Flüssigerdgas
27.07.2017

Erstes LNG-Terminal in Deutschland auf heiklem Terrain

Foto: Creative Commons/Maciek Kwiatkowski
Ein LNG-Terminal wie dieses im polnischen Swinemünde soll bei Brunsbüttel entstehen.

Der niederländische Konzern Gasunie plant Deutschlands erstes Flüssiggas-Terminal. Das freut Brüssel und Washington. Doch Berlin setzt vor allem auf Russland und die Nord Stream-Pipelines.

Die Meyer Werft in Papenburg baut seit Februar das erste mit Flüssigerdgas betriebene Kreuzfahrtschiff der Welt. Liquefied Natural Gas (LNG) gilt als Schiffstreibstoff der Zukunft. Einige Frachter und Fähren mit den vergleichsweise umweltfreundlichen LNG-Antrieben befahren bereits Nord- und Ostsee, weitere werden umgerüstet. Der niederländische Gasversorger Gasunie will deshalb Deutschlands erstes Terminal zum Anlanden von LNG errichten. Die gemeinsam mit den Tanklagerbetreibern Oiltanking aus Hamburg und Vopak aus Rotterdam geplante Anlage soll an der Elbmündung nahe dem schleswig-holsteinischen Brunsbüttel entstehen. Kürzlich hat die EU-Kommission den drei Unternehmen genehmigt, dafür ein Joint Venture zu gründen.

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Der Brennstoff, den Tanker zu dem geplanten Terminal bringen sollen, ist zugleich für das Erdgasnetz vorgesehen. Noch gelten der Import von LNG per Schiff und die Rückwandlung in den gasförmigen Zustand in Deutschland als unwirtschaftlich. Doch auf lange Sicht könnte sich ein LNG-Terminal lohnen, glauben die Marktstrategen des niederländischen Staatsunternehmens Gasunie: Deutschland habe im Moment kein eigenes LNG-Terminal, sei als Europas größter Gasmarkt aber interessant für die globalen Produzenten, sagt Gasunie-Sprecher Gerben van Dijk im Gespräch mit bizz energy: „Die Diversifizierung der Lieferländer und Lieferrouten würde zu mehr Wettbewerb auf dem deutschen Gasmarkt führen.“ Ein Terminal in Deutschland sei deshalb gut für die Verbraucher.

 

Lieferländer Katar, Nigeria und Mosambik

 

Vorerst entsteht eine Machbarkeitsstudie für das Brunsbütteler Projekt. Bei Oiltanking kennt man sich mit fossilen Energieträgern aus: Der Tanklagerspezialist gehört zu Gruppe Marquard & Bahls der Hamburger Unternehmerfamilie Weisser. Sie erwirtschaftet vor allem mit Rohstofflogistik und -handel einen Jahresumsatz von 11,5 Milliarden Euro.

 

Abhängig vom Ergebnis der Studie würden die drei Unternehmen entscheiden, ob investiert werde, sagt die deutsche Sprecherin des Projekts, Katja Freitag. Wann das geschehen und woher das Gas für das Terminal kommen könnte, lässt sie offen: „Das liegt in der Hand der Kunden.“

 

Als Lieferländer kommen derzeit vor allem Katar, Nigeria und Mosambik in Betracht. Katar, das derzeit nicht zuletzt wegen seines aggressiven LNG-Exports vom Wettbewerber und Nachbarn Saudi-Arabien unter Druck gesetzt wird, hat einen Weltmarktanteil von 30 Prozent.

 

Konkurrenz für russiches Pipeline-Gas?

 

Schweißarbeiten an Nordstream 1 im Jahr 2011. Foto: Creative Commons/Bair175
Schweißarbeiten an Nordstream 1 im Jahr 2011. Foto: Creative Commons/Bair175
Auch der weltgrößte Exporteur von Pipeline-Erdgas beobachtet LNG-Projekte in Europa aufmerksam. Besonders, wenn Pläne dafür auf seinem einträglichsten Absatzmarkt in der EU geschmiedet werden: Russland ist mit einem Anteil von rund 40 Prozent Deutschlands wichtigster Gaslieferant.

 

Daran wird sich so bald auch nichts ändern. Zumindest, wenn der russische Staatkonzern Gazprom sein Ziel erreicht, die Kapazität der Ostsee-Leitung Nord Stream zu verdoppeln. Das Vorhaben soll zu zehn Prozent mitfinanziert werden von den Energieunternehmen Wintershall und Uniper (Deutschland), OMV (Österreich), Shell (Niederlande), Engie (Frankreich) und wird wohlwollend begleitet von der Bundesregierung.

 

EU-Kommission will Verhandlungsmandat

 

Allerdings bleibt der russisch-deutsch dominierte Deal nicht ungestört. Die EU will Europas Abhängigkeit von russischem Erdgas verringern. Gegen den Willen der Bundesregierung strebt die EU-Kommission ein europäisches Mandat für Rahmenverhandlungen mit Russland an. Der Vorsitzende der Grünen im Europaparlament, Reinhard Bütikofer, rechnet damit, dass der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs der Kommission im Herbst ein solches Mandat erteilt.

 

Das wäre einerseits schlecht für Nord Stream 2, andererseits könnte es Raum für neue LNG-Projekte schaffen. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, ein erklärter Nord Stream-Skeptiker, würde am liebsten ganz auf russisches Gas verzichten – das wäre nur bei steigendem LNG-Anteil möglich.

 

Flüssigerdgas-Fans in Brüssel

 

Während die Bundesregierung LNG lediglich als Option betrachtet, haben in Brüssel derzeit die Flüssigerdgas-Fans Oberwasser: Die Anfang 2016 entworfene LNG-Strategie der Kommission sieht eine flächendeckende europäische Infrastruktur vor, die auch das bisher LNG-abstinente Deutschland einschließen und den Flüssiggas-Anteil an der europäischen Gasversorgung von derzeit zehn Prozent deutlich erhöhen soll.

 

Bereits jetzt gibt es in der EU mehr als zwei Dutzend LNG-Terminals. Die größten dieser Entlade- und Regasifizierungsanlagen stehen in Großbritannien, Spanien, Belgien und den Niederlanden. Polen hat vor anderthalb Jahren seine erste Anlage in Swinemünde an der Ostsee in Betrieb genommen. Im Juni wurde dort erstmals Flüssigerdgas aus US-amerikanischer Schiefergas-Produktion gelöscht. Lettland und Estland bauen derzeit ebenfalls Terminals, auch sie gelten als potenzielle Kunden der USA.

 

Strategische Interessen der USA

 

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel. Foto: Creative Commons/ A. Savin
Bundesaußenminister Sigmar Gabriel. Foto: Creative Commons/ A. Savin
Mit den USA betritt ein mächtiger Akteur mit ganz eigenen strategischen Interessen den europäischen Erdgasmarkt. Donald Trumps Energieminister Rick Perry nimmt kein Blatt vor den Mund: Die USA wollten mithilfe des Gasexports eine „dominante Energiemacht“ werden, sagte er kürzlich. Deutschlands Außenminister Sigmar Gabriel ist alarmiert. Er warnt, die USA versuchten, mit ihrem Fracking-Gas russische Importe in Europa zu verdrängen. Das US-Repräsentantenhaus hat in der Nacht zum Mittwoch für neue Sanktionen gegen Russland gestimmt. Sie können nach Einschätzung Gabriels besonders solche Unternehmen treffen, die auf dem Energiesektor Geschäfte mit Russland machen, und somit Nord Stream 2 erheblich behindern.

 

Gasunie, Oiltanking und Vopak begeben sich mit ihrem Plan für ein LNG-Terminal an der Elbmündung also auf politisch heikles Terrain. Ihr Vorhaben passt in die Gasstrategien der EU und der USA. Doch es verträgt sich nicht mit der russlandorientierten Strategie der Bundesregierung. Die Frage von bizz-energy-nach politischen Risiken will Projektsprecherin Katja Freitag nicht beantworten.

 

Eon legte sein LNG-Projekt auf Eis

 

Schon einmal gab es die Idee zu einem LNG-Terminal in Deutschland. Es wurde nie gebaut. Eon stoppte die Planungen für eine Anlage in Wilhelmshaven 2008 wegen fehlender Aussicht auf Gewinne. Der fossile Eon-Nachfolger Uniper bleibt bis heute bei dieser Diagnose, wie bizz energy von dem Unternehmen erfuhr. Bestehende LNG-Kapazitäten in Europa seien nicht ausgelastet, sagt Uniper-Sprecher Georg Oppermann. Aber sollte LNG doch noch eine relevante Größe werden, könne man deutsche Kraftwerke auch über ein Flüssiggas-Terminal in Rotterdam versorgen, an dem Uniper beteiligt sei.

 

Der Trend zu mehr Gasnachfrage ist eindeutig: Die Deutschen verbrauchten im ersten Halbjahr mit 516 Milliarden Kilowattstunden über drei Prozent mehr Gas als im Vorjahreszeitraum, wozu laut Branchenverband BDEW der höhere Einsatz in Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen erheblich beitrug.

 

Ob in Deutschland in Zukunft eigene LNG-Kapazitäten benötigt werden, hängt aus Sicht von Florian Haslauer vor allem von der Kohlestrategie der Bundesregierung ab. Der Energiewirtschaftsexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney sagt: „Falls Deutschland beschließt, aus der Kohle auszusteigen, werden erneuerbare Energien als Ersatz nicht ausreichen.“ Und wenn zugleich die EU ihre Diversifizierungsstrategie weiterverfolge, werde Europa zusätzliche nichtrussische Quellen brauchen. „Durch bestehende Pipelines aus Norwegen und Algerien kann nicht viel mehr kommen. Dann ist LNG die einzige Möglichkeit zur Diversifizierung“, sagt Haslauer.

 

Dann würde vermutlich auch ein LNG-Terminal in Brunsbüttel gebraucht.

Christian Schaudwet
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Markets

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