Digitalisierung
26.09.2018

Experten befürchten Aufschrei bei Smart-Meter-Rollout

Foto: Creative Commons
Das Smart-Meter-Gateway ist die zentrale Kommunikationseinheit eines Intelligenten Messsystems.

Smart Meter gelten als Hoffnungsträger für neue Geschäftsmodelle in der Energiewende. Doch die Einführung verzögert sich. Erwartet werden zudem Proteste der Verbraucher.

Noch immer prüft das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Der für 2017 angesetzte Rollout der intelligenten Messsysteme verzögert sich weiter wegen der fehlenden Zertifizierung der Smart Meter-Gateways. Grund sind die hohen Sicherheitsauflagen. Marktexperten rechnen inzwischen damit, dass die Zertifizierungen erst im kommenden Jahr abgeschlossen werden.

Anzeige

Anzeige

Die Energiebranche steht derweil unter Druck. 79 Prozent der Energieversorger sehen Smart Metering als wichtigstes Instrument der digitalen Transformation im Energiesektor an – so das Ergebnis der „Stadtwerke-Studie 2018“ des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young (EY). Doch die Branche bemängelt nicht nur die Verzögerung, sondern auch die mangelhafte Kommunikation für die Einführung der digitalen Hoffnungsträger.

Kundenutzen kaum beachtet

„Aus einer Kommunikationssicht und aus Sicht der Endkunden ist das eine komplette Katastrophe, was da passiert“, sagt Fabian Reetz, Leiter digitale Energiewende der Stiftung neue Verantwortung. Auf der Tagung „Digitale Energiewelt“ in Berlin kritisiert er, dass der Nutzen der Smart Meter für die Kunden kaum beachtet wurde. „Das wird dazu führen, dass wir bei der Einführung einen waschechten Shitstorm bekommen werden“, so der Experte.

Auch Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie bei der Verbraucherzentrale NRW, bemängelt die fehlende Kommunikation mit den Endkunden, die schließlich den Einbau der Geräte bezahlen müssen. „Da ist viel Verunsicherung bei den Verbrauchern – auch bei den einfachen, modernen Messeinrichtungen ohne Gateway“, sagt Sieverding. Nach seinem Eindruck will das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) beim Thema Smart Meter mit dem Kopf durch die Wand. „Das einzige, was zwischenzeitlich geändert wurde, war die Argumentation, warum man das Ganze macht: Am Anfang war es die Energieeinsparung, dann die Systemstabilität und der Netznutzen“. Letztlich stünden hinter dem Pflicht-Rollout aber die Interessen der Smart-Meter-Hersteller, die mit Millionen-Investitionen in Vorleistung gegangen seien und das nur mit großen Stückzahlen wieder rausbekämen.

Kleinerzeuger rausnehmen

Das 2016 in Kraft getretene „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“ sieht vor, Haushalte und andere Verbraucher ab 6.000 Kilowattstunden Stromverbrauch pro Jahr sowie Erneuerbare-Energien- und KWK-Anlagen ab sieben Kilowatt Leistung mit einem intelligenten Messsystem auszustatten, sobald dies technisch möglich und wirtschaftlich vertretbar ist. Sieverding ist dagegen, dass Anlagen mit sieben Kilowatt überhaupt mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet werden müssen. „Wir haben im EEG die Zehn-Kilowatt-Grenze und es wäre naheliegend, hier auch analog auf zehn Kilowatt zu gehen“, so der Verbraucherschützer. Photovoltaik-Anlagen bis zehn Kilowatt Leistung, wie sie auf Wohnhäusern üblich sind, gelten als Kleinanlagen und sind von der EEG-Umlage befreit.

Sieverding möchte insgesamt kleine Prosumer vom Smart-Meter-Rollout verschont sehen: Zwar gebe es durchaus sinnvolle Anwendungen für die Technik und alle, die die Geräte haben wollen, sollen sie auch bekommen. „Aber die anderen, die lasst bitte in Ruhe damit“. Die gründliche Prüfung der Zähler durch das BSI bewertet Sieverding hingegen positiv: „Man hat dann einen Standard, der in Bezug auf Datensicherheit fast weltweit beispielgebend ist.“ Dies könnte auch neuen Geschäftsmodellen helfen, die er vor allem ab dem Jahr 2021 erwartet, wenn die ersten Erzeugungsanlagen aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) fallen. Das werde den Markt beflügeln.

Hürden für neue Geschäftsmodelle

Auch Fabian Zuber von Commetering erwartet zahlreiche neue digitale Geschäftsmodelle, für die Smart Meter benötigt werden. Sein Start-up will kleinen Photovoltaik-Anlagenbetreibern auf dem Weg helfen. „Wir haben das Dilemma, dass der Smart-Meter-Rollout zu einem Aufschrei führen wird“, sagt Zuber. „Aber zeitgleich schwappt eine riesige Welle von Geschäftsmodellen auf den Markt.“  Von den großen Energieunternehmen bis zu den kleinen Genossenschaften wollten alle Richtung Community-Modelle, Bürgerstrom, Peer-2-Peer-Handel, Sektorkopplung, Elektromobilität oder Speicher-Einbettung gehen.

Doch die politischen Voraussetzungen fehlten bislang, beispielsweise eine Reform des Abgaben- und Umlagesystems – da sind sich die Diskutanten einig. Derzeit ist Strom im Vergleich zu Heizöl oder Gas hoch besteuert, was eine auf Strom basierende Energiewende behindert. „Doch so lange sich unsere Regierung Grundsatzfragen wie der Reform der Abgaben und Umlagen nicht stellt, werden auch die Geschäftsmodelle für die Energiewirtschaft relativ begrenzt bleiben“, sagt Fabian Reetz von der Stiftung Neue Verantwortung.

Lesen Sie auch: Smart Meter müssen Blockchain-fähig sein

Carsten Kloth
Keywords:
Smart Meter | Digitalisierung
Ressorts:
Technology

Kommentare

Die Steuer auf Strom ist nicht höher als die auf Gas, auch wenn es immer wieder behauptet wird. Im Gegenteil, sie ist geringfügig niedriger (s. Bundesnetzagentur). Teuer ist Strom durch andere Abgaben, die jedoch technisch begründet sind (Netzentgelt, EEG-Umlage). Beides ist jedoch technologiebedingt und darf daher nicht verallgemeinert werden. Sonst sind wir wieder in den 70er Jahren, wo die Stadtwerke auch schon mal versucht haben, alles mit gefördertem Strom zu lösen. Das werden wir uns weder wirtschaftlich noch ökologisch leisten können. Die Energiewende war für das bisher erreichte (leider ein kaum reduzierter CO2-Ausstoss) viel zu teuer.

Neuen Kommentar schreiben

 

bizz energy
Winter 2018/2019

Die aktuelle Ausgabe gibt es ab sofort bei unserem Abonnentenservice unter bizzenergy@pressup.de

Das E-Paper ist erhältlich bei iKiosk oder Readly.

 
 

bizz energy Research

Energie, Digitalisierung und Mobilität.
Unsere Factsheets bieten visualisierte Daten, liefern Fakten und stellen Zusammenhänge zu den Top-Themen der Energiewende dar.


Mehr Informationen