Es war seine letzte Amtshandlung – und seine wichtigste: In den frühen Morgenstunden des 31. Oktober verkündete der Schwabe Günther Oettinger in seiner Funktion als EU-Energiekommissar: „Wir können den Bürgern Europas heute sagen: Die Versorgungssicherheit ist gewahrt.“

Oettinger hatte seit April mit Russland und der Ukraine ein Kompromiss-Abkommen im jahrelangen Gasstreit ausgehandelt, das er mit den Energieministern beider Staaten unterzeichnete – einen Tag, bevor er sein neues Amt als EU-Kommissar für Digitales antrat. Man ahnt aber schon jetzt, dass Oettinger auch künftig vom neuen EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker bei Gasthemen eingebunden wird. Immerhin will Juncker die europäische Energie-Union vorantreiben, das ist gleich nach der Stabilisierung des Euro das wichtigste Ziel seiner Kommission.

Eine Entwicklung kommt dabei wie gerufen: Seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2009 hat sich ein schnell reagierender, liquider Weltmarkt für Liquefied Natural Gas (LNG) entwickelt. In Europa hat LNG noch viel Potenzial, die Auslastung der Flüssiggas-Terminals dümpelt aktuell bei nur einem Viertel. 

Was Händler bekümmert, ist für die EU-Kommission ein Vorteil: Die brachliegende Kapazität bietet einen Sicherheitspuffer im Machtpoker mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin um die Ukraine. Verknappt Putin seine Gaslieferungen, die allesamt pipeline-gebunden sind, könnte Europa schnell die Auslastung seiner LNG-Terminals hochfahren.

Das spielt auch Kanzlerin Angela Merkel in die Karten, die Oettingers Verhandlungen durch eindringliche Telefonate mit dem Kreml-Chef flankierte. Merkel hatte schon im März eine neue Energiepolitik ausgerufen – und damit vor allem eine neue Erdgaspolitik gemeint. 

Demonstrativ lobte die Kanzlerin Katars umstrittenen Machthaber, Scheich Tamin bin Hamad al Thani, bei dessen Besuch in Berlin im September. Merkel sagte explizit, sie wünsche sich mit ihm beim strategisch so wichtigen LNG eine „engere Zusammenarbeit“.

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