Heizen und dämmen
14.12.2017

Deutschland verheizt sich – höchste Zeit für die Wärmewende

Illustration: Axel Völcker

In deutschen Kellern heizen 15 Millionen alte Kessel, doch die Sanierungsraten dümpeln vor sich hin. Einfachere Gesetze und Steueranreize könnten den Einbau neuer Technologien anschieben.

Die meterhohen Metallkessel der Berliner Gasag sind blitzeblank poliert, die sie verbindenden Rohre mit violett- und pinkfarbenem Licht angestrahlt. „Sind wir denn eigentlich verrückt?“, fragt Frank Mattat, Geschäftsführer der Gasag-Konzerntochter für Energielösungen. In Deutschland seien um die Energiewende Kämpfe geführt worden, viel Geld und Engagement sei hineingeflossen. „Und heute werden Erneuerbare nicht selten ganz oder teilweise abgeregelt, weil wir keine Stromnachfrage haben“, sagt Mattat.

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Die Gasag-Anlage auf dem Berliner Forschungs-Campus Euref soll einen Weg aus diesem deutschen Energiewende-Dilemma zeigen, aus der Überproduktion von Wind- und Solarstrom. Deutschlands erste „Power-to-Heat“ und „Power-to-Cool“-Anlage läuft seit Oktober, die Betreiber sprechen von einer „Energierevolution“. Mattat vergleicht sie mit einem Tauchsieder.

Wie eine Thermoskanne

Konkret macht sie Wärme und Kälte aus überschüssigem Wind- und Sonnenstrom, der im Berliner Umland erzeugt wird. Die Anlage praktiziert damit Sektorkopplung, nutzt also grünen Strom für die Wärmeversorgung. Wie in einer Thermoskanne speichern die beiden Kessel Wärme und Kälte und geben sie bei Bedarf ab. Damit beheizen sie die Gebäude des Euref-Campus und kühlen seine Server-Anlagen.

Zur Netzstabilisierung hat die Gasag ein mit Biogas beheiztes Blockheizkraftwerk angeschlossen. „Wir reden zu oft davon, wie es nicht geht“, sagte die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop bei der Eröffnung der Anlage. „Hier zeigen wir, wie es geht.“ Und das Energie-Ensemble soll kein Leuchtturmprojekt hinter Glastoren bleiben. Für Mattat ist es eine Blaupause für die energetische Versorgung von Forschungsstandorten, industriellen Anlagen, Universitäts- und Krankenhauskomplexen, aber auch von ganzen Stadtquartieren. Letztere könnten einen Beitrag zur Energiewende leisten, wenn sie zugleich als Verbraucher, Erzeuger, Speicher und Netzstabilisator agieren.

Schlafender Riese der Energiewende

Nicht nur Berlin, die gesamte Bundesrepublik braucht mehr Effizienz im Gebäudesektor, um die Energiewende zu schaffen. Der Wärmemarkt ist verantwortlich für rund 40 Prozent der energiebedingten CO2-Emissionen und wird wegen seines Potenzials auch als schlafender Riese bezeichnet. Doch alle Weckversuche scheiterten bisher: Die Sanierungsrate stagniert bei unter einem Prozent, Förderprogramme der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) verpuffen.

Fossile Energien erzeugen immer noch 90 Prozent der Wärme und Kälte bei Gebäuden. In den Heizungskellern schlummern 15 Millionen Kessel, die älter als 20 Jahre sind. Dabei drängt die Zeit mehr denn je: Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, muss Deutschland seinen CO2-Ausstoß bis 2020 um mindestens 40 Prozent und bis 2050 um 80 Prozent gegenüber 1990 senken. Wichtige Stellschrauben für die neue Bundesregierung wären Steueranreize für Sanierungen und den Einbau neuer Technologien, eine Vereinfachung der komplizierten Gesetzeslage sowie ein Mindestpreis für CO2, der jedoch  auf europäischer Ebene eingeführt werden müsste.

Deutschland droht Blamage

Ohne kräftiges Gegensteuern – vor allem auch im Wärmemarkt – wird die Bundesrepublik bereits das Ziel für 2020 um zehn Prozent verfehlen, hat der Think-Tank Agora Energiewende errechnet. „Deutschland hat sich als Treiber der Energiewende positioniert, dafür bedarf es aber der Bündelung aller Kräfte“, sagt Gasag-Chefin Vera Gäde-Butzlaff. „Damit wir uns nicht international blamieren und unsere wichtigen Ziele erreichen, muss die künftige Regierung das Thema jetzt massiv vorantreiben.“ Schließlich könnten alle Beteiligten wirtschaftlich von den nötigen Modernisierungen profitieren. „Die Energiewende ist ein unternehmerisches Paradies“, sagt Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur Dena. „Es ist für jeden etwas zu holen.“ Dafür müsse die Politik jedoch die richtigen Akzente setzen. ...

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Carsten Kloth
Jutta Maier
Keywords:
Wärmemarkt | Wärmewende | Power-to-Heat | Wärmedämmung
Ressorts:
Governance | Markets

Kommentare

Der Artikel beklagt die schleppenden Fortschritte in der #Wärmewende. Dabei ist offensichtlich, dass eben nicht nur die Kohlekraftwerke das Klima belasten. Wenn nun aber der Ersatz der 15 Millionen alten Kessel nur mit Wärmepumpen und direktem #Power-to-Heat erfolgen sollte, würde das den Stromverbrauch im Winter beträchtlich nach oben treiben und das Abschalten von Kohle- und Atomkraftwerken weiter erschweren.
Das #Blockheizkraftwerk ist die logische Komplementärtechnik zu Power-to-Heat, fehlt aber in den Keywords zum Artikel. Letztlich rechnen sich BHKW aber nur in größeren Einheiten, wie z. B. in der erwähnten Anlage der Gasag.
Die #Solarthermie hat dagegen bei vielen Millionen fossilen Kesseln das Potenzial, mit vertretbaren Kosten deren Brennstoffverbrauch und CO2-Emissionen um mehr als 30% zu vermindern. Das ist kurzfristig umsetzbar und belastet nicht die Energiewende im Strombereich.
Aber solange Artikel zum #Wärmemarkt diese Chance nicht einmal erwähnen, ist er ganz offensichtlich fehlgesteuert.

Danke für Ihren Beitrag. Der Artikel ist nur ein Auszug, der vollständige Text (z.B. als E-Paper bestellbar) geht unter anderem auch auf Kraft-Wärme-Kopplung ein.

Die Redaktion

Wir benötigen im Winter die meiste Energie wenn die Sonne nicht scheint, weder für Photovoltaik, noch für Solartermie. Kleinwindanlagen würden mit geringem Aufwand mindestens die Grundlast decken. Nur ein Beispiel, aber es zeigt das bei Thema Energiewende jeder nur seine eigene Lobby stärkt.

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