Interview
25.05.2016

"Eklatante Wettbewerbsverzerrung"

Foto: EWE
EWE-Chef Matthias Brückmann.

EWE-Vorstandschef Matthias Brückmann über die Folgen des Kohleausstiegs, die Kosten der Atommüll-Entsorgung und die Renditen von Offshore-Windparks.

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bizz energy | Herr Brückmann, begrüßen Sie den Kohleausstieg ?

Matthias Brückmann | Ich begrüße die Bemühungen um einen möglichst  weitgehenden Verzicht auf die Nutzung von Kohle –  einen formalen politischen Beschluss für den Ausstieg gibt es ja bislang nur bei der Förderung von Steinkohle. Ich bin jedoch Realist genug, um zu akzeptieren, dass wir hierzulande noch bis ins Jahr 2050 fossile Kraftwerke – vorzugsweise befeuert mit Gas, aber voraussichtlich auch mit Kohle – für die Versorgungssicherheit brauchen.

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Wie reagieren Sie als Unternehmen auf diese Entwicklung?

Wenn man die Klimaziele der Bundesregierung für das Jahr 2050 ernst nimmt, und das tun wir, dann steht die Dekarbonisierung im Mittelpunkt. Denn diese Ziele erreichen wir nur, wenn die Kohle keine bedeutende Rolle mehr spielt. Unsere Konzerntochter swb in Bremen hat sich für ihre konventionelle Erzeugung daher einen Nischenmarkt aufgebaut. Langfristig nehmen uns hier zum Beispiel Mercedes-Benz und die Deutsche Bahn Strom ab. Trotzdem gibt es auch bei unseren Kohlekraftwerken in Bremen einzelne Blöcke, die sich nicht rechnen. Daher haben wir für 2015 in der Bilanz 150 Millionen Euro abgeschrieben – hauptsächlich auf die konventionelle Erzeugung und in dessen Folge auch auf Fernwärmekonzessionen und Unternehmenswerte. Insgesamt trifft uns der Kohleausstieg aber nicht so hart wie viele andere Unternehmen, da unser Fokus bei der Stromproduktion auf Erneuerbaren liegt. Deren Anteil im EWE-Stromnetz beträgt schon heute über 75 Prozent – also doppelt so viel wie die Bundesregierung für 2020 als Bundesdurchschnitt anstrebt.

Viele Branchenakteure fordern Kapazitätsprämien für Kohlekraftwerke. Sie auch?

Kapazitätsmärkte sind der falsche Weg. Wir schlagen stattdessen die Stärkung der Regelenergiemärkte vor. Wenn Netzbetreiber Kohlestrom oder Gasstrom zur Systemstabilisierung anfordern, muss für diesen Strom gezahlt werden und zwar deutlich mehr als für herkömmliche Energie. Das ist fair. Anders gesagt: Die Stromproduktion im Falle von Stromknappheit muss gut bezahlt werden, das bloße Vorhalten von Energie hingegen möglichst gar nicht. Kapazitätsmärkte kämen einer Alimentierung der Branche gleich.

Trotzdem setzen sich etwa Ihre Konkurrenten wie RWE und Eon vehement für Kapazitätsprämien ein …

Das ändert nichts an meinem Urteil. Übrigens: RWE hat sich – ähnlich wie Eon – in zwei völlig unterschiedliche Teile gespalten, deren weitere Entwicklung ich mit großer Spannung verfolge. Auf der einen Seite entsteht eine New Company, deren Portfolio mit dem von EWE vergleichbar ist. Auf der anderen Seite verbleibt eine Gesellschaft für die Altlasten beim Kohleausstieg und beim Atomausstieg, also dem Rückbau der Kernkraftwerke und die Endlagerung des Atommülls.

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Keywords:
EWE | atomare Endlagerung | Energieversorger | Kohleausstieg | Türkei | Offshore-Renditen
Ressorts:
Governance | Markets

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