"Wasserstoff ist eine Energie, die jeder mag" - mit diesem Satz, der nach Aufbruch klang, leitete Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) seine Rede auf der Wasserstoff-Konferenz zu Wochenbeginn ein. Zu der hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) geladen. Kernthemen: internationale Zusammenarbeit, Energieinfrastruktur, Investitionen und Regulation von grünem Wasserstoff.

Vor Birol hatte bereits Altmaier auf der digital ausgetragenen Konferenz seinerseits für Euphorie und Aufbruch gesorgt. Wasserstoff sei ein "Gamechanger", sagte der Minister zum Auftakt. Nur mit Wasserstoff sei die Klimaneutralität 2050 - das EU-Langzeitziel - erreichbar. Vor allem brauche es mehr Ressourcen, um diese Vorgabe zu erreichen, führte Altmaier aus und meinte damit: mehr Strom aus erneuerbaren Energien, mehr grünen Wasserstoff als Energieträger und - als Grundlage für beides - mehr Geld.

Die Herstellung grünen Wasserstoffs gestalte sich momentan kostenintensiv und es fehle die industrielle Basis, eine Infrastruktur sei ebensowenig vorhanden wie ein ausgeprägter Markt. "Deshalb wird eine staatliche Anschubförderung in den nächsten Jahre nötig sein", so Altmaier und stellte in Aussicht, mittelfristig mit Preisanreizen eine wirtschaftliche Eigendynamik erzeugen zu wollen.

Grüner Wasserstoff ab 2030 preiswerter als konventioneller

EU-Energiekommissarin Kadri Simson pflichtete dem deutschen Minister bei. Es sei Aufgabe der EU-Politik, Wasserstoffangebot und -nachfrage gleichzeitig zu steigern. Simson prognostizierte recht optimistisch, dass erneuerbarer Wasserstoff konventionellen ab 2030 preislich schlagen dürfte. Dafür seien Milliardeninvestitionen nötig, um die Elektrolyse zunehmend zu industrialisieren. Zunächst solle ein EU-Programm die Kostenlücke zwischen grünem und konventionellem Wasserstoff schließen.

Wird der Wasserstoff zu hundert Prozent mit Ökostrom produziert, fällt kein CO2 an, darum trägt der derart gewonnene Brennstof das Prädikat "grün". Bisher wird weltweit vor allem grauer Wasserstoff verwendet, der bei fossiler Erdgasförderung neben CO2 als Abfallprodukt anfällt. Ähnlich verhält es sich mit blauem Wasserstoff, nur, dass das entstehende CO2 nicht entweicht, sondern gespeichert werden soll.

Laut der Energiekommissarin ist der EU auch ein grenzüberschreitendes Wasserstoffnetzwerk wichtig. Damit ist sie auf einer Linie mit dem Bundeswirtschaftsminister.  "Der Erfolg der Wasserstoffstrategie hängt vom zeitgleichen Aufbau einer Transportinfrastruktur ab", meinte Altmaier dazu. Im Blick haben beide dabei geografisch günstig gelegene Gebiete, etwa im sonnigen Süden oder windreiche Ostsee-Regionen. Anschließend soll der "fertige" Wasserstoff gesamteuropäisch verteilt werden. Kadri Simson hält es dabei für möglich, das bestehende Gaspipeline-System gering modifiziert als günstige Zwischenlösung für den Wasserstoff-Transport zu verwenden.

IEA-Chef: "Europa darf Führungsrolle nicht verlieren"

Man sollte aus der Vergangenheit lernen, mahnte IEA-Chef Fatih Birol. Vor zehn Jahren habe die  EU den Anstoß gegeben für die Solartechnologie, erinnerte er. Zehn Jahre später nun sei die Führungsrolle "nicht mehr in europäischen Händen",  andere Länder hätten Europa überholt. Birol befürchtet, dass es bei grünem Wasserstoff ähnlich kommen könnte.

EU-Kommissarin Simson will sich in dem Punkt dafür einsetzen, Industrie und damit die Jobs in Europa zu halten. Die Union habe 150 Milliarden Euro eingeplant, um die Klimaziele zu erreichen. Ein europäisches Zertifizierungssystem solle zudem dem Verbraucher Aufschluss über den CO2-Fußabdruck des jeweiligen Wasserstoffs geben. An einem einheitlichen Regulierungsrahmen arbeite die EU gerade, schnell zu sein, laute die Devise.

Ann Mettler, Europa-Direktorin bei Gates Ventures, dem privaten Büro von Microsoft-Gründer Bill Gates, malte ihrerseits das Bild von Wasserstoff als dem "Erdöl der zukünftigen, nachhaltigen Wirtschaft". Ihr zufolge existierten glaubhafte Szenarien, die voraussagten, dass die Wasserstoffindustrie bis 2050 vergleichbare Strukturen mit der Erdölbranche heute haben werde. Ihrer Ansicht nach müsse die EU den derzeit herrschenden politischen Konsens zum Wasserstoff schnell nutzen. Schon sei China Europa beim Wasserstoff auf den Fersen und es laufe ein "Wettrennen" um den Spitzenplatz.

Tankfahrzeug mit Wasserstoff.
Wasserstoff wird jetzt schon produziert und per Tankwagen transportiert, aber meistens ist es kein grüner. (Copyright:  NOW GmbH)