BIZZ-Exklusiv
19.11.2014

Ein flüssiger Markt

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Update

Flexibilität ist Trumpf: Mit Liquefied Natural Gas (LNG) wird Amerika zum Joker-Produzenten für Europa. Auch Australien, Katar und sogar der Iran könnten den globalen Gasmarkt künftig kräftig aufmischen.

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Auch der Iran könnte diese Wirkung entfalten. Er besitzt nach Russland die zweitgrößten Gasreserven der Welt, insgesamt 34 Billionen Kubikmeter. In Kürze entscheidet sich, ob der Westen die wegen des iranischen Atomprogramms verhängten Wirtschaftssanktionen lockert. Bis zum 24. November wollen der Iran und die ‚5+1 Gruppe‘ – die fünf UN-Vetomächte plus Deutschland – den Atomstreit begraben (siehe auch die Kolumne von Friedbert Pflüger). Ziel: Der Iran darf sein Nuklearprogramm für zivile Zwecke nutzen, aber keine Atomwaffen entwickeln.  Irans Außenminister Mohammed Dschawad Sarif verbreitet in diesen Tagen eifrig Optimismus: „Das ist eine gute Zeit, um eine Einigung zu erzielen“, sagte er unmittelbar vor Beginn der Atomverhandlungen mit US-Außenminister John Kerry und EU-Verhandlungsführerin Catherine Ashton am 8. November in Omans Hauptstadt Maskat.

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Die Atomverhandlungen gehen in Wien am 18. November in die finale Runde. Falls ein Abkommen zustande kommt, wäre dies für US-Präsident Obama ein großer außenpolitischer Erfolg. Und Irans Staatschef Hassan Rohani, der im August 2013 den wirren Mahmud Ahmadinedschad ablöste, wäre plötzlich ein sehr potenter Lieferant Europas. Mehr noch: Der Iran könnte ein extrem einflussreicher Spieler auf dem Weltmarkt werden – ein Game Changer. 

Auch Australien wird beim weltweiten Gasspiel künftig kräftig mitmischen, und zwar mit Hilfe von LNG. Der fünfte Kontinent plant eine Verdreifachung seiner Verflüssigungskapazität auf jährlich über 100 Milliarden Kubikmeter. Als Primärmarkt peilt er Asien an, wo derzeit drei Viertel des globalen LNG-Angebots landen – nachdem Japan seine Nuklearmeiler zum Teil  durch Gasturbinen ersetzte. Im Nahen Osten würden dann Kapazitäten für Europa frei, die derzeit nach Asien fließen.

Die Gemengelage ist fast wie ein Paradies für „Swing Supplier“ – so bezeichnen Energiewirtschaftler jene Anbieter, die flexibel auf Nachfrage-Verschiebungen reagieren können. Diese Rolle spielen im Gasmarkt der Zukunft vor allem US-Amerikaner und Australier. Die Europäer werden analog zum „Swing Consumer“ mit vielen Bezugsoptionen – sie holen sich das Gas dort, wo es gerade am günstigsten ist. 

Schon jetzt basieren etwa die Hälfte der in Europa gehandelten Gasvolumina auf Spotmarktpreisen – und die teure Ölindexierung ist ein Auslaufmodell. Zwar kann Gas noch nicht wie Öl jederzeit und an fast jedem Ort in großen Mengen zu Spotmarktpreisen bestellt und geliefert werden. Aber mit der alten Welt jahrzehntelanger Lieferverträge und starrer Preise hat das europäische Gasgeschäft auch nicht mehr sonderlich viel zu tun. Es ist enorm dynamisch geworden.

Dazu tragen auch multinationale Ölhändler bei. Shell und BP bezeichnen sich sogar inzwischen gerne als Gaskonzerne, was nicht nur dem besseren Image des Energieträgers, sondern auch mit rasant wachsenden Erdgas-Umsätzen zu tun hat. Bei der Entscheidung über neue Projekte legt der britisch-niederländische Riese Shell ein „screening value“ zugrunde – eine Art globaler „Schattenpreis“ von derzeit 40 Dollar je Tonne CO2. Damit verwirklichte der langjährige Shell-Vorstandschef und Schweizer Finanzexperte Peter Voser intern jenes Konzept der Bepreisung von Emissionen, das Energieökonomen wie Ottmar Edenhofer vom Weltklimarat IPCC seit geraumer Zeit für alle Industriestaaten fordern. Im Shell-Konzern führt dieser Mechanismus dazu, dass bei ansonsten gleichbleibenden Bedingungen tendenziell mehr Gas- als Ölprojekte angegangen werden, weil die Schattenpreisrechnungen für Erdgas wegen der geringeren CO2-Emissionen deutlich günstiger sind. 

So begann Shell Mitte der neunziger Jahre mit mehr als 600 Ingenieuren, ein Konzept für das bei Offshore-Ölbohrungen ungenutzte „stranded gas“ zu entwickeln. Gerade erst lief das erste Shell-Spezialschiff vom Stapel, das neben einer Bohrinsel ankern und das stranded gas an Bord verflüssigen kann. Im Fachjargon heißt dieses Gas „Floating LNG“, kurz FLNG.

Rückblickend erscheinen die Neunziger Jahre als konzeptioneller Beginn der neuen Gaswelt. Damals schipperten nicht mehr als 60 Flüssiggas-Tanker auf den Weltmeeren, mit eisgekühlter Fracht in ihren charakteristischen Kugelspeichern. Meist folgten diese Tanker festen, auf Jahre vertraglich abgesicherten Routen; die Usancen waren ähnlich wie im Pipeline-Geschäft. 

Seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 hat sich ein schnell reagierender, liquider Weltmarkt für das Flüssiggas entwickelt. Inzwischen sind 431 LNG-Tanker weltweit zugelassen, und jedes Jahr werden es mehr. Die Schiffe sind größer, haben modernere Rumpfformen und fassen inzwischen leicht 120 Millionen Kubikmeter Gas – ungefähr ausreichend, um 60.000 deutsche Privathaushalte ein Jahr lang zu versorgen. 

Dank LNG kann Europa also seine Abhängigkeit von Russland reduzieren. Das ist nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich klug. Andras Jenei, ungarischer Energie-Staatssekretär in der russlandfreundlichen Regierung Orbán, sorgte jüngst bei Insidern mit einem Vortrag in Berlin für Diskussionen. Jeneis Quintessenz: Der Moskauer Staatsmonopolist Gazprom steckt in großen Schwierigkeiten, weil Russland verschwenderisch mit Gas umgeht. 140 Millionen Russen verbrauchen fast soviel Gas wie 500 Millionen Europäer, gleichzeitig schießen die Explorationskosten in die Höhe – nach Jeneis Prognose auf das Dreifache bis 2020. Gazprom spiele wegen mangelnden Investitionen ein Spiel mit hohen Risiken. 

Den weitgehend von russischen Importen abhängigen Ungarn ist das nicht mehr geheuer. Für sie hat die frohe Botschaft Oettingers vom 31. Oktober über die gewahrte Versorgungssicherheit Europas nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum.

 

Die Titelgeschichte finden Sie auch in der November-Ausgabe von BIZZ energy today. Alle Ausgaben von BIZZ energy today gibt es u.a. bei unserem Leserservice unter 040 - 41 448 478.

Jakob Schlandt
Joachim Müller-Soares
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Keywords:
Gas | Erdgas | Iran | Katar | LNG | Angela Merkel | Wladimir Putin
Ressorts:
Governance | Markets

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