Kernkraft
22.01.2014

EU-Kommission kontert Atomkurs-Vorwurf

depositphotos

Nach einem Bericht des ZDF über die Referenzdaten der neuen EU-Klimaschutzziele widerspricht die Kommission dem Vorwurf, besonders atomkraftfreundlich zu handeln. In die Referenzkosten für neue Meiler flössen etwa auch die verstärkten Sicherheitsstandards nach Fukushima ein.

Die EU-Kommission widerspricht dem Vorwurf des ZDF-Magazins Frontal 21, Pläne zu entwerfen, die die Atomkraft viel zu optimistich betrachten. Das Magazin hatte der Kommission vorgehalten, mit 69 neuen Atommeilern in Europa mit insgesamt 104 Gigawatt Leistung bis 2050 zu rechnen. Angesichts der hohen Kosten der Kernkraft und den Sicherheitsbedenken sei das zu viel. 

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Die Kommission widerspricht auf Nachfrage von BIZZ energy today den Angaben in der Sendung: Die Roadmap für den Bereich Energie gehe bis 2050 von kumulativen Investitionen im Ausmaß von 176 Gigawatt über 40 Jahre aus, sagte eine Sprecherin. „Nur zwölf Gigawatt sind Kapazitäten, die an neuen Stellen errichtet werden sollen.“ Der große Rest ergäbe sich aus dem hohen Ersatz- und Nachrüstungsbedarf, da der gegenwärtige Bestand an Kernkraftwerken relativ alt sei.

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Atomkraft auch 2050 über 20 Prozent

Laut dem Referenzszenario 2013 sinkt der Kernenergieanteil an der Stromerzeugung in der EU von 27,5 Prozent im Jahr 2010 auf knapp 22 Prozent 2030. Bis 2050 bliebe das Niveau dann relativ konstant bei knapp über 21 Prozent. Dabei gehe die Initiative für den Bau neuer Atomkraftwerke keineswegs von der Kommission aus. „Gemäß EU-Recht obliegt es den einzelnen Mitgliedstaaten, ihren Energiemix zu bestimmen“, so die Sprecherin. 

Bei der Entscheidung für neue Atommeiler sind neben Sicherheitsbedenken die Abwägungen der Kosten im Vergleich zu anderen Energiequellen großes Streitthema. Die Kommission hat diesen Kostenfaktor als eine Grundlage ihrer Klimaschutzziele angeführt. Offiziell hieß es nach Veröffentlichung des Pakets am Mittwoch: „Auf der Grundlage einer detaillierten Untersuchung der Energiepreise und -kosten wird der Rahmen für die Politik bis 2030 Investoren Rechtssicherheit bieten, für ein koordiniertes Vorgehen der Mitgliedstaaten sorgen und so zur Entwicklung neuer Technologien führen.“ Bei Frontal 21 sieht die Schlußfolgerungen jedoch anders aus – denn in den Szenarien etwa zu den Kosten der Kommission kämen alte Techniken wie Atomkraft viel zu gut weg.

Kosteneinschätzungen gehen auseinander

Laut Wissenschaftler Christian von Hirschhausen vom DIW Berlin würde die Kommission die Kosten für Atomkraftwerke mit 4.400 Euro pro Kilowatt um ein Vielfaches zu niedrig ansetzen. „Das sind ausgedachte Mondzahlen“, sagte Hirschhausen. Bei den Erneuerbaren lägen die Kostenschätzungen dagegen deutlich zu hoch, zum Beispiel in der Photovoltaik mit 1.500 Euro pro Kilowatt. 

Die Kosten für Solarenergie in Europa sind keineswegs einheitlich, heißt es dazu aus Brüssel. Deutschland habe zum Beispiel für Installation und Genehmigung besonders niedrige Kosten. „Aber: Für eine Energie-Modellierung wie in dem Referenzszenario 2013 muss für jede der über hundert Stromerzeugungstechnologien je ein einziger typischer Wert für die Investitionskosten bestimmt werden“, erklärt die Kommissionssprecherin. Dieser ,Max Mustermann‘ könne naturgemäß nie in allen Facetten abdecken. In das neue Referenzszenario für neue Atomkraftwerke flössen jedoch auch die „kostenwirksamen Rahmenbedingungen infolge des Unfalls in Fukushima ein, wie zum Beispiel verstärkte Sicherheitsstandards“.

Die EU geht allerdings durchaus gegen hohe staatliche Zahlungen für Atomkraftwerke vor. Gegen Großbritannien wurde kürzlich ein Verfahren eingeleitet, mit dem überprüft werden soll, ob das Land zu hohe Subventionen für den Bau neuer Atommeiler versprochen hat.

Frontal 21 thematisierte auch den Bau neuer Kohlekraftwerke in Europa. Damit die EU trotzdem ihre Klimaschutzziele erreicht, soll bei diesen die Technik zur CO2-Abscheidung, -Transport und -Endlagerung (CCST) eingesetzt werden. Die Technik ist bisher im Entwicklungsstadium; es ist offen, wann und ob überhaupt sie kommt. Auf die Frage, welche Rolle die CO2-Speicherung in den EU-Klimaschutzzielen konkret spielen, gab es von der Kommission keine Auskünfte.

 

 
Daniel Seeger
Keywords:
EU-Kommission | Atomenergie | Energiepolitik | Klimaschutzziele
Ressorts:
Governance

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