Öl und Gas
10.07.2014

Fahrt ins Blaue

Titelbild: Statoil

Russen und Norweger wittern in der Arktis reiche Beute. Mit Milliardeninvestitionen wollen sie riesige Öl- und Gasvorkommen im Polarmeer erschließen. Dabei ist die Bohr- und Fördertechnik kaum erprobt – und Forscher entdecken im Eis immer mehr Gefahren.

 

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Nach monatelanger Dunkelheit kündigt sich der Polarsommer in der Arktis mit einem grandiosen Farbspiel an. Plötzlich tritt die Silhouette schneebedeckter Berge aus der Finsternis hervor. In klarem Blau erheben sich die Gletscher über dem Fjord. Die schrägen Strahlen des ersten Lichts tauchen die Bergkuppen in ein zartes Rosa. Mit jedem Tag steigt die Sonne höher, und schon nach wenigen Wochen wird sie die Eiswüste fluten und die Arktis in eine übersichtliche Schneelandschaft verwandelt haben; Satelliten können sie jetzt überwachen, und Geologen können sie erkunden.   

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Russlands Präsident Wladimir Putin gab im Dezember 2013 den Startschuss, sein Staatskonzern Gazprom nahm vor der russischen Küste die erste Ölförderstation in einem arktischen Eismeer in Betrieb. „Wir haben das erste Gläschen Öl des Prirazlomnaja-Felds gekostet“, schwärmt Anton Vasiliev, Putins Sonderbotschafter für Arktische Kooperation. Und er verspricht: „Wir werden noch viel mehr davon genießen können.“

Vasiliev spricht diese Worte auf einer Konferenz in Tromsø, der hübschen Hafenstadt ganz im Norden von Norwegen. Veranstalter ist Intsok, eine Interessenvereinigung norwegischer Öl- und Gasunternehmen. Sie hat ihre Energiepartner aus Russland eingeladen, um Pläne zu schmieden. Für die Konferenzteilnehmer sind die norwegisch-russische Barentssee, die russische Karasee und das russische Ochotskische Meer Industriegebiete. Powerpoint-Präsentationen beschreiben eine Zukunft, in der es von Förderplattformen für Öl und Gas wimmelt, flankiert durch ein Netz aus Schifffahrtsrouten für Rohstofftransporte und Öltanker. Die Stimmung ist überschwänglich. „Die technischen Meilensteine der modernen Welt sind Gagarins Flug in den Weltraum und die Mondlandung“, sagt Erik Gulbrandsen vom norwegischen Anlagenhersteller Kværner. „Der dritte Meilenstein, das wird der Schritt in die Arktis sein.“

Solche Worte lassen Umweltschützer schaudern. Greenpeace wirft Gazprom veraltete Fördertechnik, unzulängliche Unfallverhütung und die Ausbeutung der hochempfindlichen Natur im Nordpolarmeer vor. Doch die Proteste verpuffen bisher: Greenpeace wollte am 1. Mai einen russischen Tanker am Löschen von arktischem Öl im Hafen von Rotterdam hindern – und scheiterte. Eine spektakuläre Greenpeace-Aktion endete 2013 mit wochenlanger Haft der Aktivisten in einem russischen Gefängnis.

Dabei ist die Situation dramatisch: Die arktische Eisdecke ist 2012 auf ein Rekordtief von 3,4 Millionen Quadratkilometern geschrumpft, berichtet die Unep, das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, in ihrem Jahresbericht. Vor 20 Jahren war die Fläche noch doppelt so groß. Die rasante Schmelze zieht die Rohstoffbranche magisch an. 30 Prozent des bislang unentdeckten Erdgases sollen in der Arktis liegen, schätzt der Geologische Dienst der USA – das meiste davon offshore, unter dem Grund der Polarmeere. Beim Erdöl sind es demnach immerhin 13 Prozent.

Jetzt wollen die Ölriesen Exxon Mobil aus den USA und Rosneft aus Russland den Schritt ins tosende Polarmeer wagen. Ihr Plan, dort noch in diesem Jahr eine gemeinsame Förderanlage zu eröffnen, ist kühn. Im Polarmeer herrschen monatelange Dunkelheit und lebensfeindliche Kälte, arktische Stürme, dichte Nebelwände, driftende Eisberge, Wetterumschwünge.

Auch die bisherigen Erfahrungen sind nicht gerade ermutigend. Schwimmende Bohrstationen waren nicht sonderlich arktistauglich. Im Dezember 2011 starben 53 Menschen, als die russische Ölbohrinsel Kolskaya im Ochotskischen Meer sank. Der Shell-Konzern legte sein Erkundungsprogramm in Alaska auf Eis, nachdem die Bohrinsel Kulluk in den Dezemberstürmen des Jahres 2012 auf Grund gelaufen war und die Sicherheitsstandards von US-Inspektoren als „nicht ausreichend“ kritisiert wurden. Umweltschützer warnen vor einem Ölteppich in eisbedeckten Gewässern – der Todesstoß für ein einzigartiges Ökosystem, das sich bei Minustemperaturen nicht regenerieren kann. Denn das Eis der arktischen Meere erhöht nicht nur die Unfallgefahr. In den Wintermonaten, bei klirrendem Frost, Packeis und Dunkelheit, könnten die Rettungsteams womöglich nicht einmal zur Unfallstelle vordringen – und das über Wochen und Monate. 

Doch auch ökonomische Zweifel bestehen. 2006 schätzte die Internationale Energieagentur in Paris die Öl- und Gaserschließung in der Arktis erst als rentabel ein, wenn die Förderkosten je Barrel unter 44 Euro liegen. Der Ölpreis ist seitdem geklettert. In der Praxis übersteigen die Kosten diesen Betrag nach Schätzung der industrienahen Umweltorganisation WWF um das Drei- bis Fünffache. 

Die Industrie verweist gerne auf ihre Offshore-Erfahrung in der Barentssee, wo der norwegische Staatskonzern Statoil seit Jahrzehnten weitgehend unfallfrei Öl und Gas fördert. Allerdings wärmt dort der Golfstrom das Wasser. Bohren zwischen Treibeis und driftenden Eisbergen ist auch für Statoil neu. 

Trotzdem wollen sich Norwegen und Russland gemeinsam ins Eiswasser vorwagen. Ein im Mai 2012 geschlossenes bilaterales Abkommen sieht die weitere Erschließung der Barentssee vor. Im Ochotskischen Meer vor Russlands Ostküste, nahe Japan, wo das Wasser nur im Sommer eisfrei ist, sollen 2016 Probebohrungen beginnen. „Wenn wir noch einen Schritt weiter in die Arktis gehen wollen, dann müssen wir unsere Technologie weiterentwickeln und unsere Kenntnisse vertiefen“, sagt Statoil-Manager Terje Dahl. 

Mit der Erschließung des Standorts Perseevsk im russischen Teil der Barentssee wollen Rosneft und Statoil ab 2020 beginnen. „Rein physikalisch könnten wir zwar schon morgen anfangen. Aber das Risiko durch Extremklima und Eis ist hoch. Darum werden wir erst ganz zum Schluss entscheiden, ob wir dort tatsächlich bohren oder nicht.“ Dahl hofft, dass Statoil bis 2020 eine Lösung für das Eisproblem parat hat: Förderanlagen, die sich am Meeresgrund befinden. „Vor zehn Jahren konnten wir von so etwas nur träumen. Heute ist es Realität, an verschiedenen Standorten der Welt.“ Erfahrungen sammelt Statoil auf dem Gasfeld Snøhvit, wo die Förderanlagen auf dem Grund der eisfreien Barentssee verankert sind. Und bei Oslo gibt es die Wissenschaftsstadt „Subsea Valley“. Dort forschen 200 Unternehmen, fast alles Statoil-Zulieferer, an der Verlegung von Hightech-Bohranlagen auf den Meeresgrund. Ob diese aber eistauglicher sein werden als schwimmende Bohr- und Förderstationen, das muss sich zeigen. Denn am Meeresgrund lauern neue Gefahren: Erdrutsche und Eisunterspülungen können den Untergrund destabilisieren, Eisberge Druck auf Pipelines und Unterwasserkonstruktionen ausüben.

Doch es gibt noch ganz andere Schwierigkeiten. Und die haben nichts mit Geld oder Technik zu tun. US-Präsident Barack Obama hat wegen der Ukraine-Krise Ende April den Chef des russischen Ölmultis Rosneft, Igor Setschin, auf die Embargoliste setzen lassen. Setschin ist damit zur Persona non grata bei all jenen geworden, die es sich mit den USA nicht verderben wollen. Und dazu gehören ganz bestimmt Rosnefts Polar-Partner Statoil, Italiens Eni sowie Exxon Mobil. Nur dank des Know-hows der Westkonzerne ist Setschin in der Lage, sein Arktis-Projekt voranzutreiben. Wird der US-Bann nicht schleunigst aufgehoben, dürfte die Ukraine-Krise die Polarmeer-Exploration verzögern, vielleicht sogar ganz zunichte machen. 

An der Westküste Spitzbergens – 1.300 Kilometer nördlich des Konferenzortes Tromsø – peitscht ein schneidender Wind die Wasseroberfläche zu Gischt und lässt die Wellen an der Steilküste zerschellen. Hier, wo der mächtige Meeresarm der Barentssee tief ins Innere der Inselgruppe vorgedrungen ist, kann man die archaische Kraft der Polarmeere erahnen. Auf die Arktis spezialisierte Nachwuchskräfte werden von der Rohstoff- und Schifffahrtsindustrie gesucht. Wohl auch deshalb haben die Universitäten von Oslo, Bergen und Tromsø ausgerechnet auf Spitzbergen eine gemeinsame Außenstelle gegründet. Das Universitätszentrum Unis in Spitzbergens Verwaltungszentrum Longyearbyen ist die nördlichste Hochschule der Welt. Hier können angehende Biologen, Geologen, Physiker und Ingenieure unter polaren Realbedingungen forschen. 

Am Lehrstuhl „Arktische Technologie“ bereiten sich angehende Ingenieure, Konstrukteure und Wissenschaftler auf das arktische Wagnis vor. Professor Aleksej Marchenko gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Eismechanik. Zusammen mit seiner Ehefrau Natalja, die ebenfalls am Lehrstuhl angestellt ist, betreut er viele Forschungsprojekte. An hochwertiger Laborausstattung herrscht kein Mangel. Was das staatliche Forschungsbudget nicht hergibt, das bezuschusst die Rohstoffindustrie. 

Aus einer Zimmerecke wuchtet Marchenko ein zylinderförmiges Gerät hervor, dessen Hightech-Innenleben unter anderem einen GPS-Peilsender birgt. Marchenko hat ihn per Hubschrauber auf einer Eisscholle in der Barentssee ausgesetzt. Drei Monate lang haben die Box und weitere Sender Daten über den Zickzackkurs von Treibeis geliefert, mitsamt aller Zusammenstöße, Wasserwirbel und Strömungen. Über das Ergebnis geriet der Professor ins Staunen: Die mittlere Geschwindigkeit von Treibeis liegt bei über einem Meter pro Sekunde, bisweilen sogar bei anderthalb Meter. „Das ist ein ganz schönes Tempo für eine Eisscholle, die bis zu einem Meter dick sein kann.“

Wie viel zerstörerische Kraft kann Treibeis entfesseln, wenn es auf Stahlkonstruktionen oder Schiffswände trifft? Natalja Marchenko nutzt zur Beantwortung der Frage den empirischen Ansatz. Fast 100 Schiffsunfälle der vergangenen Jahrzehnte hat sie untersucht. „Eis ist eine mächtige Kraft, und die Natur ist unbeherrschbar“, lautet ihr Fazit. Auch 2013 gab es heftige Zusammenstöße. Im Dezember etwa konnte die Crew nur knapp eine Ölhavarie verhindern, als das russische Schiff Akademik Schokalskiy im Eis der Antarktis stecken blieb. „Eisbrecher wurden in den Rettungseinsatz geschickt. Und was geschieht? Die frieren ebenfalls fest!“ Die Menschen waren der Naturgewalt des Eises ausgeliefert – und wurden nur durch eine andere Naturgewalt gerettet: Tosender Wind brach das Eis. 

Solche Erlebnisse taugen als Menetekel. Aber die Erkundung des Nordpolarmeers geht weiter. Bis zu 100 Milliarden Euro werden in der kommenden Dekade dort in die Gewinnung von Rohstoffen investiert, schätzt der Londoner Versicherungsriese Lloyd’s. Lloyd’s gab eine Studie mit dem Titel „Die Erschließung der Arktis – Möglichkeiten und Risiken“ in Auftrag. Die Ergebnisse verkündete Konzerndirektor Richard Ward im April 2012 auf einer Pressekonferenz in Oslo: Lloyd’s werde solche Projekte nicht versichern – weder Erschließungs- und Ausbeutungsarbeiten, noch Infrastruktur wie Pipelines, Straßen oder Häfen. 

Wards für die Energiebranche schockierende Begründung: „Unsere Fähigkeit der Risikobeherrschung ist nicht ausreichend.“ Sicher ist seither nur: „Die Arktis kann nicht versichert werden.“

 

 

Andrea Rehmsmeier ist eine ausgewiesene Russland-Expertin und arbeitet auch für Die Zeit und den Deutschlandfunk. Für uns besuchte sie Spitzbergen, sprach mit Forschern und Managern – und zitterte bei Motorschlittenfahrten im arktischen Dämmerlicht vor dem Brüllen der Eisbären.

Andrea Rehmsmeier
Keywords:
Barentssee | Arktis | Öl | Gas | Statoil | Rosneft | Exxon | Fossile Energie
Ressorts:
Technology

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