Laut klagt die Autoindustrie über die neuen CO2-Grenzwerte für Pkw und Lkw bis 2030. Dabei sind diese ein Klacks im Vergleich zu den Plänen der EU-Kommission für den Transportsektor in den Jahren danach. Denn der Verkehr in Europa soll bis 2050 klimaneutral werden. „Das Ziel unserer langfristigen Klimastrategie ist, in diesem Zeitraum Nettoemissionen von Null zu erreichen“, verrät Verkehrskommissarin Violeta Bulc im Gespräch mit bizz energy. „Wir arbeiten bereits an den Vorschlägen für die Zeit von 2030 bis 2050.“

Die werden eine Revolution im Transportsektor einläuten. Bis Ende der nächsten Dekade soll der CO2-Ausstoß im Verkehr um gut ein Drittel sinken: bei Lastwagen und Bussen um 30 Prozent, bei Kleintransportern um 31 Prozent und bei Personenwagen sogar um 37,5 Prozent. Darauf haben sich Ende 2018 Europaparlament und Ministerrat geeinigt. Ab 2030 sollen die restlichen Zweidrittel der Treibhausgase aus dem Verkehr eliminiert werden, so dass bis 2050 fossile Energieträger als Treibmittel weitgehend verbannt sind.

Wirtschaft und Lebensweise stehen in Frage

Das Ziel, den Personen- und Gütertransport CO2-frei zu machen, ist ehrgeizig – seine Verwirklichung wird die Industriestaaten radikal verändern: „Sie stellt nicht nur die Autobranche und unser Verkehrssystem, sondern auch unsere Wirtschaft und unsere Lebensweise in Frage“, meint ein enger Mitarbeiter von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Gespräch mit bizz energy. Bisher hat sich Europas Verkehrssektor jedem klimapolitischen Eingriff widersetzt. Sein CO2-Ausstoß ist im Gegensatz zu allen anderen Emissionsquellen gegenüber 1990 sogar gestiegen. Ein Drittel der Treibhausgase gehen aufs Konto des Verkehrs. Ihn klimaneutral zu machen, sei extrem herausfordernd – alle Stellschrauben müssten genutzt werden, betont der Juncker-Berater.

Doch viele Stellschrauben, etwa die dafür notwendigen Technologien, sind noch nicht oder nur rudimentär verfügbar. Um bei der Entwicklung ihrer Klimastrategie bis 2050 nicht in die Glaskugel zu schauen, bediente sich die Kommission bei der Zukunftsforschung. Zunächst modellierte sie mehrere Szenarien für die Reduktion der vom Menschen gemachten Treibhausgase, nun analysiert sie politische, ökonomische und technologische Handlungsoptionen, um schließlich unter anderem Lösungen für den Straßen-, Luft- und Wasserverkehr vorzulegen. Bis Ende März will Juncker diese den EU-Staaten präsentieren.


Schon jetzt ist klar: Die anstehende Umwälzung ist vergleichbar nur mit der Erfindung des Verbrennungsmotors. Dies macht ein Blick in das Analysepapier der Kommission deutlich, das bizz energy vorliegt. Auf Basis der jetzigen Politik – einschließlich der neuen CO2-Vorgaben für den Verkehr – würde die EU bis 2050 nur 60 Prozent der Treibhausgase vermeiden. Noch immer würden fast 40 Prozent der Autos auf den Straßen von Verbrennungsmotoren angetrieben, wobei der Dieselanteil höher läge als der Anteil an Benzinern. Nur 35 Prozent der Flotte wäre elektrifiziert, den Rest stellten Hybrid- und Brennstoffzellenfahrzeuge.

Um in Reichweite der Klimaneutralität zu kommen, müssten die Europäer in 30 Jahren jedoch mindestens 80 Prozent der Treibhausgase vermeiden. Die restlichen Prozentpunkte sollen dem Kommissionspapier zufolge mit Ökostrom hergestellte Treibstoffe (E-Benzin) sowie natürliche und künstliche CO2-Senken beitragen.

150 Prozent mehr Strom nötig

Da die Kommission ihre Empfehlungen auf ein Minderungsziel von mindestens 80 Prozent abstellen wird, dürfte die fernere Zukunft des Straßenverkehrs anders aussehen. Danach würden 2050 rund Zweidrittel der Flotte ihre Antriebsenergie aus Elektrobatterien beziehen. 25 Prozent der Fahrzeuge hätten einen Hybridantrieb, gut 5 Prozent eine Brennstoffzelle und der Rest wäre überwiegend mit E-Benzin unterwegs. Sollte auch dies nicht ausreichen, um die EU klimaneutral zu machen, schließen Kommissionsbeamte auch ein Nullemissionsziel im Straßenverkehr nicht aus. Dann allerdings müssten Elektro- und Brennstoffzellenautos in gut 30 Jahren einen Marktanteil von 96 Prozent erreichen. Nur für rund vier Prozent der Flotte, wohl überwiegend Spezialfahrzeuge, wäre dann noch ein Verbrennungsmotor zugelassen. Diese müssten entweder mit E-Benzin oder Biodiesel betankt werden.

Einen Makel allerdings hat diese schöne neue Welt. Bei einem Komplettverzicht auf fossile Energieträger müssten erneuerbare Energien die Lücke schließen – und die stehen hauptsächlich als Elektrizität zur Verfügung. Steigen Industrie und Privathaushalte fast vollständig auf Ökostrom um, müsste die EU nach Berechnungen der Kommission fast 150 Prozent mehr Strom produzieren, ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb müsse, so die Autoren der Studie, der Energieverbrauch überall radikal gesenkt werden. Ein Bruch mit vielen Lebensgewohnheiten und Annehmlichkeiten wäre unausweichlich. Für den Verkehrsbereich etwa bedeutet dies, mehr Wege müssten künftig zu Fuß oder auf dem Rad bewältigt werden. Aber selbst dann würde 2050 immer noch mindestens 35 Prozent mehr Strom gebraucht, um den Bedarf zu decken.

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Der Verkehrssektor hat bislang nichts zum Klimaschutz beigetragen, sein CO2-Ausstoß wuchs sogar. (Foto: iStock)