"Der Kohleausstieg wird schneller kommen als bisher geplant", meinte Bundesumweltministein Svenja Schulze (SPD) vor einigen Tagen und verlegte diesen aufs Jahr 2030 vor. Das frühere Datum ergibt sich für Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) nahezu zwangsläufig – sofern das neue EU-Klimaziel mit einer CO2-Einsparung von 55 Prozent bis 2030 konsequent umgesetzt wird.

Der CO2-Preis im EU-Emissionshandel könnte sich in dem Zeitraum auf rund 130 Euro pro Tonne verdreifachen. Das würde die Kohleverstromung in Europa beenden und auch die Stromerzeugung aus Erdgas würde unter 40 Prozent des Standes von 2015 fallen. Das sagt das Potsdamer Forschungsteam in einer jetzt veröffentlichten Studie voraus.

Die Modelle, mit denen die Umsetzung des Klimaziels simuliert wurde, zeigten, dass die Erneuerbaren bereits 2030 fast drei Viertel der Stromerzeugung ausmachen und schon 2040 null Emissionen im Stromsektor erreichen würden, erklärt Studienautor Robert Pietzcker vom PIK. "Wenn der Wandel erst einmal eingeleitet ist, wird er in beispielloser Weise an Geschwindigkeit gewinnen."

Die Modelle berücksichtigten dabei unterschiedlich scharfe Emissionsreduktionen, eine sich aus der Sektorkopplung ergebende erhöhte Stromnachfrage sowie den europaweiten Ausbau der Stromnetze. Einberechnet wurden auch Auswirkungen einer möglichen Nichtverfügbarkeit neuer Kernkraftwerke sowie von CCS-Kraftwerken.

2030 nur noch 17 Terawattstunden aus Kohle

Das 55-Prozent-Ziel werde sich massiv auf den Stromsektor auswirken, betont auch Studienautor Sebastian Osorio vom PIK. Beim bisherigen EU-Klimaziel von minus 40 Prozent werde erwartet, dass der CO2-Preis im Europäischen Emissionshandelssystem (ETS) bis 2030 auf 35 Euro pro Tonne steigt. Bei minus 55 Prozent werde sich der CO2-Preis aber mehr als verdreifachen – auf rund 130 Euro pro Tonne. "Das wäre das Ende der Kohleverstromung, wie wir sie kennen", sagt Osorio weiter. Dann würden 2030 voraussichtlich EU-weit nur noch 17 Terawattstunden auf dieser fossilen Basis erzeugt, lediglich 2 Prozent der entsprechenden Strommenge von 2015.

"Anders als das in den letzten Jahren zu beobachten war, wird das Ende der Kohle allerdings nicht dazu führen, dass in Zukunft mehr Strom in Gaskraftwerken erzeugt wird", ergänzt Robert Pietzcker. "Bei CO2-Preisen von über 100 Euro pro Tonne CO2 erwarten wir, dass die gasbasierte Stromerzeugung bis 2030 auf weniger als 40 Prozent des Wertes von 2015 sinkt – und bis zum Jahr 2045 sogar auf weniger als 4 Prozent."

Einbeziehung von Verkehr und Gebäuden ändert Trend nicht

PIK-Forscher Pietzcker sieht auf Nachfrage auch keine entscheidenden Trends, die diese Entwicklung verhindern könnten. In den Modellen seien fast alle aktuellen Länder-Kohleausstiegspläne in Europa implementiert. Selbst wenn in den Staaten noch ambitioniertere Kohleausstiege beschlossen und umgesetzt würden, wäre der Effekt durch zusätzlich frei werdende Zertifikate auf die CO2-Preise gering. "Unter einem verschärften ETS-Ziel würden 2030 so oder so fast alle Kohlekraftwerke durch den Preis aus dem Markt gedrückt", erklärt Pietzcker.

Auch ein Einbeziehen der Bereiche Verkehr und Gebäude ins bestehende ETS oder der Aufbau eines eigenen ETS für Verkehr und Gebäude würde an der Entwicklung nichts Grundlegendes ändern, meint der PIK-Forscher. In dem Fall, dass Verkehr und Gebäude ins jetzige ETS hinzukämen, würde der CO2-Preis "aller Wahrscheinlichkeit nach noch deutlich stärker steigen als auf die 130 Euro."

Ein Grund dafür sei, so Pietzcker, dass Emissionen im Verkehr und bei Gebäuden aktuell noch weniger stark auf CO2-Preise reagieren als im Stromsektor. Das liege am Verhältnis des CO2-Preises zu den Gesamtkosten des jeweiligen Energieträgers. Ein Aufschlag von 100 Euro je Tonne CO2 erhöhe den Benzinpreis um etwa 29 Cent je Liter, also um etwa ein Fünftel des heutigen Niveaus. Derselbe CO2-Preis steigere die variablen Kosten von Braunkohlestrom von etwa 2 auf 12 Cent je Kilowattstunde, also auf das Sechsfache. "Entsprechend ist die Wirkung des CO2-Preises deutlich stärker", betont Pietzcker.

Strombereich steckt schon mitten in Transformation

Ein weiterer Grund, warum sich hohe CO2-Preise im Verkehr weniger bemerkbar machen, ist, dass dort alternative Technologien wie die E-Mobilität noch nicht so ausgereift sind. "Auch wenn bei einigen Batterieautos in den nächsten Jahren der Punkt erreicht wird, wo die gesamten Lebenszykluskosten günstiger sind als bei Verbrennerautos, erschweren die doch anfangs immer noch höheren Investitionskosten den Einstieg in die E-Mobilität", sagt Pietzcker.

Zudem stecke die Stromerzeugung schon mitten in der Transformation, dort werde seit Jahren in die Anpassung der Infrastruktur investiert. "Im Verkehrssektor wird erst jetzt langsam Ernst gemacht mit der Bereitstellung von Ladeinfrastruktur und der Verbesserung des öffentlichen Verkehrs und der Fahrradinfrastruktur in Städten."

Auch dass derzeit verstärkt institutionelle Anleger den Emissionshandel für sich als Spiel- und Gewinnfeld entdeckt haben, verändert für den PIK-Forscher die grundlegenden Trends nicht. "Kurzfristig kann dadurch eine sehr hohe Unsicherheit entstehen – langfristig treiben diese Aktivitäten den Preis höchstens nach oben. Anleger können keine neuen Zertifikate erschaffen. Die durch die Kürzungen im ETS geschaffene Knappheit bleibt bestehen."

Zu guter Letzt, so Pietzcker, könnten sich auch fossile Stromversorger nicht von der Entwicklung der CO2-Preise dauerhaft abkoppeln, indem sie sich jetzt mit relativ preiswerten Zertifikaten eindecken und sich entsprechende Optionen auf die Zukunft sichern. "Die Reichweite dieser 'Vorsorge' liegt im Schnitt bei 1 bis 3 Jahren und wird längst nicht von allen Marktakteuren betrieben", schätzt er ein. Entsprechend gering sei die Auswirkung auf die mittelfristigen Preise bis 2030.

Auch mithilfe von Optionsgeschäften auf Zertifikate lasse sich die fundamentale Verknappung durch ein EU-Green-Deal-konformes Kürzen bei den Emissionsrechten nicht verändern und damit auch der Marktpreis nicht, betont Pietzcker. "Es gibt dann einfach ein paar wenige glückliche Firmen, die sich sehr günstig mit Optionen auf Zertifikate eingedeckt haben und die dann überlegen können, ob sie die Zertifikate nutzen, um ihre Kohle zu verstromen, oder lieber einen höheren Gewinn machen, indem sie die Emissionsrechte zu Marktpreisen verkaufen."

Ein strenger EU-Emissionshandel könnte auch deutsche Kohlekraftwerke eher vom Netz bringen , als das Szenario zum Kohleausstieg das vorsieht. (Copyright: Istock)