Digitalisierung
12.07.2018

Energiegroßhandel: Blockchain-Projekt Enerchain auf der Zielgeraden

Foto: Ponton
Ponton-Geschäftsführer Michael Merz bei einer Präsentation des Enerchain-Projektes.

Über das vom Hamburger Unternehmen Ponton entwickelte Blockchain-Projekt „Enerchain“ soll schon bald Strom und Gas gehandelt werden.

Enerchain gilt als die am weitesten fortgeschrittene Blockchain im Energiegroßhandel. Anfang 2017 hat der Hamburger IT-Dienstleister Ponton das Projekt angestoßen. Es geht um den dezentralen Handel von Strom und Gas, den die Blockchain-Technologie vereinfachen soll. Nun werden die vertraglichen Rahmenbedingen geschaffen, damit Enerchain im Oktober oder November dieses Jahres starten kann.

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Bereits 2016 wurde ein Prototyp entwickelt. Das eigentliche Enerchain-Projekt entstand nach einem Workshop zum Thema „Energiehandel über die Blockchain“ im Februar 2017. Ursprünglich zählte das Projekt 23 Teilnehmer. Inzwischen sind 45 große Unternehmen aus ganz Europa an Bord. Dazu zählen zum Beispiel RWE, Eon, Uniper, Vattenfall und EnBW aus Deutschland, Axpo, Alpiq und BKW aus der Schweiz, sowie Wien Energie, OMV und Verbund aus Österreich und Enel aus Italien.

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Vertraglicher Rahmen gesucht

Ihr Wunsch: Der Handel mit Strom und Gas soll einfacher und günstiger werden. Bislang wird dieser über komplizierte Fahrplansysteme abgewickelt. Diesen Prozess könnte die Blockchain-Technologie rationalisieren – Zwischenschritte der Handelsabwicklung können vereinfacht werden.

„Das, was gerade passiert ist die Interims-Phase“, sagt Ponton-Geschäftsführer Michael Merz im Gespräch mit dem Magazin bizz energy. Es fehle nur noch die gemeinsame vertragliche Basis für den Handel, die nun von Juristen erarbeitet werde. Offener Punkt sei vor allem die Schaffung einer Legal Entity – einer juristischen Person, die ermöglicht, Verträge mit Marktteilnehmern zu schließen. „Favorit ist eine Stiftung, da sie viel Gestaltungsspielraum für die Teilnehmer lässt“, verrät Merz. Ursprünglich sollte das Enerchain-Projekt im September starten. Realistischer ist laut Merz aber ein etwas späterer Termin, da Schritt für Schritt vorgegangen werden müsse. 

Transaktionskosten werden reduziert

„Blockchain ist aus unserer Sicht ein B2B-Integrationsthema“, sagt Merz. Business-to-Business (B2B) bezeichnet Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen, die in diesem Fall Daten über die Blockchain austauschen und die Vorteile der dezentralen Technologie nutzen. „Die Blockchain macht den Zentralisten häufig überflüssig – organisatorische Transaktionskosten werden reduziert“.

Bis Ende März lief die sogenannte Proof-of-Concept-Phase, in der die prinzipielle Durchführbarkeit des Vorhabens getestet und belegt wurde. Einige Unternehmen handelten dabei bereits Energie: So wickelten Eon und Enel am 4. Oktober vergangenen Jahres bereits einen Vertrag über eine Stromleistung von einem Megawatt über Enerchain ab, die in Ungarn geliefert wurde. Eine weitere Transaktion wurde zwischen Wien Energie und dem dänischen Energieversorger Neas für Gas in Deutschland abgeschlossen.

"So dezentral wie möglich"

Einen Vorteil seiner Technologie sieht Ponton-Geschäftsführer Merz in dem sogenannten „Proof-of-Authority-Mechanismus“. Bei diesem werden neue Transaktionen und Blöcke, in denen die Transaktionen erfasst werden, von einer internen Autorität genehmigt. Dies ermöglicht mehr und schnellere Transaktionen als der „Proof-of-Work-Mechanismus“, wie ihn die bekannten öffentlichen Blockchains Bitcoin oder Ethereum verwenden. Dort werden neue Blöcke durch einen energieintensiven Mining-Prozess erstellt. Dieser Mechanismus ist aufwändig, entspricht aber dem ursprünglichen dezentralen Ansatz der Blockchain, die jegliche Autoritäten vermeiden möchte.

Auch Merz möchte den technischen Prozess „so dezentral wie möglich und so zentral wie nötig“ gestalten. Bei Anwendungen, die beispielsweise auf der Ethereum-Blockchain basieren, sieht er allerdings Probleme vor dem Hintergrund der neuen EU-Datenschutzverordnung. Auf der Ethereum-Blockchain können relativ einfach intelligente Verträge, sogenannte Smart Contracts, programmiert werden. Das Problem ist nur: „Die Daten in den Smart Contracts werden eins zu eins unverschlüsselt in die Blockchain von Ethereum geschrieben und sind dann einsehbar für teilnehmende Dritte“, sagt Merz. Dies bremse derzeit viele Projekte aus.

Stromhandel neu organisieren

Sein Unternehmen will die Erfahrungen mit der Enerchain-Blockchain deshalb auch in Projekte zum Flexibilitätshandel und zum lokalen Peer-2-Peer-Handel zwischen Nachbarn einbringen. Ein Forschungsprojekt aus diesem Bereich, an dem Ponton beteiligt ist, nennt sich Etiblogg (Energy Trading via Blockchain-Technology in the Local Green Grid), und läuft seit April 2018. Hierbei werden die Möglichkeiten der Blockchain erforscht, um Energieerzeugung und -bedarf lokal in Echtzeit zu messen und um schließlich auf einem dezentralen Marktplatz Strom zwischen privaten Energieerzeugern und -konsumenten (Prosumern) zu handeln.

Doch im Gegensatz zum Energie-Großhandel ist dafür noch ein weiter Weg zu gehen. Blockchain-Experte Karl-Heinz Remmers sieht beispielsweise gesetzliche Hürden als großes Problem für den direkten, automatisierten Stromhandel im privaten Raum. Doch Blockchains wie das Projekt Enerchain könnten sehr schnell die Strombörse in Leipzig ablösen, sagt der Gründer des Energiekonferenzveranstalters Forum Solarpraxis. Hier gäbe es sehr große Anreize auch für große Marktteilnehmer, den Stromhandel neu zu organisieren.

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Carsten Kloth
Keywords:
Digitalisierung | Blockchain | Energiehandel
Ressorts:
Technology

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