Energiemarkt
19.07.2018

EWE: Entscheidung über Türkei-Geschäft naht

Foto: Pixabay/kadirkritik
Die Türkei galt lange als attraktiver Markt für ausländische Energieunternehmen. Doch die Wachstumsperspektiven trüben sich.

Der Energieversorger EWE will noch im Sommer klären, ob er sich aus der Türkei zurückzieht. Der Ausbau von Netz und Erneuerbaren zu Hause hat Vorrang.

Angesichts des Absturzes der türkischen Lira und der zunehmend autoritären Politik von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bewertet der norddeutsche Energieversorger EWE sein Geschäft in der Türkei neu. Noch im Sommer will der Vorstand die Überprüfung seiner Konzernstrategie abschließen. „In ein bis zwei Monaten sehen wir klarer“, sagt EWE-Sprecher Christian Blömer.

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Zur Debatte steht auch ein Rückzug: „Wir wollen wissen, welche Optionen wir in der Türkei haben“, so Blömer. In den vergangenen Monaten habe man den Markt auf mögliche Käufer für die türkischen EWE-Gesellschaften hin sondiert. Von einem Ausstieg über einen Teilrückzug bis hin zum Weitermachen sei alles denkbar.

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Sinkender Umsatz in der Türkei

Der fünftgrößte deutsche Energieversorger ist seit geraumer Zeit unzufrieden mit seinem schwächelnden Türkei-Geschäft. Im vergangenen Jahr sank der Auslandsumsatz, den EWE im Wesentlichen in der Türkei erwirtschaftet, um 14,3 Prozent. Negative Folgen der Wiederwahl Erdogans könnten die Erfolgsaussichten der Oldenburger nun weiter trüben. Die Ratingagentur Fitch hat die Türkei vergangene Woche auf die Wertung BB herabgestuft.

Erdogan hat sich für seine neue Amtszeit größeren Einfluss auf die Finanz- und Geldpolitik des Landes verschafft. Er ernannte seinen Schwiegersohn, den bisherigen Energieminister Berat Albayrak, zum Finanzminister. Ein neues Gesetz ermächtigt Erdogan zudem, exklusiv den Präsidenten und den Vizepräsidenten der türkischen Notenbank zu ernennen. Investoren befürchten, dass Erdogan der Notenbank nicht genügend Spielraum lässt, um dem Verfall der türkischen Währung und der steigenden Inflation etwas entgegenzusetzen.

Energiesektor unter Druck

Schon im April ließen Äußerungen von EWE-Chef Stefan Dohler anlässlich der Jahresbilanz 2017 daran zweifeln, dass die Türkei für den niedersächsischen Energie- und Telekommunikationsanbieter noch eine wichtige Rolle spielt. Investitionen kündigte Dohler vor allem für die Heimatregion an: 1,8 Milliarden Euro sollen in den Ausbau des Glasfasernetzes, die Installation smarter Stromzähler und in das Gasnetz fließen. Dazu kommen Investitionen in erneuerbare Energien, Stromspeicher und E-Mobilität. Auch im vergangenen Jahr investierte der Energie- und Telekommunikationsanbieter kräftig in den Breitbandausbau, in Offshore- und Onshore-Windenergie in Norddeutschland.

In der Türkei gerät die Energiebranche unter Druck: Den heimischen Unternehmen falle es immer schwerer, ihre hohen Kredite in Auslandswährungen zu refinanzieren, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf den Verband der türkischen Stromerzeuger. Aber die Versorger könnten wegen staatlicher Regulierung ihre Preise nicht erhöhen und damit die Lira-Schwäche ausgleichen. Die Preisgrenzen betreffen auch deutsche Energieversorger, die in der Türkei aktiv sind. Neben EWE sind das Eon, EnBW und Steag.

Was wird aus dem Polen-Geschäft?

EWE beschäftigt in der Türkei rund 1000 Menschen. Als das Unternehmen den Markt im Jahr 2007 mit der Übernahme lokaler Gasversorgungs- und -handelsunternehmen betrat, schien die Energiewelt dort noch in Ordnung, die Aussichten waren glänzend. Doch dann verschreckte Erdogan ausländische Investoren mit seinem autoritären Kurs und einer riskanten Strategie des Wachstums um jeden Preis.

Die EWE-Gesellschafter sind mehrheitlich norddeutsche Landkreise und Städte, die wenig Interesse an riskanten Auslandsabenteuern haben dürften. Falls der kommunale Energieversorger sich für einen Rückzug aus der Türkei entscheidet, könnte unter seinen Aktionären auch die Frage nach der Zukunft seines zweiten Auslandsengagements aufkommen: In Polen ist EWE seit 1999 in geringem Umfang als Gasversorger tätig. Auch die polnische Regierung agiert zunehmend autoritär.

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Christian Schaudwet
Keywords:
EWE | Türkei | Erdogan
Ressorts:
Governance | Markets

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