Flüssigerdgas
10.04.2019

EU importiert immer mehr LNG aus den USA

Foto: Danny Cornelissen/Hafenbetrieb Rotterdam
Deutschland hat noch kein LNG-Terminal. Aber über die Niederlande gelangt es nach Europa.

Die LNG-Importe aus den USA steigen in acht Monaten um 220 Prozent. Der Flüssigerdgas-Boom ist allerdings nicht das Ergebnis politischer Bemühungen.

Auch wenn US-Präsident Donald Trump der EU wegen Subventionen für Airbus einmal mehr mit Strafzöllen droht – beim Handelsstreit um Erdgas stehen die Zeichen auf Entspannung. Um 220 Prozent sind die europäischen Einfuhren von Flüssigerdgas (LNG) aus den USA seit dem Krisengipfel von Trump mit Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am 25. Juli 2018 in Washington gestiegen. Dies geht aus einem internen Kommissionspapier hervor, das bizz energy vorliegt. Auf dem Gipfel hatte Juncker Trump versprochen, mehr Flüssigerdgas aus den USA abzunehmen, um deren Handelsdefizit zu verringern.

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Dem Kommissionspapier zufolge hat der LNG-Import aus den Vereinigten Staaten innerhalb der vergangenen acht Monate exponentiell zugenommen. Im ersten Quartal 2019 erreichte fast so viel Flüssigerdgas aus den USA die EU wie im gesamten Jahr 2018, als 3,3 Milliarden Kubikmeter LNG in europäischen Terminals gelöscht wurden. Inzwischen sei die EU mit 31 Prozent der weltweit größte Abnehmer von Flüssigerdgas aus den USA. Das US-Gas erreiche damit einen Marktanteil von 13 Prozent in der EU.

Bedenken wegen Umweltfolgen

Als Erfolg ihrer „Diversifizierungsstrategie“ verkauft die Kommission diese rasante Zunahme. „Der Start der US-LNG-Exporte in die EU im Jahr 2016 hat die Sicherheit der Gasversorgung in Europa verbessert“, heißt es in dem Papier. Da die Gemeinschaft 70 Prozent ihres Bedarfs durch Importe decken muss, versucht Brüssel die Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas zu verringern. Wegen der schädlichen Umweltfolgen gibt es jedoch Bedenken gegen die Einfuhr von Fracking-Gas aus den USA.

Dennoch will Brüssel die LNG-Einfuhren aus der neuen Welt bis 2023 nochmals deutlich steigern. „Wir werden daran arbeiten, den transatlantischen Handel mit LNG auf wenigstens acht Milliarden Kubikmeter jährlich in den nächsten vier Jahren zu verdoppeln“, heißt es im Kommissionspapier. Das Ziel sei, die USA zu einem „Großversorger für Gas in Europa“ zu machen. Derzeit verhandeln Handelskommissarin Cecilia Malström und der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer unter anderem über die Abschaffung von Zöllen auf Industriegüter.

Preise sind drastisch gesunken

Bei näherem Hinsehen ist der Anstieg der LNG-Importe jedoch weder ein Ergebnis strategischer Diversifizierung, noch politischer Anstrengungen, die Handelsbilanz der USA mit dem alten Kontinent zu verbessern. Es ist vielmehr ein Resultat günstiger ökonomischer Umstände. „LNG aus den USA geht dorthin, wo der höchste Gewinn winkt“, erklärt James Henderson, Direktor am Oxford Institute for Energy Studies. „Es gibt hier kein politisches Motiv.“

Lange waren die Preise für verflüssigtes Gas wenig attraktiv. Das hat sich geändert. Im Vergleich zum vergangenen Jahr sind die Preise drastisch gesunken, was dem transatlantischen LNG-Handel zu Gute kam. Im März fiel der Spotmarkt-Preis für LNG unter 5 Dollar – und lag damit fast gleichauf mit dem Preis für niederländisches Gas, das in Europa als Benchmark gilt. Verantwortlich für den Preisverfall ist die geringe Nachfrage der ostasiatischen Staaten, traditionell größte Abnehmer für Flüssigerdgas. Damit LNG-Transporte aus den USA nach China, Korea oder Japan rentabel sind, müsste der Preis deutlich höher liegen. Deshalb schicken amerikanische Exporteure ihre Tankschiffe lieber auf die nur halb so lange Route nach Europa.

EU-Versorger fragen mehr nach

Zudem treibt eine steigende Nachfrage die Importe von LNG in Europa. Abnehmer sind vor allem die Energieversorger. Die stehen durch steigende Kohle-Preise und höhere Kosten für CO2-Zertifikate unter Druck. Die Stilllegung von Kohlemeilern zum Schutz des Klimas tut ein Übriges. Wegen niedriger Preise und geringeren CO2-Emissionen setzen die Versorger in der EU verstärkt auf Gas zur Stromerzeugung.

Die wichtigsten Importeure von LNG aus den USA sind Großbritannien, Spanien, Italien, Portugal und Frankreich – Länder, die nur schlecht oder gar nicht an das russische und norwegische Pipelinenetz angebunden sind. Zu den Großabnehmern von amerikanischem LNG gehören in England Centrica, in Spanien Endesa, in Italien ENI und in Frankreich Total. Aber auch Polen setzt verstärkt auf Flüssigerdgas aus den USA, um die Abhängigkeit von Russland zu vermindern. Zu diesem Zweck will die Regierung den LNG-Terminal in Swinemünde ausbauen und erhält dafür von der EU 332 Millionen Euro. Das ist fast die Hälfte des Fördergeldes, das Brüssel in ganz Europa für den Ausbau der LNG-Infrastruktur ausgibt.

Nicht berührt vom LNG-Boom ist bislang Deutschland, das vor allem auf Pipeline-Gas aus Russland setzt. Etwa 40 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases stammt nach Berechnungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft von Gazprom. Mit dem Kohleausstieg wird der Anteil weiter steigen. Doch angesichts der Furcht vor einer zu starken Abhängigkeit von Putins Russland und dem Druck aus den USA steuert Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) um. Im Februar kündigte er nach Gesprächen mit US-Vertretern an, dass Deutschland zwei LNG-Terminals bauen werde. Eines hat die Kommission bereits in ihr Papier aufgenommen. Auf der Karte mit Europas LNG-Infrastruktur ist auch Brunsbüttel vermerkt – mit dem Vermerk „in Planung".

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Norbert Mühlberger
Keywords:
LNG | Flüssigerdgas
Ressorts:
Markets

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