Klima
20.02.2018

Fraunhofer-Studie: Moos und aktive Fassaden reinigen Stadtluft

Foto: Stadt Stuttgart / teaser: istockphoto
Messstation an der Mooswand in der Nähe des Stuttgarter Neckartors.

Mooswände filtern Feinstaub, spezielle Farben verwandeln Stickoxide per Photokatalyse in Nitrate. Eine echte Alternative zu Fahrverboten in den Städten sind die Ideen bisher aber nicht.

Die Canstatter Straße in Stuttgart ist an einer Seite von einer drei Meter hohen Wand aus Moos gesäumt. Die Stadt und das Land Baden-Württemberg testen hier, ob sich mit dem Bewuchs Feinstaub reduzieren und die Qualität der Luft verbessern lässt. Dazu wird vor Ort regelmäßig die Schadstoffkonzentration gemessen. Die Auswertung wurde jedoch gerade ein zweites Mal verschoben, auf Frühsommer. Einmal musste bereits ein Drittel des Mooses an der 100 Meter langen Metallwand ausgetauscht werden – es war wegen Trockenheit und Algenbefall abgestorben.

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Die vierspurige Straße befindet sich unweit des Neckartors, wo es immer wieder zu Feinstaub-Alarm kommt. Regelmäßig werden hier die EU-Grenzwerte für Schadstoffe überschritten. Am Donnerstag will das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig darüber entscheiden, ob dutzende Städte wegen zu schlechter Luft Diesel-Fahrverbote verhängen müssen. Alternativen, wie sich Feinstaub und Stickoxide reduzieren lassen, stehen deshalb gerade hoch im Kurs. Einer Fraunhofer-Studie im Auftrag des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle (BuVEG) zufolge sorgen insbesondere aktive Fassaden und Straßenbelege sowie Moose und Gräser für bessere Luft. Dem BuVEG gehört unter anderem der Chemiekonzern BASF an.

Mooswand Stuttgart
Die Mooswand in Stuttgart frisch nach der ersten Bepflanzung. Foto: vossen grüntext.de

15 Prozent weniger Stickoxide durch grüne Wände

Der Studie zufolge ließen sich in einem Versuch durch großflächig begrünte Wände in Straßenschluchten bis zu 15 Prozent der Stickoxide filtern. Bei geringem Wind konnten Wissenschaftler sogar 40 Prozent weniger Stickoxide nachweisen. Moos ist besonders gut geeignet um Feinstaub zu binden, weil es die Oberfläche bis zu 30-fach vergrößert. Zudem gibt es den Wissenschaftlern zufolge Hinweise, dass sich Schadstoffe aus der Luft nicht nur im Moos absetzen, sondern dass sie dort auch abgebaut werden. Dazu seien jedoch weitere wissenschaftliche Messungen nötig.

Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik entwickelt momentan eine neue Methode, um Moos an der Oberfläche von Gebäuden anzusiedeln. Erste Ergebnisse seien vielversprechend, heißt es. Denn Moos reduziert nicht nur die Feinstaubbelastung, sondern braucht auch deutlich weniger Substrat und Wasser als andere Pflanzen.

Problem: Nitrat gelangt ins Grundwasser

Grundsätzlich gilt: Fein gegliederte oder haarige Pflanzenblätter filtern Staubpartikel am besten – egal, ob es sich um Holzgewächse oder andere Pflanzen handelt. Wenn die Windgeschwindigkeit dann noch gering ist, ist der Reinigungseffekt am größten. Gleichzeitig sollte die Luft aber gut strömen können: Enge Straßenschluchten in Kombination mit Alleebäumen sind der Studie zufolge beispielsweise eher hinderlich, da die Luftmassen nicht richtig ausgetauscht werden können und der Schmutz kaum abtransportiert wird.

Außerdem könnten Farben und Straßenbeläge die Luft verbessern: Sie verwandeln gesundheitsschädliche Stickoxide durch Sonneneinstrahlung in Nitrate. Solche aktiven Oberflächen nutzen dazu die sogenannte Photokatalyse, eine durch Licht ausgelöste, chemische Reaktion. Auf dem Markt sind etwa photokatalytisch aktive Farben und Putze, Keramikfliesen für Fassaden, Beton oder Straßenbeläge. Allerdings erzielten Forscher bisher nur unter Laborbedingungen vielversprechende Ergebnisse. Nur, wenn Faktoren wie Temperatur, Feuchte und Lichtintensität stimmen, werden die Schadstoffe auch unter Realbedingungen vollständig umgewandelt. Außerdem entstehen durch die Photokatalyse von Stickoxiden wasserlösliche Nitrate, die vom Regen abgewaschen werden und ins Grundwasser gelangen. Und steigende Nitratwerte sind dort ohnehin schon ein Problem.

Umweltschützern zufolge sind Ideen wie eine stärkere Begrünung, aktive Farben und Straßenbeläge nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe etwa ist nur ein Fahrverbot für Diesel-Fahrzeuge wirklich wirksam - schließlich seien deren Motoren für bis zu 80 Prozent der innerstädtischen Stickoxid-Belastung verantwortlich.

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Jutta Maier
Keywords:
Luftverschmutzung | Diesel-Fahrverbote | Feinstaub | Stickoxid | Städte
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