Digitalisierung
24.01.2019

EWE rüstet sich mit Kundendaten für härteren Wettbewerb

Foto: EWE/David Hecker
Smart-Home-Services und ähnliche Dienstleistungen will EWE mithilfe von Kunden-Verbrauchsdaten weiterentwickeln.

Der Energieversorger EWE bereitet sich auf mögliche Herausforderer wie Google und Amazon vor. Das Unternehmen arbeitet an neuen Geschäftsmodellen rund um Kundendaten.

Der Oldenburger Energie- und Telekommunikationsanbieter EWE will die anschwellende Datenflut aus dem Markt nutzen, um neue Dienstleistungen zu entwickeln. EWE-Chef Stefan Dohler erwartet, dass er es im Wettbewerb künftig nicht nur mit großen Energieunternehmen wie Eon aufnehmen muss, sondern auch mit Datenkonzernen wie Google und Amazon. Noch existiere im Energiesektor keine zentrale Plattform, wie sie Google und Amazon in ihren jeweiligen Domänen geschaffen hätten, sagt Dohler im Gespräch mit bizz energy.  „Aber da gibt es ein riesiges Potenzial.“

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Mit der Einführung intelligenter Messsysteme in Haushalten und Unternehmen in den kommenden Jahren werden Energieunternehmen eine Fülle von Informationen über das Verbrauchsverhalten ihrer Kunden erhalten. In Dohlers Augen müssen Versorger  herausfinden, wie sie Kunden auf der Basis von Daten rund um den Energiebedarf Neues und Nützliches bieten können. Ein Service, den EWE bereits im Portfolio hat, ist eine „Energie-Cloud“, in der Hausbesitzer miteinander Strom austauschen können. Hier kooperiert das Unternehmen mit dem Massivhaus-Anbieter Viebrock.

Kannibalisieren erlaubt

Zur Datenstrategie der Oldenburger gehört auch die Gründung kleiner digitaler Unternehmen außerhalb der Konzernstruktur. Dohler will zulassen, dass deren Geschäftsmodelle EWE teils kannibalisieren. „Wir geben ihnen die Freiheit, neue Wege auszuprobieren und eigene Plattformen und Marken zu bauen“, sagt der Vorstandschef. Funktioniere ihr Geschäft gut, wolle man es ins eigene Portfolio integrieren und zum Teil bundesweit skalieren. Zu bereits bekannten EWE-Gründungen wie Waydo (Mobilität) und Be Storaged (Batteriespeicher) kamen zuletzt neue Projekte hinzu: das Nachbarschaftsportal „Wir von Hier“, die Vertragsmanagement-Plattform „Vertragsatlas“ und das Portal „Zita“, auf der sich Konsumenten zu Käufergruppen zusammenschließen können, um günstige Preise auszuhandeln.

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Technisch kommen Energieversorger ihren Kunden künftig sehr nah. Deren Verbrauchsverhalten ist mithilfe von Smart Meters und geeigneten Algorithmen voraussichtlich so genau einsehbar, dass sich beispielsweise ein Defekt in einer Waschmaschine frühzeitig erkennen und größerer Schaden vermeiden lässt. Hieraus könnten sich Kooperationsmöglichkeiten mit Versicherern ergeben.

„Sehr intime Beziehung“ zum Kunden

Im Umgang mit sensiblen Kundendaten sieht EWE, das sich überwiegend in kommunalem Eigentum befindet, seinen strategischen Vorteil: „Es gibt viele datengetriebene Anwendungen, die für Verbraucher wirklich sinnvoll sind“, sagt Dohler. „Aber kommen sie von einem Google oder Amazon, oder kommen sie von einem regionalen Energieversorger?“ Es werde eine „sehr intime Beziehung“ mit den Kunden entstehen, prognostiziert der EWE-Chef. „Als kommunaler Anbieter sind wir da in einer sehr glaubwürdigen Position.“

Als besonders ambitioniert und chancenreich beim Verbinden von Daten- und Energiedienstleistungen gilt Branchenexperten zufolge der Essener Eon-Konzern. EWE indes kann aus langjähriger Erfahrungen mit dem Internet- Telefonie-, Mobilfunk und Kabel-TV-Geschäft schöpfen.

Suche nach Investoren

Das Oldenburger Unternehmen betrachtet sich trotz eines Gewinnrückgangs um fast ein Viertel im Jahr 2017 als ausreichend liquide, um Investitionen in neue Geschäftsfelder zu stemmen. Zusätzliches Geld in die Unternehmenskassen spülen soll der Verkauf eines Minderheitsanteils an EWE von 26 Prozent an einen strategischen Investor. Es handelt sich dabei um ein Aktienpaket, das zuvor der Baden-Württembergische Energieversorger EnBW gehalten hatte. Zehn Prozent davon kaufte EWE bereits 2016 zurück, weitere zehn der EWE-Verband, in dem sich 21 Städte und Landkreise aus der Ems-Weser-Elbe-Region zusammengeschlossen haben.

In den kommenden zehn Jahren will der Versorger einen mehrstelligen Milliardenbetrag  investieren, allein 1,2 Milliarden Euro in den Glasfaserausbau. Außerdem plant EWE, eine dreistellige Millionensumme in den Ausbau der Onshore-Windenergie zu stecken. „Bei Energiedienstleistungen wie Mobilität und Vertriebsthemen werden wir dagegen eher auf Sicht fahren und dann investieren, wenn sich attraktive Potenziale auf dem Markt ergeben“, sagt der EWE-Chef.

Offshore wird Nebenschauplatz

Zusätzliche Liquidität soll auch der Verkauf des umstrittenen Türkei-Geschäfts bringen. EWE ist seit 2007 in dem Land am Bosporus aktiv, will sich aber wegen der schwierigen politischen Lage und des Verfalls der türkischen Lira von dort zurückziehen. Medienberichte, wonach das Türkei-Geschäft noch im ersten Quartal 2019 für rund 140 Millionen Dollar an den aserbaidschanischen Energieriesen Socar verkauft werden soll, will Dohler nicht kommentieren.

Weitere Geschäftsfelder könnte EWE eher auf lange Sicht veräußern: Da wäre zum einen die Windenergie auf See, die künftig weniger im strategischen Fokus stehen soll. Offshore spiele zwar eine wichtige Rolle, sei für EWE aber zu teuer, sagt der Unternehmenschef. „Wenn man aber nur in Nordeuropa bei Offshore-Wind eine führende Rolle spielen will, müsste man dafür jährlich Milliardenbeträge investieren.“ Ohne Zugang zur Börse sei dieser Weg für EWE aber versperrt.

Erdgasspeicher sind nach Dohlers Einschätzung ein weiteres für die künftige Unternehmensentwicklung weniger interessantes Geschäftsfeld. Deutschland werde ein sehr liquider Gasmarkt bleiben, sagt er mit Blick auf das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 und ein mögliches LNG-Terminal in Deutschland. Dies bedeute, dass die Preise für Gasspeicherung auf eher niedrigem Niveau blieben.

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Jutta Maier
Christian Schaudwet
Keywords:
EWE | Digitalisierung | Vertrieb
Ressorts:
Markets

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