Gebäudesektor
15.01.2020

EU: Energetische Sanierung kommt kaum voran

Foto: iStock
Großen Bedarf an klimafreundlichen Investitionen sieht die EU bei der energetischen Gebäude-Sanierung.

Deutschland ist bei der energetischen Sanierung nur Mittelmaß in Europa. Die EU-Beobachtungsstelle für den Gebäudebestand weist skandinavische und baltische Länder als Spitzenreiter aus. Mehr und bessere Förderung ist dringend notwendig.

Zahlen des Europäischen Observatoriums für den Gebäudebestand stellen der Bundesregierung kein gutes Zeugnis bei der energetischen Sanierung aus. Nach Erhebungen der bei der EU-Kommission angesiedelten Beobachtungsstelle, die bizz energy vorliegen, hat sich die Energieeffizienz aller Gebäude in Deutschland in den vergangenen Jahren nur geringfügig verbessert. Berlin droht deshalb, das von der EU vorgegebene Ziel zu verfehlen, bis 2050 den Gebäudesektor weitgehend CO2-frei zu machen. Da dieser gut 40 Prozent der Gesamtenergie verbraucht, könnte die Sanierungslücke die deutschen Klimaziele insgesamt gefährden

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Den europaweit gesammelten Daten des Observatoriums zufolge haben Gebäude in Deutschland im Schnitt noch immer einen relativ hohen U-Wert von 0,80. Der Wärmedurchgangskoeffizient ist ein Maß für die Wärmedurchlässigkeit eines Bauelements. Zum Vergleich: Ein Niedrigenergiehaus verlangt in der Regel eine Gebäudehülle mit einem U-Wert von 0,25, im Dachbereich sogar einen U-Wert von 0,15. Deutlich besser schneiden in dieser Hinsicht die skandinavischen Länder ab. Der Gebäudebestand in Dänemark kommt auf einen U-Wert von 0,52, in Schweden und in Finnland sogar auf 0,34. Dort haben inzwischen fast alle Gebäude den Standard eines Niedrigenergiehauses.

Gemeinschaftswert nach oben verzerrt

Doch nicht nur die wohlhabenden Staaten Nordeuropas nehmen einen Spitzenplatz bei der energetischen Sanierung des Gebäudebestands ein, auch zwei baltische Länder erreichen im EU-Vergleich Top-Werte – obwohl sie erst 15 Jahre in der EU sind und bis 1990 Teil der Sowjetunion waren. So weisen Häuser in Litauen im Schnitt einen U-Wert von 0,55 auf, Estland ist mit einem U-Wert von 0,28 sogar Spitzenreiter aller 28 Mitgliedstaaten.

Im Schnitt haben Gebäude in der EU nach den Daten der Beobachtungsstelle einen U-Wert von 1,1. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Häuser in den Mittelmeerländern wegen der milden Winter keine aufwändige Wärmedämmung benötigen, um wenig Energie zu verbrauchen. Deshalb ist der Gemeinschaftswert nach oben verzerrt. So liegen die U-Werte des Gebäudebestands in Griechenland bei 1,22, in Portugal bei 1,27 und in Spanien bei 1,32. Dennoch haben auch diese Länder in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte bei der Wärmeeffizienz der gewerblich wie der privat genutzten Häuser erreicht. Spanien etwa gelang es, den durchschnittlichen U-Wert des Bestands in den vergangenen zehn Jahren um den Faktor 0,5 zu senken.

Viel zu wenig Förderung

In Deutschland dagegen ist in diesem Zeitraum der gemittelte U-Wert aller Gebäude nur von 1,1 auf 0,8 gesunken – eine unterdurchschnittliche Bilanz im europaweiten Vergleich. Diese ist umso bedenklicher, als die verbesserte Energieeffizienz vor allem auf das Konto des gegenwärtigen Baubooms geht. Neubauten müssen das Niveau eines Niedrigenergiehauses erreichen, was den Durchschnittswert des Bestands verbessert. 

Eine Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der Kommission (JRC) ist den Gründen für die erheblichen Unterschiede in den Mitgliedsländern nachgegangen – und hat besonders die staatliche Förderpraxis unter die Lupe genommen. „Rund 15 Milliarden Euro an öffentlichen Ressourcen werden EU-weit jährlich für energetische Sanierungen ausgegeben – eigentlich viel zu wenig, um das Pariser Klimaziel zu erreichen“, heißt es in dem Papier. Umso wichtiger sei der kosteneffiziente Einsatz dieser Mittel, der vor allem daran gemessen wird, wie viel privates Kapital er hebelt. Dabei zeige sich, so die JRC-Studie, dass Länder mit einer Vielzahl von Anreizsystemen erfolgreicher sind als Länder mit nur wenigen Angeboten und dass steuerliche Förderungen wirksamer sind als reine finanzielle Beihilfen. 

Frankreich als Vorbild

So offeriert die französische Regierung ihren Bürgern für energetische Sanierungen außer Zuschüssen auch zinslose Darlehen sowie Steuergutschriften und eine ermäßigte Mehrwertsteuer. Ein Teil der Anreize, etwa Nullzinskredite und Steuervorteile, lassen sich miteinander kombinieren. Damit erreicht Paris deutlich mehr Hausbesitzer als dies Berlin mit dem deutschen Förderprogramm gelingt. Binnen zehn Jahren hat sich die Energieeffizienz des Gebäudebestands bei unserem Nachbarn links des Rheins von einem U-Wert von 1,73 auf 0,97 verbessert.

Der im Vergleich zu Deutschland höhere U-Wert in Frankreich ist den dicht bevölkerten Regionen am Mittelmeer geschuldet, wo Häuser dank des milden Klimas auch ungedämmt wenig Energie verbrauchen. Nach den Berechnungen des EU-Forschungszentrums haben allein die Steuervergünstigungen in Frankreich zu einer mehr als doppelt so hohen Energieeinsparung beigetragen als das CO2-Gebäudesanierungsprogramm und das Marktanreizprogramm für erneuerbare Energien in Deutschland zusammengenommen. Die französische „Steuergutschrift für die Energiewende“ erhielt deshalb vom JRC die beste Bewertung, gefolgt vom „Eco-Bonus“ genannte Steuerabzugsystem in Italien.

Abgesehen von der normalen steuerlichen Abschreibung für vermietete Immobilien fehlte in Deutschland bislang eine besondere steuerliche Förderung energetischer Sanierungen. Das ändert sich nun mit dem Klimapaket.

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Norbert Mühlberger
Keywords:
Wärmewende | energetische Sanierung | Gebäude
Ressorts:
Governance
 

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