Erneuerbare Energien
20.06.2018

Energiebranche: Frauen auf Chefposten bleiben Ausnahme

Foto: BDEW
Marie-Luise Wolff ist neue BDEW-Präsidentin und Vorstandschefin des Darmstädter Regionalversorgers HSE.

Der BDEW wählte vergangene Woche eine Frau zur Präsidentin. Frauen in Führungspositionen bleiben in der Energiewirtschaft aber eine Ausnahme, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Marie-Luise Wolff zeigt klare Kante: In ihrer Antrittsrede fordert die neue Präsidentin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) einen zügigen Ausstieg aus der Braunkohle. Die 59-jährige Vorstandschefin des Darmstädter Regionalversorgers Entega sprach sich bereits im vergangenen Jahr für radikale Reformen der deutschen Energie- und Klimapolitik aus. Auch beim CO2-Zertifikatehandel will Wolff zügig Fortschritte sehen, um die Luftverschmutzung mit realistischen Kosten zu belegen. Eine möglichst emissionsfreie Mobilität und die effizientere Nutzung von Strom und Wärme sind weitere Anliegen der Hobby-Läuferin. Wolff könnte ein Vorbild für Frauen in ihrer Branche sein.

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Nötig wäre das. Denn als führende Frau ist die BDEW-Chefin in der Energiewirtschaft noch immer eine Ausnahme. Ein weiteres prominentes Beispiel ist die frühere Grünen-Politikerin Simone Peter, die seit März Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie (BEE) ist. Doch eine aktuelle Untersuchung der Wirtschaftsberatungsgesellschaft PwC zeigt, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen der Energiebranche in den letzten vier Jahren um nur zwei Prozentpunkte auf inzwischen zwölf Prozent gestiegen ist. „Für einen Vierjahreszeitraum ist der Anstieg viel zu gering“, kommentiert PwC-Expertin Nicole Elert. „Frauen werden trotz hoher fachlicher Qualifikation zu selten für Führungspositionen vorgeschlagen“.

Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie. Foto: BEE
Ernüchternde Zahlen

Fachliche Leitung wird in der Energiebranche laut PwC nur in jedem vierten Fall einer Frau anvertraut, ein im Vergleich zu 2014 fast unveränderter Anteil. Dabei gilt: „Eher technische oder strategische Aufgaben werden weiterhin fast ausschließlich von Männern erledigt“, sagt Elert. In der Datenverarbeitung etwa hätten weibliche Führungskräfte nur einen Anteil von sieben Prozent, in der Technischen- und Fertigungs-Leitung sogar nur von zwei Prozent. Wohlgemerkt: Diese Zahlen gelten für mittleres und Top-Management zusammen. Betrachtet man nur die Spitzenpositionen, liegt der Frauenanteil laut PwC quer durch alle Unternehmensbereiche noch deutlich niedriger.

Die Energiebranche hinkt dabei anderen Wirtschaftsbereichen hinterher. Nach Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) liegt der Frauenanteil in den Vorständen der 200 umsatzstärksten deutschen Firmen im Schnitt bei acht Prozent, in Dax-30-Firmen bei 13 Prozent. In der Energiebranche sind hingegen nur fünf Prozent der Vorstandsposten von Frauen besetzt.

Unzeitgemäße Arbeitsbedingungen

Bleibt die Frage, warum das so ist. Mögen Frauen die Energiewirtschaft nicht, oder schätzt die Energiewirtschaft Frauen nicht so, wie es andere Branchen tun? „Das ist keine Frage des Mögens“, sagt Elert. „Energiewende und Digitalisierung helfen, klassische Denkmuster zu überwinden. Das wird sich auch auf die Rolle von Frauen in der Branche positiv auswirken.“ Um den Anteil von Frauen zu erhöhen, müsse die Branche attraktiver werden, zum Beispiel durch ein verstärktes Angebot von zeitgemäßen Arbeitsbedingungen. „Dazu gehören zum Beispiel flexible Arbeitszeiten, Home Office, Jobsharing oder Führungskräfte-Entwicklung."

Um die Energiebranche weiblicher zu machen, gibt es viele Initiativen, nach PwC-Zählung zum Beispiel allein 13 Frauen-Netzwerke in Deutschland. Für Nicole Elert ist das ein Schritt in die richtige Richtung, aber Netzwerke allein reichten nicht aus. „Mixed Leadership ist mittlerweile bei vielen Unternehmen auf der Agenda angekommen, auch wenn es natürlich weiterhin Potenzial gibt. Aber Frauen müssen sich auch selbst einbringen, Angebote nutzen und Stereotypen hinter sich lassen.“ Mit Blick auf den Fachkräftemangel empfiehlt sie den Unternehmen der Energiewirtschaft, „stärker in die gezielte Förderung von weiblichen Führungskräften zu investieren und ihre Arbeitgeberattraktivität in dieser Hinsicht zu prüfen“.

Quoten helfen

Auch gesetzliche Vorgaben können wirken. Für Aufsichtsräte von rund 100 börsennotierten Unternehmen liegt der gesetzlich vorgeschriebene Frauenanteil bei 30 Prozent – und wird nach PwC-Angaben auch erreicht. In den mit Energiethemen beschäftigten Bereichen von Politik und Behörden sei der Frauenanteil zudem mit 27 Prozent weit höher als im Branchenschnitt.

Gabriele Krater stört schon das Wort „Frauenförderung“. Die Vorsitzende des Frauen-Netzwerks „Woman.Energy.Network“ betont: „Meine Kolleginnen und ich brauchen keine Förderung, wir sind Expertinnen auf unserem jeweiligen Gebiet – und insofern genauso gut oder schlecht passend für Tätigkeiten wie unsere männlichen Kollegen, ohne dass wir irgendetwas zusätzlich an Ausbildung, Unterstützung oder Hilfe bräuchten.“ Sie weist darauf hin, dass die Energiewirtschaft traditionell männlich geprägt sei. Das gelte auch für die Personalrekrutierung.

Transparenz statt Klüngel

Zwar sei die Energiebranche für Frauen grundsätzlich interessant und attraktiv. Um den Anteil der Frauen zu erhöhen, brauche es jedoch transparente Ausschreibungs- und Bewerbungsverfahren statt „Klüngel“. Krater: „Ich kenne Kommunen, in denen das Amt des Bürgermeisters, des Kämmerers und des Geschäftsführers des Stadtwerks immer mit den gleichen Männern besetzt ist, nur über die Jahre hinweg in jeweils anderen Rollen.“ Wenn Bewerbungsverfahren hingegen fair, offen und transparent seien, ließen sich qualifizierte Frauen nicht länger ignorieren.

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Gregor Hallmann
Keywords:
erneuerbare Energien | BDEW | Frauen | Energiebranche | Führungskräfte
Ressorts:
Governance | Community

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