_bizz energy: Herr Latif, weltweit gewinnt die Divestment-Bewegung an Zulauf. Kann der Abzug von Investitionen in kohle- und öllastige Unternehmen den Klimawandel bremsen?

_Mojib Latif | Ich begrüße die Divestment-Bewegung. Sie übt Druck aus – auf die Anleger und damit auf die Finanzwirtschaft. Aber eine solche Bewegung hilft alleine nicht. Für eine Begrenzung des Klimawandels auf unter zwei Grad Celsius müssen viele Dinge zusammenkommen. Dazu gehört beispielsweise auch die Beteiligung der Bürger an regionalen und lokalen Grünstrom-Projekten. Ein Land wie Deutschland kann hier eine Vorbildfunktion übernehmen. 

 

_Gelingt Klimaschutz nur mit Hilfe der Finanzindustrie? 

Natürlich müssen Solar- und Windkraftwerke eine Finanzierungsbasis haben. Und auch Innovation erfordert zunächst einmal Investment. Insofern führt kein Weg an der Finanzwirtschaft vorbei. Die Gegner der Energiewende argumentieren, die Transformation der weltweiten Energiesysteme sei nicht bezahlbar. Das ist Blödsinn. Es gibt genügend Geld auf der Welt, es ist nur falsch verteilt. Deshalb muss sich die Funktionsweise der Wirtschaft grundlegend ändern. In jüngster Vergangenheit hat das der VW-Skandal erneut bestätigt.

 

_Ist der VW-Skandal der Fukushima-Effekt für den Verkehrssektor?

Es besteht definitiv Handlungsbedarf für die Politik. Der Verkehrssektor ist der einzige Bereich, in dem in Deutschland die Treibhausgasemissionen noch immer steigen. Selbstverpflichtungen seitens der Konzerne reichen nicht aus. Wir müssen kleinere Autos bauen und alternative Antriebe entwickeln – das ist unvermeidbar.

 

_Was bedeutet die Debatte um den Ausstieg aus den Fossilen für den Rohstoff Gas?

Der Großteil der verbliebenen Gasreserven müssen – wie die verbliebenen Kohle- und Ölreserven – im Boden bleiben. In der aktuellen Umbruchphase kann Gas jedoch Kohle ersetzen, denn die CO2-Bilanz für Gas fällt deutlich besser aus als die für Kohle. Der Nachteil: Gas ist hierzulande vergleichsweise teuer. Hier muss die Politik nachsteuern und Anreize für den Umstieg auf Erdgas schaffen. Dann erst wird der Wettbewerbsnachteil gegenüber der Kohle aufgehoben. Man könnte beispielsweise über eine Kohlenstoffsteuer nachdenken.

Mojib Latif (foto: flickr/Kelly; GEOMAR/JSteffen)

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