Die bis dato anhaltende Eiseskälte treibt in Deutschland bisher unbekannte Blüten. Seit gut einer Woche kursiert in den sozialen Medien wie bei Facebook ein Foto, das einen Hubschrauber neben einem großen Windrad zeigt, das von dem Fluggerät mit einer Flüssigkeit besprüht wird. Die Aktion wird recht hämisch unter anderem damit kommentiert, dass "Kerosinpropeller" mittels Chemie die "Ökopropeller" wieder zum Laufen bringen.

Das Bild samt der Kommentare zog offenbar derart weite Kreise, dass die Windbranche der Sache nun selbst nachging. Das Foto ist danach weder in diesem Jahr noch in Deutschland entstanden, sondern die Aufnahme zeige eine "äußerst unübliche" Enteisung eines Windrades im Jahr 2016 in Schweden, erklärte heute Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie (BWE).  In Schweden sei dabei heißes Wasser eingesetzt worden. Eine solche Enteisung werde in Deutschland "grundsätzlich nicht durchgeführt", betont Axthelm. Für ihn stelle das Bild eine "Falschnachricht", die nur verbreitet werde, um dem Ansehen der Windenergie zu schaden.

Vereiste Rotorblätter spielten in Deutschland nur eine "untergeordnete Rolle", heißt es beim BWE weiter. Selbst im Winter käme hierzulande so etwas kaum vor. Trete doch Vereisung auf, würden die Anlagen automatisch abgeschaltet und erst wieder in Betrieb genommen, wenn der Eisansatz abgetaut ist. Dies sei in diesem Jahr vor allem in Hessen vorgekommen, wo Anlagen einige Tage stillgestanden hätten.

In Deutschland wird bei Eisbildung abgeschaltet

Dagegen spiele die Eisbildung an Windrädern in Ländern wie der Schweiz, in Österreich und in Skandinavien eine größere Rolle. Dafür böten Hersteller spezielle Ausrüstungen an, unter anderem Rotorblattheizungen oder Sensoren, die den Eisansatz erkennen und die Anlage frühzeitig abschalteten. Solche Anlagen kämen auch in  Deutschland dort zum Einsatz, wo Eisbildung drohe.

Die Angaben des BWE wurden inzwischen durch eine Faktenrecherche der Nachrichtenagentur AFP untermauert. Über die unterschiedlichen Enteisungsmethoden in Deutschland und Schweden wurde danach schon 2014 in einem Beitrag des Deutschlandfunks berichtet. Die Nachrichtenagentur förderte auch eine Studie schwedischer Energiekonzerne aus dem Jahr 2016 zutage, die eine Notfallenteisung von Windrädern mithilfe warmen Wassers behandelte.  Darüber hinaus gibt AFP ein aktuelles Telefonat mit dem Geschäftsführer der Hubschrauberfirma wieder, der den damaligen Einsatz bei einem Enteisungs-Versuchsprojekt mit Wasser in Nordschweden bestätigte.

Die Story wurde übrigens auch durch das konservative und energiewendefeindliche Portal "Tichys Einblick" aufgegriffen. Weil die konkrete Geschichte offenbar wenig hergibt, mokiert sich das Portal ebenso darüber, dass  für den Betrieb der Windräder "Hubschrauber Kerosin verbrennen und CO2 freisetzen". Auch werde das Wasser mit einem ebenfalls CO2 freisetzenden Ölbrenner erhitzt, behauptet das Portal, bleibt allerdings den Nachweis schuldig, dass die Schweden wirklich Ölbrenner benutzt haben.

Weil der Einsatz heißen Wassers in Deutschland nicht üblich ist, zieht sich das Portal am Ende auf die übliche Argumentation zurück: Eisbelag hemme oder stoppe gelegentlich komplett die Windenergieerzeugung genau dann, wenn der Strombedarf sehr hoch sei. Das sei ein Kernproblem der Erneuerbaren: ihre Unstetigkeit.

Unstetig aus Wettergründen sind allerdings auch konventionelle Anlagen. So mussten im Juli des Hitzesommers 2018 in Deutschland Kern- und Kohlekraftwerke wegen des zu warmen Kühlwassers heruntergefahren werden, wie unter anderem der "Spiegel" berichtete.  Und da ging es - im Unterschied zu den Windrädern - gleich um mehrere hundert Megawatt, die zu Zeiten eines wegen der vielen laufenden Klimaanlagen hohen Stromverbrauchs ausfielen. 

Eisiges Wetter kann auch Windanlagen zu schaffen machen. (Copyright: Georg H./Pixabay)