Energiewirtschaft
25.10.2019

Studie: Vier von fünf Kohlekraftwerke in Europa unrentabel

Foto: iStock
Angesichts der zunehmenden Unwirtschaftlichkeit von Kohlekraftwerken stellt sich die Frage nach der Rechtfertigung für Kompensationszahlungen für den Kohleausstieg.

Umweltauflagen, steigende CO2-Preise und erneuerbare Energien machen die Kohleverstromung zunehmend zum Minusgeschäft, analysiert der britische Thinktank Carbon Tracker. Vor allem in Deutschland drohen hohe Verluste.

Die Kohleverstromung rentiert sich nicht mehr und wird für europäische Energiekonzerne mehr und mehr zum Verlustgeschäft. Einer aktuellen Analyse zufolge sollen sie alleine dieses Jahr knapp 6,6 Milliarden Euro Miese einfahren. In Deutschland drohen die höchsten Verluste.

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Zu diesem Ergebnis kommt eine am 24. Oktober veröffentlichte Studie der gemeinnützigen britischen Denkfabrik Carbon Tracker. Demnach arbeiten vier von fünf Kohlekraftwerke (79 Prozent) in Europa bereits unprofitabel. Die Industrie sei ohne erhebliche Subventionen nicht überlebensfähig und könne im Preiswettbewerb mit den erneuerbaren Energien und den zumindest zeitweise niedrigen Gaspreisen nicht mehr bestehen, heißt es in der Analyse.

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„Das wird nur noch schlimmer“

Zusätzlichen Kostendruck auf die Kohle erwarten die Studienautoren durch schärfere Umweltauflagen der Europäischen Union, die ab 2021 strengere Standards zur Luftreinhaltung vorgibt. Steigende CO2-Preise könnten den Druck weiter erhöhen, eine Rückkehr zu höherer Rentabilität sei nicht in Sicht: „Das wird nur noch schlimmer“, sagt Matt Gray, Co-Autor der Studie.

Besonders hohe Verluste drohen dem Thinktank zufolge in Deutschland. Die Einbußen der Kraftwerksbetreiber könnten sich hierzulande dieses Jahr auf 1,9 Milliarden Euro summieren. In Spanien könnte sich das Minus auf 992 Millionen Euro belaufen, in Tschechien auf 899 Millionen, im Vereinigten Königreich auf 732 Millionen Euro.

Düsterer Ausblick für RWE – und den deutschen Steuerzahler

Besonders düster ist der wirtschaftliche Ausblick laut Carbon Tracker für RWE. Dem Essener Energieversorger drohen demnach 2019 Verluste in Höhe von 975 Millionen Euro, entsprechend 6 Prozent der Marktkapitalisierung. Die Autoren der Studie räumen indes ein, dass einige deutsche Kohlekraftwerke effizient wirtschaften und noch Gewinne einfahren.

RWE-Chef Rolf Martin Schmitz hatte Anfang des Jahres Kompensationszahlungen in Höhe von 1,4 Milliarden Euro je Gigawatt dafür gefordert, das sein Konzern im Zuge des deutschen Kohleausstiegs vom Netz nehmen soll. Hochgerechnet auf die kompletten Kohlekapazitäten der RWE müsste der deutsche Steuerzahler dem Unternehmen bis 2038 rund 19 Milliarden Euro überweisen, so die Kalkulation von Carbon Tracker.

Finanzierungsmodell für den Ausstieg

Um den Kohleausstieg europaweit zu beschleunigen, plädieren die Politikberater für ein Modell, in dem die Regierungen Darlehen aufnehmen, mit denen sie die Kraftwerksbetreiber quasi aus ihrem Geschäft herauskaufen. Die Darlehen sollen an die Betreiber weitergereicht werden unter der Auflage, dass sie damit die Schließung ihrer Werke bezahlen. Gleichzeitig sollen sie ihre erneuerbaren Kapazitäten ausbauen und mit den Erlösen aus dem Verkauf des Grünstroms das Darlehen zurückzahlen.

Carbon Tracker zufolge rechnet sich das, weil Regierungen zu besseren Konditionen Geld aufnehmen können als Unternehmen. Attraktiv wäre so ein Finanzierungsmodell insbesondere für osteuropäische Länder, die noch stark von der Kohleverstromung abhängig seien. Studien-Co-Autor Matt Gray: „Der Kohleausstieg ist preiswert und kann für Konsumenten und Aktionäre ein Gewinn sein.“

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Thomas Wischniewski
Keywords:
Kohlestrom | Energiekonzerne | Kohleausstieg
Ressorts:
Markets

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