Windenergie
19.12.2018

Enercon will mit niederländischer Hilfe effizienter werden

Foto: Lagerwey
Der Kletterkran des niederländischen Windkraftanlagenherstellers Lagerwey bewegt sich mit seinen Teleskopbeinen den Turm hinauf. Die Methode soll große Spezialkräne überflüssig machen.

In der Marktflaute setzt der deutsche Windkraftanlagenhersteller Enercon auf kosteneffizientere Modelle. Seine niederländische Tochter Lagerwey spielt dabei eine Schlüsselrolle.

Der Stellenabbau beim deutschen Windkraftanlagenhersteller Enercon trifft den Turmbauer WEC besonders hart. Das Unternehmen produziert Enercons Betontürme. Wegen ihres aufwändigen Transports gelten solche Türme zunehmend als Kostenlast. Zuletzt kamen Qualitätsprobleme hinzu: In mehreren Enercon-Exemplaren wurden Risse entdeckt.

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Nun entwickelt Enercon gemeinsam mit dem Anfang 2018 übernommenen Hersteller Lagerwey zwei neue Anlagentypen mit besonderen Stahltürmen: Die Stahlmodulbauweise ist Spezialität des Anfang 2018 übernommenen Mittelständlers aus den Niederlanden. „Stahlmodule sind leichter zu transportieren als Betonsegmente“, sagt Lagerwey-Vertriebschef Ronald Boerkamp im Gespräch mit bizz energy. Sein Vergleich gilt nicht nur für Beton-, sondern auch für konventionelle  Stahlrohrtürme. Lagerweys Module sind keine sperrigen großen Rohrsegmente, sondern leicht gebogenen Stahlplatten, aus denen der Turm vor Ort zusammengesetzt wird. Um sie vom Lkw abzuladen, brauchen die Bautrupps nicht einmal einen Kran.

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Kosteneffizienz beim Transport falle desto mehr ins Gewicht, je weiter weg von der Turmproduktion die Einsatzorte lägen, sagt Boerkamp. Bei Enercon trifft das immer häufiger zu, denn unter dem Eindruck der deutschen Windenergie-Flaute forciert das Unternehmen seine Expansion in Auslandsmärkte. Zuletzt kam Vietnam hinzu, die nächsten Schritte  planen die Auricher in Lateinamerika. „Die Produktion von Stahlmodulen lässt sich auch leichter lokalisieren“, sagt Boerkamp. Das sei in vielen Ländern Geschäftsbedingung. Russland etwa, wo Lagerwey ein Joint Venture gegründet hat, verlangt einen lokalen Wertschöpfungsanteil von 65 Prozent.

(Lesen Sie auch: Russland lockt Windstrom-Investoren)

Als zusätzlicher Clou könnte sich ein Produkt erweisen, das Lagerwey im kommenden Jahr auf den Markt  bringen will: Der „Kletterkran“ der Niederländer zieht sich an sechs Teleskopbeinen am Turm hinauf, während dieser entsteht. „Das Entscheidende dabei sind die Zahlen“, sagt Boerkamp: „Man braucht drei Lkw, um diesen Kran auf die Baustelle zu bringen.“ Für einen konventionellen Kran für eine große Anlage brauche man wesentlich mehr. Lediglich bei den ersten beiden Segmentstufen komme ein regulärer, leicht verfügbarer Kranwagen zum Einsatz. „Den Rest macht der Kletterkran“, so Boerkamp. Ein weiterer Vorteil sei der geringe Platzbedarf. Im Wald müsse kein großer Radius von Bäumen gefällt werden, wie es für herkömmliche Kräne nötig sei. 

Einfacheres, kompakteres Design

Lagerwey hat das neue Montagegerät, das im September auf der Messe Wind Energy Hamburg ausgestellt war, für 60 Tonnen Traglast konstruiert und getestet. Eine Variante für 130 Tonnen soll folgen. Enercon könnte mit dem Kletterkran und den Stahlmodultürmen beispielsweise in Argentinien auftrumpfen. Dem Land wird das größte Wachstumspotenzial in Lateinamerika nachgesagt, es verfügt aber nicht über genügend geeignete Kräne.

Wie seine Muttergesellschaft Enercon setzt Lagerwey auf getriebefreie und kompakte
Generatoren. Rechts im Bild: das Lagerwey-Modell L136. Foto: Lagerwey
In anderen Disziplinen scheint Lagerwey ebenfalls gut zu Enercon zu passen: Das Unternehmen entwerfe Anlagen nach dem informellen Motto „Was nicht drin ist, kostet kein Geld und kann nicht kaputtgehen“, sagt Boerkamp. Auch bei Enercon haben Einfachheit und kompaktes Design wieder Konjunktur: Enercons neuester, bereits unter dem Eindruck des schrumpfenden Marktes entwickelter Anlagentyp EP3 hat eine zerlegbare Turbine und ein separates Hauptkugellager. Auch die vergleichsweise kompakte Bauweise der Gondel und der Rotorblätter dient dazu, den Aufwand bei Transport und Montage zu verringern. Ähnliches gilt für den von Lagerwey entwickelten Anlagentyp  LP4, den die Niederländer und die Deutschen ab dem kommendem Jahr gemeinsam in Serie produzieren wollen.

Insolvenz, Neustart, Übernahme

Das 1979 von Henk Lagerweij gegründete Unternehmen hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Nach einer zu forschen Auslandsexpansion ging Lagerwey im Jahr 2003 in die Insolvenz. 2006 begann der Gründer erneut. In der Folge wuchs das Unternehmen wieder als Hersteller, Entwickler und Lizenzgeber. Von 2014 auf 2015 steigerte Lagerwey seinen Umsatz um 79 Prozent auf 43 Millionen Euro. Dann aber ging der Umsatz wieder zurück: Im  Jahr 2016 auf 40 Millonen Euro und im Jahr 2017, in dem die Übernahme durch Enercon ausgehandelt wurde, auf 27 Millionen Euro.

Quelle Video: Lagerwey Wind

 

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Christian Schaudwet
Keywords:
Windenergie | Enercon | Lagerwey
Ressorts:
Technology | Markets

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