Catherine Mitchell hat einen sehr menschlichen Grund für das Beharrungsvermögen der fossilen Energiegewinnung ausgemacht: den Mann. Die Dominanz von Männern, „insbesondere älteren weißen Männern, bremst die Transformation der Energiewirtschaft“, sagte die Professorin für Energiepolitik an der Universität Exeter kürzlich der Zeitung „The Guardian“. Fehlende Geschlechterdiversität mache die Branche weniger offen für neue Ideen und einen Wandel zu CO2-ärmerer Energieerzeugung.



Die Wissenschaftlerin lieferte zwar keine konkreten Belege für ihre Einschätzung, verwies aber auf einen deutlich höheren Frauenanteil in innovativen, klimafreundlicheren Unternehmen der Energiewirtschaft als in solchen mit fossiler Stromerzeugung. Laut „Guardian“ gibt es in nahezu zwei Dritteln der 89 führenden britischen Energieunternehmen keine weiblichen Vorstandsmitglieder.

 

Exotenstatus auf Energiekongressen

 



In den Cheftagen deutscher Energieunternehmen sind Frauen ähnlich selten. Managerinnen wie Hildegard Müller (Vorstand Netz und Infrastruktur bei Innogy), Gabriele Ehrlich (Arbeitsdirektorin bei Vattenfall Deutschland) und die scheidende Chefin des Berliner Energieversorgers Gasag, Vera Gäde-Butzlaff, haben auf den Podien von Energiekongressen Exotenstatus.

 



Nicole Elert, die in Deutschland das Branchennetzwerk „Women & Energy“ koordiniert, fällt zwar kein so harsches Urteil wie Mitchell. Aber auch die Arbeitsrechtlerin der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) betrachtet ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis als Erfolgskriterium für die Energiewende: „Größere Diversität kann die Energiewirtschaft dabei definitiv nach vorne bringen“, sagt Elert im Gespräch mit dem Magazin bizz energy.

 

Mehr Innovationsfähigkeit

 

Ein bunterer Mix aus Männern und Frauen, Jungen wie Alten, verschiedenen Kulturen, Arbeits- und Sichtweisen sei gut für die Innovationsfähigkeit, so Elert. Und nur ein innovativer Energieversorger sei fähig, entscheidende Trends früh genug aufzuspüren: „Je diverser die Teams, desto schneller erkennen sie, wenn sich das Verhalten der Kunden aufgrund technologischer Evolution ändert“, sagt Elert, die das Energie-Frauennetzwerk 2010 gegründet hat.


 

„Women & Energy“ zählt inzwischen zwar rund 900 Teilnehmerinnen, doch verglichen mit großen, männlich dominierten Netzwerken der deutschen Energiewirtschaft sind sie nur eine kleine Schar. Eine PwC-Studie im Jahr 2014 ergab, dass der Frauenanteil an den Spitzen der Energieunternehmen (Vorstand, Geschäftsführung, Aufsichtsrat, Prokura) bei rund zehn Prozent lag. Auf der Ebene der Fachführungskräfte hatten Frauen einen Anteil von 23,7 Prozent. Die meisten von ihnen waren in den Sektoren Werbung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit sowie in der Personalentwicklung tätig.



 

"Bis dato wenig verändert"

 



Auffällig war, dass der Frauenanteil im Spitzenmanagement bei Unternehmen im Sektor der erneuerbaren Energien mit 8,3 Prozent sogar geringer war als bei konventionellen Energieunternehmen. Ähnlich sah es auf der Ebene der Fachführungskräfte aus: Hier stellten Frauen in Erneuerbaren-Unternehmen nur 19,9 Prozent. Die PwC-Untersuchung liegt zwar mehr als drei Jahre zurück. Elert sieht aber kaum Anzeichen dafür, dass seitdem mehr Frauen in die Führungsetagen aufgestiegen sind: „Bis dato hat sich an diesem Verhältnis wenig verändert.“

 

Damit könnte die Führung der Energiewirtschaft deutlich unter dem branchenübergreifend gemessenen Frauenanteil in Spitzenpositionen liegen. Eine Untersuchung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young Anfang dieses Jahres zeigte: 27 Prozent der 160 in den Börsenindizes Dax, MDax, SDax und TecDax gelisteten Unternehmen haben mindestens eine Frau im Topmanagement.

 

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