Geothermie
22.01.2013

Energie, die aus der Tiefe kommt

Foto: Steve_Allen/Deposit
Warmer Untergrund: Die Geothermie versorgt in Island 90 Prozent der Haushalte mit Wärme und Strom

Geothermie ist ein riskantes Geschäft. Finanzinvestoren halten sich bei Projekten bislang zurück.

Mehrere tausend Meter tief geht es in die Erde, mal schneller, mal langsamer – und manchmal im Blindflug. Bis zum Erdinneren arbeitet sich der Bohrer vor, wo Temperaturen von vielen tausend Grad herrschen. Eine Energiequelle, die sich nutzen lässt: die Tiefengeothermie.

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Zahlreiche derartige Projekte sind in Deutschland geplant. Die Risiken sind groß, vor allem in der Anfangsphase. Denn bis die Bohrer auf Heißwasserreservoirs stoßen, fallen schnell bis zu 80 Millionen Euro Kosten an.

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Stadtwerke dominieren

Benjamin Richter, Projektleiter bei der Beratungsgesellschaft Rödl & Partner, hat untersucht, wem die Geothermieprojekte in Deutschland gehören. Es dominiert die öffentliche Hand mit einem Anteil von 49 Prozent. „Dahinter stehen oft Stadtwerke und Gemeinden“, hat Richter beobachtet. An zweiter Stelle, mit einem Anteil von 23 Prozent, folgen die privatwirtschaftlichen Energieversorger. Der Rest ist stark zersplittert: Projektentwickler, in- und ausländische Equity-Gesellschaften, Privatinvestoren wie Daniel Hopp, Sohn von SAP-Gründer Dietmar Hopp, sowie – mit zwei Prozent – ausländische Energieversorger, im Wesentlichen der Schweizer Versorger Axpo.

Der hatte sich 2010 an dem Konsortium Exorka beteiligt, das in Taufkirchen bei München ein Geothermieprojekt betreibt. 2013 soll das Erdwärme-Kraftwerk den Betrieb aufnehmen. „Ziel der Beteiligung am Projekt Taufkirchen war ein möglichst schneller Einstieg in die Geothermie und das Realisieren einer steilen Lernkurve“, erläutert Axpo-Sprecherin Jolanda van de Graaf die Motivation. Der Fokus liegt auf der Stromproduktion – im Gegensatz zu den Münchner Stadtwerken, die bei ihren zwei Projekten vorrangig auf den Verkauf von Fernwärme setzen.

Immer wieder Verzögerungen

Bei Bohrungen kommt es immer wieder zu Verzögerungen. Das hat verschiedene Gründe, darunter technische Pannen. Zwei Verfahren kommen in der Regel zum Einsatz: Petro- und Hydrothermie, die ihren Ursprung in der Erdölförderung haben. Gemein sind beiden Verfahren die großen, meist mehrere tausend Meter tiefen Bohrungen. Bei der Petrothermie werden künstliche Wasserreservoirs in vorhandenen Gesteinsschichten angelegt. Für hydrothermische Geothermieanlagen zapfen die Projektierer vorhandene Heißwasservorkommen an.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Pannen. In Basel bebte die Erde, in Leonberg in Baden-Württemberg sackten Häuser ab, in Staufen gelangte Wasser in eine Gipsgesteinsschicht. Seitdem hebt sich dort der Boden. Die Bevölkerung reagiert wegen der Vorfälle zunehmend skeptisch beim Thema Geothermie.

So gibt es in Bernried am Starnberger See Widerstand gegen ein Geothermieprojekt. Dieses wird von der Investmentgesellschaft Macquarie finanziert, die es ihren Kunden im Erfolgsfall als Investment zugänglich machen will. Die zahlreichen Wider- und Einsprüche haben den Zeitplan jedoch gehörig durcheinander gewirbelt. „Es braucht neben der entsprechenden Fachkompetenz auch einen gewissen finanziellen Background und Geduld, um Geothermieprojekte zu realisieren“, sagt Lutz Stahl, Geschäftsführer der BE Geothermal, die das Projekt vorantreibt. 

Zudem sind Bohrer knapp. Verzögert sich ein Projekt, wird das Bohrgerät erst später an den nächsten Einsatzort transportiert. Spezialist Daldrup hat daher diesen Sommer in einen weiteren Bohrer investiert. Dazu hat er eigens das Joint Venture MD mit der tschechischen MND Group gegründet, einer Tochter der Investmentgesellschaft KKCG. Kostenpunkt der 450-Tonnen-Bohranlage: 20 Millionen Euro.

Risiken für institutionelle Anleger zu hoch

Verzögerungen in der Tiefengeothermie werden derzeit in Jahren gemessen. Für zahlreiche institutionelle Investoren ist das Risiko während der Projektierungsphase zu hoch. „Für uns kommen in erster Linie fündige Projekte in Frage, da wir Entwicklungsrisiken nicht nehmen möchten“, sagt beispielsweise Robert Pottmann, Leiter Erneuerbare Energien und Neue Technologien bei der MEAG, dem Vermögensverwalter des Rückversicherers Munich Re. 

Bei der Commerzbank-Tochter Commerz Real ist ebenfalls nichts geplant. Bislang gebe es keine Anfragen von potenziellen Investoren.  „Auch als Fondsprodukt haben wir uns damit nicht intensiv beschäftigt, da entsprechende Investments eine Nähe zum Venture Capital haben“, sagt Sprecher Markus Esser.

Entsprechend hoch sind die Renditeerwartungen derjenigen, die sich doch trauen. „Unter 13 Prozent geht da keiner ran“, sagt Benjamin Richter. Über hohe Verkaufspreise für laufende Anlagen seien solche Erträge durchaus realistisch. Denn in der Betriebsphase reichen den Investoren fünf bis sechs Prozent pro Jahr. „Es gibt aber bislang keine fertigen Projekte zu kaufen“, schränkt der Geothermie-Experte ein.

Die dritte Gefahr ist, dass schlicht kein Heißwasserreservoir da ist. Ein Fehlschlag ist teuer. Eine Fündigkeitsversicherung hilft, den Schaden zu reduzieren. 

Wer zum Mittelpunkt der Erde vordringt, muss sich aber ohnehin auf Überraschungen gefasst machen, wie etwa in Speyer. Dort wollten die Projektierer sauberen Strom mit Geothermie erzeugen – und stießen dabei auf ein kleines Ölfeld.

Jochen Bettzieche
Keywords:
Geothermie | Axpo | Island | Exorka | Basel | Landau
Ressorts:
Finance

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