Großbritannien
30.06.2016

Entscheidung für britisches AKW unsicher

Foto: Flickr / Andrew Parsons / i-Images
Boris Johnson, möglicher neuer Premier Großbritanniens, nannte hohe AKW-Subventionen eine Schande.

Die Investitionsentscheidung für den Bau des englischen Atomkraftwerks Hinkley Point wird nach Ansicht von Greenpeace um mehrere Monate verschoben. Möglicherweise steht das Projekt sogar komplett vor dem Aus.

 

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„Es ist unwahrscheinlich, dass ein Abkommen vor der Wahl des neuen Premierministers unterzeichnet wird“, sagt der Chef von Greenpeace in Großbritannien, John Sauven, gegenüber bizz energy. Nach dem Referendum für den Austritt Großbritanniens aus der EU hatte Premierminister David Cameron angekündigt zurückzutreten. Bei ihrem Parteitag im Oktober wollen die konservativen Tories einen neuen Regierungschef bestimmen. An Camerons Kontrahent Boris Johnson könnte der geplante Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point im Südwesten Englands sogar scheitern.

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Regierung könnte Finanzzusagen überprüfen

Der Kraftwerksblock Hinkley Point C ist Teil der britischen Klimaschutzpolitik, er soll schmutzige Kohlekraftwerke in Großbritannien ersetzen und nach seiner Fertigstellung 2023 rund sieben Prozent des Strombedarfs im Königreich decken. Der Investitionsbedarf ist allerdings gigantisch, die EU-Kommission schätzte ihn bereits vor zwei Jahren auf 43 Milliarden Euro.

London hatte dem französischen Energiekonzern EDF als Bauherren des Projekts einen Mindestpreis von 92,50 Pfund für jede erzeugte Megawattstunde (MWh) in den ersten 35 Jahren der Laufzeit zugesichert – zuzüglich eines Inflationsausgleichs. Am britischen Spotmarkt der Börse APX lag der Strompreis diese Woche dagegen bei nur etwa 32 Pfund. Johnson hatte die Garantien für Hinkley Point deshalb im vergangenen November als „Schande“ bezeichnet. Seine Unterstützung für das Projekt ist also höchst fraglich.

Die Märkte erhöhen den Druck auf Großbritannien ebenfalls. Seit dem Referendum für den Brexit haben die Ratingagenturen Standard & Poor’s und Fitch die Bonität des Vereinigten Königreichs herabgesetzt – S&P gleich um zwei Stufen. Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet deshalb damit, dass die britische Regierung ihre Finanzzusagen für Hinkley Point überprüfen wird. Der Bau von Hinkley Point ist in ihren Augen durch den Brexit „mehr als fraglich“.

 

Französische Regierung hält Kosten für „kolossal“

EDF, das zu 85 Prozent im Besitz des französischen Staates ist, hat noch keine Investitionsentscheidung für Hinkley Point gefällt. Die Entscheidung war mehrfach verschoben worden. Unmittelbar nach dem Referendum hatte die Unternehmensführung zwar erklärt, an dem Projekt festhalten zu wollen. Der mächtige Gewerkschaftsbund CGT hat jedoch massive Zweifel an der Investition.

„Der Brexit ist eine neue Unsicherheit und untermauert unsere Position, dass das Projekt verschoben werden sollte“, sagte eine Gewerkschaftssprecherin vor wenigen Tagen. Schon im Mai hatte die französische Energieministerin Ségolène Royal öffentlich Zweifel an dem Projekt erkennen lassen. Die Summen, um die es geht, seien „kolossal“.

 

17 Milliarden Euro an Fremdkapital nötig

Weitere Kapitalgeber werden für Hinkley Point nun schwerer zu begeistern sein. „Die anhaltende Unsicherheit im Markt könnte zumindest vorübergehend den Zugang zu Kapital und das Vertrauen von Investoren beeinflussen – bei ohnehin stark begrenzten Möglichkeiten“, sagte die Kernkraftexpertin Fiona Reilly von der Unternehmensberatung PwC dem Fachdienst World Nuclear News.

Nach Schätzung der EU-Kommission muss EDF 17 Milliarden Pfund an Fremdmitteln einwerben. Im vergangenen Oktober hatte das chinesische Kernkraftunternehmen China General Nuclear Corporation (CGN) seine Bereitschaft erklärt, sich mit 33,5 Prozent an Hinkley Point zu beteiligen. Allerdings bezieht sich dieser Anteil nur auf die reinen Baukosten, die in England immer noch auf 18 Milliarden Pfund veranschlagt werden – lediglich die Hälfte der Kostenschätzung der EU-Kommission. Im Mai berichteten englische Medien, dass auch die chinesische Firma CNNC Interesse an dem Projekt bekundet habe.

 

Chinesische Investoren werden mehr Sicherheiten verlangen

„Die chinesischen Investoren werden nun mehr Sicherheiten verlangen“, prognostiziert DIW-Ökonomin Kemfert. „Der Bau wird noch teurer werden und sehr unwirtschaftlich. Ob ein Bau eines Atomkraftwerks vor derart unsicheren Zeiten überhaupt fortgesetzt wird, ist fraglich.“



Mit den hohen Unsicherheiten argumentiert auch Greenpeace: „In diesem Durcheinander sollte der nächste Premierminister lieber heimische erneuerbare Energien unterstützen, die Großbritannien ohne Hilfe aus Frankreich oder China versorgen können“, forderte Sauven.

Manuel Berkel
Keywords:
Brexit | Boris Johnson | David Cameron | Hinkley Point | Greenpeace | AKW | Atomkraft | Kernenergie
Ressorts:

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