BIZZ-Exklusiv
19.10.2015

"Es führt kein Weg an der Finanzwirtschaft vorbei"

foto: flickr/Kelly; GEOMAR/JSteffen
Mojib Latif

Klimaforscher Mojib Latif über die Rolle der Finanzwirtschaft beim Kampf gegen den Klimawandel, den Pariser Klimagipfel und die Konsequenzen aus der VW-Affäre.

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_Was sagen Sie zu der Idee, CO2 abzuscheiden und im Boden zu speichern, dem sogenannten CCS?

Ich plädiere dafür, Probleme an der Wurzel zu fassen. Deswegen sollte der CO2-Austoß gesenkt werden, anstatt das Gas mit technischen Maßnahmen abzuscheiden und irgendwo zu verbuddeln. Letzteres hat bei der Atomkraft und dem dort produzierten radioaktiven Abfall schon nicht funktioniert, und wird auch beim Kohlendioxid mittels CCS nicht funktionieren. Außerdem würden die Investitionen in die Erneuerbaren und die Entwicklung von alternativen Energiesystemen gebremst. Deswegen warne ich vor CCS.

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_Torpediert die deutsche Energiewenden den Umweltschutz?

Nein, sie hat ein enormes Potenzial – wenn man sie richtig gestaltet. Dabei ist die Dezentralisierung der Energieversorgung enorm wichtig. Und wir müssen die Speichermöglichkeiten verbessern, vielversprechende Ansätze gibt es ja schon. Stichwort Erneuerbares Erdgas. Die zentralistischen Strukturen, wie sie aktuell diskutiert werden, werden den erneuerbaren Energien nicht gerecht. Die Energie muss dort gewonnen werden, wo sie auch verbraucht wird. Das erfordert ein völlig anderes Stromnetz, das die fluktuierenden Angebote der Erneuerbaren besser nutzt. Eine riesige Trasse von der Nordsee nach Bayern wird das nicht leisten. Wir dürfen in diesem Zusammenhang den Wärmesektor nicht vergessen. In Deutschland wird rund die Hälfte der Endenergie als Prozess- und Raumwärme verbraucht.

 

_Was erwarten Sie vom UN-Klimagipfel in Paris?

Ich bin sicher, die UN-Mitgliedsstaaten werden in Paris ein Abkommen unterzeichnen. Das wird allerdings nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu beschränken. Nach Paris bleibt jedoch die Möglichkeit erhalten, das Abkommen in den folgenden Jahren immer wieder zu verschärfen. 

 

_Was wäre das „Worst Case“-Szenario für Paris?

Das Szenario erleben wir aktuell: Seit Beginn der 1990er Jahre ist der weltweite CO2-Ausstoß um mehr als 60 Prozent gestiegen. Anspruch und Wirklichkeit der Weltpolitik könnten also nicht weiter auseinander liegen. In Paris müssen wir diesen Pfad verlassen. Andernfalls steuern wir auf eine Erderwärmung zwischen vier bis fünf Grad Celsius zu – das entspricht fast dem Temperaturunterschied zwischen heute und der letzten Eiszeit. In Folge könnte der Meeresspiegel bis zum Ende des Jahrhunderts um einen Meter steigen, in den Jahrhunderten danach um noch viel mehr. Hitze- und Dürreperioden wie auch Starkniederschläge nähmen je nach Region zu. Alles in allem: keine guten Aussichten.

 
Mojib Latif ist Professor für Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und sitzt dem Forschungsverbund ‚Deutsches Klimakonsortium‘ in Berlin vor. Der gebürtige Hamburger Meteorologe promovierte 1987 u.a. über das Wetterphänomen El Niño. 2015 verlieh ihm die Bundesstiftung Umwelt den Umweltpreis. 

 

 

 

Interview: Jana Kugoth
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Keywords:
Mojib Latif | Finanzwirtschaft | Klimawandel | Mobilität | Deutschland | Energiewende | Klimagipfel Paris
Ressorts:
Finance | Markets | Community

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