt. Doch die Hürden werden immer niedriger. Die Gasnetzbetreiber kooperieren eng, grenzüberschreitender Transport ist nur noch selten ein Problem. Die EU-Kommission fördert zudem den Ausbau der Pipeline-Infrastruktur mit Milliarden, in vielen Rohren kann das Gas bald in beide Richtungen fließen. Das Zusammenwachsen des EU-Gasmarkts spiegelt sich auch an den Handelsplätzen wider. Zum 1. Januar 2015 übernimmt die Leipziger Energiebörse EEX eine Mehrheit der französischen Powernext in Paris, die künftig auch den deutschen Gashandel abwickeln wird. 

Zwar wird LNG nie eine wirklich billige Option werden. Die Kosten für Verflüssigung und Transport liegen fast halb so hoch wie das derzeitige Preisniveau in Europa. Doch als Notoption und als Stop-Marke bei steigenden Preisen kommt LNG eine Schlüsselrolle zu. Denn das globale Angebot wächst immer weiter. Der Fracking-Boom in den USA hat die Preise purzeln lassen. Dort kommen weiter hohe neue Mengen auf den Markt, meist als Abfallprodukt von Schieferöl-Bohrungen. Noch erreicht das US-Gas den europäischen Markt nicht. Doch das ändert sich bald. Ende 2015 soll in Louisiana das größte LNG-Terminal des Landes in Betrieb gehen. Der Betreiber, Cheniere Energy, wäre 2010 fast pleite gegangen, weil er auf ein großes Import-Terminal gesetzt hatte und den Schiefergas-Boom nicht auf der Rechnung hatte. Cheniere-CEO Charif Souki hat das Steuer mit der gewagten Milliarden-Investition in ein Export-Terminal herumgerissen – und will immer dorthin liefern, wo es am meisten Geld gibt. „Das ist das erste Mal, dass es auf dem Weltmarkt LNG zur Verfügung steht, das sensibel auf Preise reagiert und dorthin geht, wo es am dringendsten gebraucht wird“, sagte er dem US-Wirtschaftsmagazin Businessweek. Soukis Kalkül könnte aufgehen. Im Juli erhielt er eine größere Order des französischen Energieriesen EDF, fünf andere Kunden hatten zuvor auch schon bestellt. Wie viel amerikanisches Gas wird US-Präsident Barack Obama für den Export nach Europa freigeben? Und wie viel wird tatsächlich geliefert werden? Trevor Sikorski, Chef der Gasabteilung des Londoner Beratungsunternehmens Energy Aspects, rechnet für 2020 mit 20 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr aus den Vereinigten Staaten. Das ist zwar keine riesige Menge, aber entspricht immerhin einem Viertel des heutigen Verbrauchs in Deutschland – und ist laut Sikorski ein willkommenes Druckmittel gegen Kreml-Chef Putin: „Der europäische Import von LNG, zusammen mit der Förderung von unkonventionellem Fracking-Gas in Europa, wird das Angebot diversifizieren und die Russen dazu zwingen, ihr Gas günstiger anzubieten.“

vorherige SeiteSeite 1Seite 2Seite 3nächste Seite
Keywords:
Gas | Erdgas | Iran | Katar | LNG | Angela Merkel | Wladimir Putin
Ressorts:
Governance | Markets

Neuen Kommentar schreiben

 

Newsletter bestellen – Wunschausgabe erhalten

Jetzt den wöchentlichen
Newsletter bizz energy weekly abonnieren
und eine Ausgabe
Ihrer Wahl kostenlos erhalten.

Hier geht es zur Aktion!

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen