Wärmewende
29.05.2019

Fernwärme: Netze ausbauen – Gas bei KWK vermeiden

Foto: Pixabay
Fernwärme aus Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) gilt als effizient.

Der Kohleausstieg hat auch Folgen für die Wärmewende, denn die Abwärme vieler Kohlekraftwerke wird mit Kraft-Wärme-Kopplung genutzt. Anstatt auf Gas, sollte lieber gleich auf Erneuerbare umgerüstet werden, meint der BEE.

Bis spätestens zum Jahr 2038 soll in Deutschland Schluss sein mit der Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle. Das betrifft auch eine Technologie, die bisher als Klimaschützer gehandelt wurde: die Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). KWK-Anlage nutzen die Abwärme von Heizkraftwerken. Doch woher soll die Wärme kommen, wenn keine Kohle mehr verbrannt wird?

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Die Kohlekommission empfiehlt, bis zum Jahr 2026 die weitere Umstellung von Kohle- auf Gas-KWK attraktiver zu machen und die „Kompatibilität mit grünen Gasen“ zu fördern. Kohle-KWK-Anlagen sollten zu „flexiblen Strom-Wärme-Systemen“ entwickelt werden. Dazu gehören auch Speicher, Fernwärmenetze, Wärmepumpen, Power-to-Heat-Anlagen und Solar- und Geothermie.

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Umrüsten auf Gas nicht sinnvoll

Doch dieser Vorschlag stößt nicht überall auf Gegenliebe: „Wir glauben, dass das reine Umrüsten auf Gas langfristig weder ökonomisch noch klimapolitisch sinnvoll ist“, sagt Nils Weil, Referent für Erneuerbare Wärmepolitik und Wirtschaft beim Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) im Gespräch mit bizz energy. Wo möglich, solle direkt auf Erneuerbare umgestiegen werden. „Derzeit haben wir einen Anteil von knapp 20 Prozent Erneuerbaren an der Fernwärme, die Abfallverbrennung nicht mitgezählt sind es nur zehn Prozent. Wir sind erst am Anfang“, so Weil.

Die Wärme, die bei der Verbrennung von Kohle, Gas, Öl oder auch Biomasse entsteht, wird über Fernwärmenetze für Gebäude genutzt. Dem Umweltbundesamt zufolge kamen 2016 noch über 20 Prozent der Netto-Wärmeerzeugung aus Kohlekraftwerken, 45 Prozent aus Gaskraftwerken und nur 20 Prozent aus Biomasse. Deshalb seien alle erneuerbaren Technologien nötig, um die Klimaziele zu erreichen, sagt Weil: „Solarthermie, Geothermie, Biomasse, Großwärmepumpen haben alle Potenzial.“

Wärmenetze schnell ausbauen

Welche Technologie im Gebäudesektor welche Rolle spielen könnte, untersucht ein Projekt des Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE). „Gebäudewärme ist ein entscheidender Hebel für Klimaschutz“, sagte Projektleiter Norman Gerhardt vom IEE bei einer Präsentation des ersten Teilberichts der Studie auf den Berliner Energietagen vergangene Woche.

Für die Studie haben die Wissenschaftler modelliert, wie sich das Sektorziel im Gebäudebereich im Jahr 2030 und Klimaneutralität bis 2050 möglichst kostengünstig erreichen lässt. Ein entscheidendes Ergebnis: Neben Luft-Wärmepumpen, die für Einfamilienhäuser besonders wichtig seien, sei ein schneller Ausbau der Wärmenetze nötig.

Verlagerung der Stromkosten nötig

Bis zum Jahr 2030 soll der Studie zufolge der Anteil von Fernwärme am Endenergieverbrauch von derzeit 11 Prozent auf 37 Prozent steigen. Damit das klappt, müssten die Netze sechs- bis siebenmal schneller ausgebaut werden als bisher. Dann könnten auch große KWK-Blockheizkraftwerke, die auf Gas beruhen, einen kleineren Anteil an der Wärmeversorgung haben. Dazu müsse aber die erneuerbare Wärme ausgebaut werden.

„Es gibt genug Erneuerbare Energien zur Versorgung dieser Netze“, versicherte Gerhardt. Insgesamt, zu diesem Schluss kommen auch die Wissenschaftler, sei ein Mix verschiedener Technologien notwendig. Um erneuerbare Wärme wirtschaftlicher zu machen, reiche ein CO2-Preis alleine nicht aus, mahnte Gerhardt. „Es ist eine Verlagerung von Stromkosten auf Gas und Öl nötig.“

Alle wollen CO2-Bepreisung

Auch der Bundesverband Erneuerbare Energien stellte zusammen mit dem Energieeffizienzverband AGFW und dem Zusammenschluss von acht Stadtwerken 8KU auf den Energietagen gemeinsame Forderungen zur Wärmewende vor. Alle wollen eine CO2-Bepreisung in den Sektoren außerhalb des EU-Emissionshandels: „Der systematische Wettbewerbsnachteil von Erneuerbaren Energien gegenüber fossilen Brennstoffen muss aufgelöst werden“, sagt Weil.

Deshalb brauche es einen nationalen CO2-Preis. „Für die Fernwärme müssen die Anreize zur Einbindung von erneuerbarer Wärme gestärkt werden.“ Außerdem solle der Umstieg auf Gas nicht gefördert werden, der auf Erneuerbare aber schon.

Gebäudeenergiegesetz vorgelegt

Dass ein CO2-Preis grundsätzlich sinnvoll ist, scheint auch Thorsten Herdan, Leiter der Abteilung für Energiepolitik im Bundeswirtschaftsministerium zu glauben: „Es ist sinnbefreit, etwas nicht haben zu wollen, also CO2, aber keine Anreize zu setzen, dass der Markt Kräfte entwickelt, dieses nicht zu wollen“, druckste er sich auf den Energietagen um eine Zustimmung herum. Das Klimakabinett werde sich damit beschäftigen und „wahrscheinlich schon zu dem Schluss kommen, dass es mit dem Markt einfacher ist, als wenn wir etwas zu Tode fördern“, sagte Herdan.

Allerdings bat Herdan um Zeit: Eine so gigantische Reform müsse man so hinbekommen, dass man nicht „das Kind mit dem Bade ausschüttet.“ Zumindest der Referentenentwurf für das lange angekündigte Gebäudeenergiegesetz liegt derweil endlich auf dem Tisch. Bereits vor mehr als zwei Jahren wurde das neue Gesetz angekündigt, dann aber in der vergangenen Legislatur beerdigt. Das Bundeswirtschaftsministerium hat den Entwurf nun veröffentlicht und zu Anhörungen von Ländern und Verbänden eingeladen. Er führt das Energieeinsparungsgesetz, die Energieeinsparverordnung und das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz in einem Gesetz zusammen. Die Deutsche Umwelthilfe und der Bundesverband Erneuerbare Energie kritisieren ihn als unzureichend – im Wesentlichen schreibe der Entwurf den Status Quo fest. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft erkennt immerhin ein Bekenntnis zur Zukunftsfähigkeit von Wärmenetzen.

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Friederike Meier
Keywords:
Fernwärme | Wärmewende | Kraft-Wärme-Kopplung
Ressorts:
Technology

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