Interview
07.01.2020

„Erneuerbare Kraftstoffe werden sich kannibalisieren“

Foto: VDB
Biokraftstoffe lassen sich beispielsweise aus dem Öl von Raps gewinnen.

Brauchen wir mehr Biokraftstoffe im Verkehrssektor? Elmar Baumann, Geschäftsführer des Biokraftstoffverbands, über die Perspektive der Branche und die Treibhausgasquote, durch die der CO2-Gehalt von Kraftstoffen sinken soll.

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Um nicht weniger als das 12fache, von derzeit 10 Milliarden auf 120 Milliarden Kilowattstunden, will der Biogasrat in den nächsten zehn Jahren die Erzeugung von Biomethan steigern. Das soll dann vor allem im Verkehr statt Benzin und Diesel eingesetzt werden und dort die CO2-Emissionen senken. Wie findet Ihr Biokraftstoff-Verband, bisher der Platzhirsch in diesem Bereich, diese Ansage?

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Auch Biomethan ist einer unserer Kraftstoffe. Seit diesem Jahr ist bei uns die Verbio AG Mitglied, der größte inländische Produzent von Biomethan Kraftstoff im Straßenverkehr. Wegen der Änderungen im EEG zu Lasten des Biogases gibt es zwar schon seit längerem Gedanken, Biogas in Form von Biomethan verstärkt im Verkehr zu nutzen. In dem Bereich werden aber gegenwärtig nur sehr begrenzte Mengen verwendet: Wir setzen Biokraftstoff zwar auf Grundlage der vorgegebenen Treibhausgasquote - derzeit 4, ab 2020 6 Prozent - ein, diese ist aber so niedrig, dass außer der gängigen Beimischung von Biodiesel und Bioethanol kaum mehr Biokraftstoff benötigt wird. Es gibt deshalb bislang keinen großen Anreiz, Biomethan verstärkt als Kraftstoff einzusetzen.

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Der Biogasrat strebt das aber offenbar an.

Um mehr Biomethan im Verkehr zum Einsatz zu bringen, müsste man das tun, was die regierende Koalition in ihren Koalitionsvertrag geschrieben hat: die Treibhausgasquote weiterentwickeln. Andernfalls gibt es keine steigende Nachfrage nach Biomethan, weil die Quote insgesamt zu gering ist.

Biomethan, das aus bestimmten Abfällen und Reststoffen hergestellt ist, kann auf die Unterquote für fortschrittliche Biokraftstoffe angerechnet werden. Diese Zielvorgabe aus der Erneuerbare-Energien-Richtlinie II ist deutlich zu niedrig, um die Biomethan-Mengen aufzunehmen, die wir allein aus den Rohstoffen, die in Deutschland anfallen, herstellen könnten.

Die Bundesregierung geht in ihrem Klimaschutzplan für das 2030er Ziel im Bereich Verkehr übrigens seit Jahr und Tag davon aus, dass neben Effizienzgewinn, Verkehrsverlagerung und -vermeidung sowie einem erklecklichen Anteil E-Mobilität auf alle Fälle erhebliche Mengen erneuerbarer Kraftstoffe benötigt werden…

Davon gehen eigentlich alle Szenarien mehr oder weniger aus.

Elmar Baumann, VDB
Elmar Baumann, Geschäftsführer Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB).
Foto: VDB
…und zwar zu einem Marktanteil von 20 Prozent, selbst wenn man von großen Effizienzgewinnen und 6,5 Millionen E-Fahrzeugen auf den Straßen ausgeht. Erstaunlich ist eher, dass die Bundesregierung diese Erkenntnis bisher nicht umgesetzt hat. Sie redet nur über Szenarien und Studien, aber nicht über die erforderliche Anpassung der Gesetzgebung. Zum Beispiel will sie, wie erwähnt, nach dem Koalitionsvertrag die Treibhausgasquote weiterentwickeln, bringt aber keine Gesetzesänderung hierfür auf den Weg.

Auch bei schnellem Hochlauf der E-Mobilität wird es 2030 noch mehr als 40 Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor geben. Erneuerbare Kraftstoffe stellen den einzigen Hebel dar, um im Fahrzeugbestand die Emissionen zu reduzieren. Zu den erforderlichen 20 Prozent Marktanteil der erneuerbaren Kraftstoffe könnten Biokraftstoffe etwas mehr als die Hälfte beitragen, strombasierte Kraftstoffe und weitere fortschrittliche Biokraftstoffe die andere Hälfte.

Die Erdgas-Wirtschaft argumentiert ähnlich: Weil mit der E-Mobilität allein die nötige CO2-Reduktion im Verkehr nicht zu schaffen ist, sollte man auch auf den Erdgas-Antrieb setzen. Das Problem ist nur: Wie bekommt man das Erdgas wieder aus dem Markt, wenn man bis 2050 klimaneutral werden will?

Bei Prognosen, welche Technologie bis wann existiert, halte ich mich zurück. Erdgasfahrzeuge können massiv zur Minderung bei Treibhausgasen beitragen, wenn sie mit Biomethan fahren, mittel- und langfristig kann Power-to-Gas als Option hinzukommen. In Nutzfahrzeugen, zum Beispiel schweren Lkw, kann Biomethan heute schon in Form von LNG, also verflüssigtem Erdgas, eingesetzt werden.

Die Bundesregierung macht nichts verkehrt, wenn sie Biomethan für den Straßenverkehr mit ins Kalkül zieht. Für die Produktion setzt beispielsweise Verbio biogene Reststoffe ein, die sich nur mit ungleich größerem Aufwand in flüssige Kraftstoffe umwandeln lassen.

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Keywords:
Biokraftstoffe | Biomethan
Ressorts:
Technology | Markets
 

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