Interview
07.01.2020

„Erneuerbare Kraftstoffe werden sich kannibalisieren“

Foto: VDB
Biokraftstoffe lassen sich beispielsweise aus dem Öl von Raps gewinnen.

Brauchen wir mehr Biokraftstoffe im Verkehrssektor? Elmar Baumann, Geschäftsführer des Biokraftstoffverbands, über die Perspektive der Branche und die Treibhausgasquote, durch die der CO2-Gehalt von Kraftstoffen sinken soll.

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Die 12fache Menge Biomethan im Vergleich zu heute lässt sich aber nicht aus Reststoffen herstellen.

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Die Zahl ist schon groß, bezieht sich aber auf alle Arten, wie man Biomethan nutzen könnte, also nicht nur im Verkehr, sondern auch in Blockheizwerken oder -kraftwerken, um Strom und Wärme zu erzeugen. Die Verwendung als Kraftstoff im Straßenverkehr ist dabei mit Abstand der kleinste Markt.

Eine, wie von Ihnen gefordert, höhere Treibhausgasquote würde auch den Bedarf nach Biomasse erhöhen. Bislang hat importiertes Palmöl einen Anteil von etwa einem Sechstel an Rohstoffaufkommen für agrarisch basierte Kraftstoffe. Geht der fragwürdige Palmölimport dann auch nach oben?

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Die Nutzung von Palmöl ist von der EU für die Zeit nach 2020 reguliert worden. Danach sind die Mengen palmölbasierter Kraftstoffe, die auf das Erneuerbare-Energien-Ziel der EU angerechnet werden dürfen, zunächst begrenzt und werden dann in Richtung 2030 auf null heruntergefahren.

Palmöl wurde von der Europäischen Kommission grundsätzlich als Rohstoff identifiziert, der zur Rodung von Wäldern in hochkohlenstoffhaltigen Gebieten beiträgt. Deswegen wird herkömmliches Palmöl bis 2030 nach und nach aus dem Markt genommen. Und das Palmöl, das dann noch als Biokraftstoff eingesetzt werden darf, muss zusätzlich produziert werden, und zwar durch Ertragssteigerungen oder Anbau auf ungenutzten Flächen. Insofern wird Palmöl absehbar an Bedeutung verlieren.

Die Branchen, die ganz auf Ökostrom bauen und daraus auch synthetische Kraftstoffe machen wollen, machen Ihnen jetzt die Anbauflächen für Biomasse streitig. Sie sagen, mit Freiflächen-Photovoltaik lasse sich zehn- bis hundert Mal mehr Energie von einem Hektar Fläche ernten als mit Bioenergie. Wie finden Sie diese Konkurrenz im Hause der Erneuerbaren?

Wir wären nicht davon angetan, wenn sich jetzt die eine erneuerbare Energie gegen die andere aufschwingt und diese schlechtredet. Das halte ich für wenig sinnvoll. Aussagen über die vermeintliche Flächeneffizienz gibt es immer wieder. Man vergleicht da ein bisschen Äpfel mit Birnen.

Die Sache ist die: Unsere Branche erschafft zugleich auch einen hochwichtigen Energiespeicher. Den hat der Photovoltaik-Strom erst einmal nicht, da braucht man schon irgendeine Art von Zwischenspeicher. Zudem entsteht bei der Biokraftstoffherstellung eiweißreiches Futtermittel. Insofern ist die Flächennutzung nicht so einfach zu vergleichen.

Letztlich brauchen wir erneuerbaren Strom aus Wind und Sonne im Verkehrssektor genauso wie Biokraftstoffe. Heute liefern wir - als mit Abstand größter europäischer Produzent - 3,3 Millionen Tonnen Biodiesel im Jahr. In Deutschland werden jährlich aber 38 Millionen Tonnen herkömmlicher Diesel verbraucht.

Bis wir dahin kommen, dass wir durch Maßnahmen zur CO2-Minderung im Verkehr keinen fossilen Diesel mehr benötigen - da müssen schon große Dinge passieren. Es steht außer Frage, dass es bis 2030 gar nichts gibt, was Biokraftstoffe ersetzen könnte.

Und danach?

Danach werden Biokraftstoffe sicher stärker, wie es früher schon einmal war, in Nutzfahrzeugen eingesetzt. Die LKWs könnten zum Beispiel mit reinem Biodiesel fahren. Biokraftstoffe werden außerdem für den Verbrennungsmotor in Hybrid-Pkw und Fahrzeugen mit hoher Reichweite benötigt. Es gibt einen enormen Energiebedarf im Straßenverkehr. Debatten darum, ob eine Technik das allein bewältigen kann, sind albern. Wir werden alle erneuerbaren Energiequellen brauchen, natürlich auch Biokraftstoffe.

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Keywords:
Biokraftstoffe | Biomethan
Ressorts:
Technology | Markets
 

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