"Fußgänger dürfen sich nicht als Verkehrsteilnehmer letzter Klasse fühlen", meinte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) auf dem 3. Fußverkehrskongress, den er gemeinsam mit seinem baden-württembergischen Amtskollegen Winfried Hermann (Grüne) veranstaltete. Das Mantra der teilweise online, teilweise im Stuttgarter Stadtpalais stattfindenden Zusammenkunft: Zufußgehen stärken.

Im Vorfeld des Kongresses hatte die Grüne Fraktion eine Kleine Anfrage zum Fußverkehr veröffentlicht, vielmehr die Antwort der Bundesregierung darauf. Zentral darin ist die Anzahl der Fußgänger unter den Verkehrstoten: 417 Menschen kamen 2019 ums Leben, als sie zu Fuß auf den Straßen unterwegs waren.  Damit war jeder siebte Verkehrstote ein Fußgänger. Im Vergleich dazu: Im selben Zeitraum starben 445 Radfahrer. Die Bundesregierung gab an, dass seit 2015 insgesamt 2.550 Fußgänger dem Verkehr zum Opfer fielen.

Die Grünen-Politiker fordern Maßnahmen: Tempo 30 innerorts, Parkverbot an Kreuzungen, sowie verbindliche Regelungen und Zuständigkeiten. Derzeit sei der Fußverkehr im Verkehrsministerium durch das Referat "Radverkehr RV1" vertreten, kritisieren die Oppositionspolitiker, die fehlende Selbstvertretung sei ein Symbol für den an den Straßenrand gedrängten Fußverkehr.

Bundesminister Scheuer versicherte auf dem Kongress: Die Politik müsse sich mehr um den Fußverkehr kümmern. Dabei reichten Strafen und Sicherheitskampagnen nicht aus, dass die Bevölkerung ihr Auto im großen Stil in der Garage lasse. Stattdessen stellte Scheuer in Aussicht, die Auto-zentrierte Infrastruktur anzupassen. Er kündigte zudem einen Nationalen Fußverkehrsplans an, wie er für den Radverkehr seit 2002 existiert. Konkrete Details nannte er jedoch nicht.

Tempo 30 als Regel innerorts gefordert

Winfried Hermann (Grüne), als baden-württembergischer Verkehrsminister Gastgeber des Kongresses, steckte seinem Bundesland ein ambitioniertes Ziel: Der Anteil zu Fuß zurückgelegter Wege soll in seinem Land auf 30 Prozent steigen und damit eine rückläufige Bewegung umkehren: 2008 errechnete das Bundesverkehrsministerium, dass 25 Prozent aller deutschlandweit zurückgelegten Wege zu Fuß beschritten werden. 2017 war der Anteil auf 22 Prozent gesunken.

Die Städte seien heute insbesondere autogerecht, kritisierte Hermann. Dies sei ein in die Jahre gekommenes Leitbild. "Heute leben wir gewissermaßen in Asphalt und Beton der Gestaltung der früheren Jahrzehnte." Schmale oder zugeparkte Gehwege, autofreundliche Ampelschaltungen, stellten im Straßenverkehr Barrieren für Kinder und Senioren dar – ausgerechnet für die beiden demografischen Gruppen, die laut der Mobilitätsstudie des Verkehrsministeriums  am häufigsten zu Fuß unterwegs sind.

Roland Stimpel vom Fuss e.V.  zeigte sich mit dem Kongress zufrieden. Die mehr als tausend Teilnehmer zeigten, dass das Thema immer wichtiger werde. Auch merke die Politik nun, dass geh-freundliche Themen Vorteile mit sich brächten: Effizienten Verkehr mit wenig Aufwand, Umwelt- und Klimaschutz, belebte Städte, mehr Bewegung und Gesundheit.

Nach Stimpels Einschätzung sei sich der Kongress darüber einig gewesen, dass es mehr Raum, mehr Vorrang und mehr Sicherheit für Fußgänger geben soll. Die Aufbruchstimmung müsse sich nun auch in verbindlichen, fußgängerfreundlichen Regeln wiederfinden. Stimpel: "Tempo 30 muss in den Städten und Dörfern die Regel sein." Außerdem fordert der Verband vereinfachte Regularien für Zebrastreifen und konsequente Parkverbote auf Gehwegen. Bremen und Baden-Württemberg gingen als aufgeschlossene Bundesländer vorneweg beim Fußverkehr, meint der Verkehrsexperte. Diesen Bundesländern gelte es beim Fußverkehr zu folgen.

Mehr Platz und ein attraktiveres Angebot für Fußgänger sind Ziele für die angekündigte Fußverkehrsstrategie. Für Radfahrer gibt es einen solchen Plan seit 2002. (Copyright: Alex Motoc, Unsplash)